Schabbat — Blatt 108a
1Wer Schwamm vom Rande eines Eimers losreißt, ist wegen Entreißens einer Sache von ihrem Wachstum schuldig. R. Oša͑ja wandte ein: Wer aus einem durchlochten Pflanzentopfe pflückt, ist schuldig; wenn aus einem undurchlochten, so ist er frei!? – Da ist es kein natürliches Wachsen, hierbei aber ist es das natürliche Wachsen.
2WILD ODER GEFLÜGEL &C. R. Hona sagte: Man darf auf die Haut eines reinen Vogels Tephillin schreiben. R. Joseph sprach: Er lehrt uns damit, daß dieser eine Haut habe, und dies wurde ja bereits gelehrt: wer sie verwundet, ist schuldig!? Abajje erwiderte ihm: Er lehrt uns vieles. Wollte man es aus der Mišna entnehmen, so könnte man glauben, dazu nicht, weil sie Löcher hat, so lehrt er uns. