Sanhedrin — Blatt 92b
1Wenn du aber fragst, was denn die Frommen machen werden während der Jahre, in denen der Heilige, gepriesen sei er, seine Welt erneuern wird, wie es heißt: und der Herr allein wird an jenem Tage erhaben sein? Der Heilige, gepriesen sei er, wird ihnen Flügel machen, gleich den Adlern, und sie werden über dem Wasser schweben, denn es heißt: darum fürchten wir uns nicht, wenn sich die Erde verwandelt, wenn die Berge mitten im Meere wanken. Vielleicht glaubst du, dies werde für sie eine Qual sein, so heißt es: die auf den Herrn hoffen, gewinnen neue Kraft, sie erheben ihre Schwingen wie die Adler, sie laufen und werden nicht matt, sie gehen und werden nicht müde. –
2Sollte man doch von den Toten folgern, die Jeḥezqel belebt hatte!? – Er ist der Ansicht desjenigen, welcher sagt, es sei in Wirklichkeit nur eine Dichtung.
3Es wird nämlich gelehrt: R. Elie͑zer sagte: Die Toten, die Jeḥezqel belebt hatte, stellten sich auf ihre Füße, stimmten ein Lied an und starben. Welches Lied stimmten sie an? – Der Herr tötet in Gerechtigkeit und belebt in Erbarmen. R. Jehošua͑ sagte: Sie stimmten folgendes Lied an: Der Herr tötet und macht lebendig, er stürzt in die Unterwelt und führt herauf.
4R. Jehuda sagte: Dies ist eine wirkliche Dichtung. R. Neḥemja sprach zu ihm: Wenn wirklich, wieso eine Dichtung, wenn eine Dichtung, wieso wirklich!? – Vielmehr, in Wirklichkeit ist es eine Dichtung. R. Elie͑zer, Sohn R. Jose des Galiläers, sagte: Die Toten, die Jeḥezqel belebt hatte, gingen nach dem Jisraéllande, nahmen da Frauen und zeugten Söhne und Töchter. R. Jehuda b. Bethera stellte sich (auf seine Füße) hin und sprach: Ich bin von ihren Enkelkindern, und das sind die Tephillin, die mir mein Großvater von ihnen hinterlassen hat.
5Wer waren die Toten, die Jeḥezqel belebt hatte?
6Rabh erwiderte: Es waren die Nachkommen Ephrajims, die das Ende [des Exils] berechnet und sich geirrt hatten. Es heißt nämlich: Die Söhne Ephrajims waren: Šuthelaḥ, dessen Sohn war Bered, dessen Sohn Taḥath, dessen Sohn Elea͑da, dessen Sohn Taḥath, dessen Sohn Zabad, dessen Sohn Šuthelaḥ und E͑zer und Elea͑zar ; und die Männer von Gath, die im Lande geboren waren, töteten sie &c. Ferner heißt es: da trauerte ihr Stammvater Ephrajim lange Zeit, und seine Brüder kamen, ihn zu trösten.
7Šemuél erklärte: Es waren Leute, die die Auferstehung der Toten leugneten, denn es heißt: da sprach er zu mir: Menschensohn, diese Gebeine sind das ganze Haus Jisraél; sie sprechen. Verdorrt sind unsere Gebeine und unsere Hoffnung ist geschwunden, wir sind vernichtet.
8R. Jirmeja b. Abba erklärte; Es waren Leute, die von jeder Feuchtigkeit der Tugend bar waren, denn es heißt: ihr verdorrten Gebeine, höret das Wort des Herrn.
9R. Jiçḥaq der Schmied erklärte: Es waren die Leute, die den ganzen Tempel mit Kriech‐ und Ekeltieren bedeckt hatten, wie es heißt: als ich nun hineinkam, da sah ich allerlei Gebilde von Kriechtieren, Vieh und Ekeltieren, und alle Götzen des Hauses Jisraél ringsherum an der Wand eingegraben &c. Und es heißt: und er ließ mich ringsherum vorübergehen.
10R. Joḥanan erklärte: Es waren die Toten vom Tale Dura. Sie befanden sich, wie R. Joḥanan sagte, von Nehar Ešel bis Rabbath im Tale Dura. Als nämlich der ruchlose Nebukhadneçar die Jisraéliten in die Verbannung führte, waren unter ihnen junge Leute, die durch ihre Schönheit die Sonne beschämten, und wenn die Khaldäerinnen sie sahen, bekamen sie den Fluß. Sie sagten es ihren Männern, und die Männer sagten es dem Könige. Da befahl der König und man tötete sie. Als sie aber noch immer den Fluß bekamen, befahl der König, und man zertrat sie.
11Die Rabbanan lehrten: Als Nebukhadneçar Ḥananja, Mišaél und A͑zarja in den Schmelzofen werfen ließ, sprach der Heilige, gepriesen sei er, zu Jeḥezqel: Geh, belebe die Toten im Tale Dura. Nachdem er sie belebt hatte, kamen ihre Gebeine und schlugen jenem Frevler ins Gesicht. Als er fragte, wer diese seien, erwiderte man ihm: Ein Genosse von diesen belebt die Toten im Tale Dura. Da hub er an und sprach: Wie groß sind seine Zeichen, wie gewaltig seine Wunder; sein Reich ist ein ewiges Reich und seine Herrschaft besteht für alle Geschlechter &c,
12R. Jiçḥaq sagte: Mag siedendes Gold in den Mund dieses Frevlers gegossen werden; wenn nicht ein Engel gekommen wäre und ihm auf den Mund geschlagen hätte, so würde er alle Lieder und Lobgesänge, die David im Buche der Psalmen gedichtet hat, beschämt haben.
13Die Rabbanan lehrten: Sechs Wunder ereigneten sich an jenem Tage, und zwar: der Schmelzofen hob sich in die Höhe, der Schmelzofen wurde durchbrochen, der Kalk löste sich auf, das Götzenbild fiel auf sein Gesicht, vier Könige wurden verbrannt, und Jeḥezqel belebte die Toten im Tale Dura.
14Alle sind sie uns aus einer Überlieferung bekannt, aber das von den vier Königen befindet sich in der Schrift, denn es heißt: hierauf sandte der König Nebukhadneçar [Boten] aus, um die Satrapen, Oberbeamten und Statthalter, die Oberrichter, Schatzmeister, Rechtskundigen, Richter und alle anderen Provinzialbeamten zusammenzurufen &c. Ferner: nun sind da judäische Männer &c. Ferner: und die Satrapen, Oberbeamten, Statthalter und Minister des Königs versammelten sich und sahen jene Männer &c.
15In der Schule des R. Elie͑zer b. Ja͑qob wurde gelehrt: Selbst in der Stunde der Gefahr gebe der Mensch seinen Stolz nicht auf, denn es heißt: da wurden diese Männer gefesselt in ihren Untergewändern, Röcken, Mänteln &c .
16R. Joḥanan sagte:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.