Sanhedrin — Blatt 92a
1den verwünscht das Volk. Unter ‘Volk’ sind die Geburten zu verstehen, denn es heißt: ein Volksstamm wird dem anderen überlegen sein . Unter ‘verwünschen’ ist verfluchen zu verstehen, denn es heißt: wie soll ich verwünschen, den Gott nicht verwünscht . Unter ‘Getreide’ ist die Tora zu verstehen, denn es heißt: rüstet euch mit Lauterkeit , damit er nicht zürne.
2U͑la b. Jišmaél sagte: Sie durchlochen ihn wie ein Sieb, denn hier heißt es: den verwünscht das Volk und dort heißt es: und bohrte ein Loch in die Tür. Abajje sagte: Wie ein Wäscherkorb. –
3Welche Belohnung erhält er, wenn er ihn wohl lehrt? Raba erwiderte: Ihm sind Segen beschieden, wie Joseph. Es heißt nämlich: und Segen kommt über das Haupt des Getreide‐Verkäufers, und unter ‘Getreide‐Verkäufer’ ist Joseph zu verstehen, denn es heißt: und Joseph, der Machthaber war im Lande, verkaufte aller Welt Getreide.
4R. Šešeth sagte: Wer das Gesetz auf dieser Welt lehrt, dem ist es beschieden, es auch in der zukünftigen Welt zu lehren, denn es heißt: wer reichlich tränkt, wird auch tränken .
5Raba sagte: Wo ist die Auferstehung der Toten in der Tora zu finden? Es heißt: es lebe Reúben und sterbe nicht; es lebe Reúben, auf dieser Welt, und sterbe nicht, in der zukünftigen Welt. Rabina sagte: Hieraus: und viele von denen, die im Erdenstaube schlafen, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die anderen zur Schmach und zu ewigem Abscheu. R. Aši sagte: Hieraus: du aber gehe hin, dem Ende entgegen; du sollst ruhen und auferstehen, um dein Los zu empfangen am Ende der Tage.
6R. Elea͑zar sagte: Wenn ein Gemeindeverwalter die Gemeinde in Sanftmut leitet, so ist es ihm beschieden, sie auch in der zukünftigen Welt zu leiten, denn es heißt: denn ihr Erbarmer wird sie führen und an Wasserquellen behutsam geleiten.
7Ferner sagte R. Elea͑zar: Groß ist die Einsicht, daß sie zwischen zwei Gottesnamen gesetzt wurde, denn es heißt: Ein Gott [der] Einsicht [ist der] Herr.
8Ferner sagte R. Elea͑zar: Groß ist das Heiligtum, daß es zwischen zwei Gottesnamen gesetzt wurde, denn es heißt: das hast du errichtet, Herr, [das] Heiligtum, Herr, haben deine Hände bereitet. R. Ada aus Qorḥina wandte ein: Demnach ist auch die Rache groß, da sie ebenfalls zwischen zwei Gottesnamen gesetzt wurde, denn es heißt: ein Gott [der] Rache [ist der] Herr, als Gott der Rache erschien er!?
9Dieser erwiderte: Erforderlichenfalls ist sie es auch. Dies nach U͑la; denn U͑la sagte: Worauf deuten die beiden ‘Erscheinungen’? Eine auf die Eigenschaft der Güte und eine auf die Eigenschaft der Strafe.
10Ferner sagte R. Elea͑zar: Wenn ein Mensch Einsicht besitzt, so ist es ebenso, als würde das Heiligtum in seinen Tagen erbaut worden sein, denn das eine wurde zwischen zwei Gottesnamen gesetzt und das andere wurde ebenfalls zwischen zwei Gottesnamen gesetzt.
11Ferner sagte R. Elea͑zar: Ein Mensch, der Einsicht besitzt, wird endlich reich, denn es heißt: durch Einsicht werden die Kammern gefüllt mit allerlei kostbarer und lieblicher Habe.
12Ferner sagte R. Elea͑zar: Wenn ein Mensch keine Einsicht besitzt, so ist es verboten sich seiner zu erbarmen, denn es heißt: denn es ist ein Volk ohne Einsicht, deshalb erbarmt sich sein Schöpfer seiner nicht und sein Urheber begnadigt es nicht.
13Ferner sagte R. Elea͑zar: Wer sein Brot an einen verabreicht, der keine Einsicht besitzt, über den kommen Leiden, denn es heißt: die dein Brot essen, legen dir Fangnetze [mazor] unter, keine Einsicht ist in ihm, und unter mazor sind Leiden zu verstehen, denn es heißt: Ephrajim sah seine Krankheit und Jehuda merkte sein Leiden [mazoro].
14Ferner sagte R. Elea͑zar: Ein Mensch, der keine Einsicht besitzt, wandert endlich in die Verbannung, denn es heißt: mein Volk wird unversehens in die Verbannung wandern.
15Ferner sagte R. Elea͑zar: Ein Haus, in dem man nachts keine Worte der Tora hört, wird vom Feuer verzehrt, denn es heißt: im tiefsten Dunkel sind seine Schätze versteckt, ein Feuer, das nicht angefacht ward, verzehrt ihn; es weidet ab das Übrigbleibende in seinem Zelte; unter ‘Übrigbleibende’ sind die Schriftgelehrten zu verstehen, denn es heißt: und die Übrigbleibenden, die der Herr beruft.
16Ferner sagte R. Elea͑zar: Wer nicht die Schriftgelehrten von seinen Gütern genießen läßt, sieht nie ein Zeichen des Segens, denn es heißt: kein Übriggebliebenes bei seinem Essen, darum hat sein Glück keinen Bestand; unter ‘Übriggebliebenes’ sind die Schriftgelehrten zu verstehen, denn es heißt: und die Übrigbleibenden, die der Herr beruft.
17Ferner sagte R. Elea͑zar: Wer kein Brot auf seinem Tische zurückläßt, sieht nie ein Zeichen des Segens, denn es heißt: kein Übriggebliebenes bei seinem Essen, darum hat sein Glück keinen Bestand. –
18R. Elea͑zar sagte ja aber, wenn jemand Brocken auf seinem Tische zurückläßt, sei es ebenso, als hätte er Götzen gedient, denn es heißt: die ihr dem Glücksgott einen Tisch zurichtet und dem Verhängnisse Mischtrank einschenkt!? – Dies ist kein Einwand; eines, wenn darunter ein ganzes [Brot] ist, und eines, wenn darunter kein ganzes ist.
19Ferner sagte R. Elea͑zar: Wenn jemand sein Wort wechselt, so ist es ebenso, als diene er Götzen, denn hierbei heißt es: ich erscheine dann in seinen Augen wie einer, der [mit ihm] Spott treibt, und dort heißt es: eitel sind sie, ein Spottwerk.
20Ferner sagte R. Elea͑zar: Wer die Scham betrachtet, dessen Glied wird impotent, denn es heißt: bloß und blank ist dein Bogen.
21Ferner sagte R. Elea͑zar: Bleibe im Dunkeln, so wirst du leben. R. Zera sagte: Auch wir haben demgemäß gelernt: In einem dunklen Hause breche man keine Fenster auf, um den Aussatz zu besichtigen. Schließe hieraus.
22R. Ṭabi sagte im Namen R. Jošijas: Es heißt: das Grab, der verschlossene Mutterschoß, die Erde, die des Wassers nie satt wird. In welchem Zusammenhange steht das Grab mit dem Mutterschoße? Dies besagt dir: wie der Mutterschoß aufnimmt und zurückgibt, ebenso nimmt auch das Grab auf und gibt zurück.
23Nun ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn der Mutterschoß, der im Stillen aufnimmt, unter Lärmen zurückgibt, um wieviel mehr wird das Grab, das unter Lärmen aufnimmt, unter Lärmen zurückgeben. Hieraus entnehme man eine Erwiderung gegen diejenigen, welche sagen, die Auferstehung der Toten sei nicht in der Tora zu finden.
24In der Schule Elijahus wurde gelehrt: Die Frommen, die der Heilige, gepriesen sei er, dereinst beleben wird, werden nicht mehr zu ihrem Staube zurückkehren, denn es heißt: und die in Çijon überleben und in Jerušalem übrig bleiben, sollen heilig heißen; alle, die zum Leben in Jerušalem eingetragen sind; wie das Heilige ewig besteht, ebenso werden sie ewig bestehen.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.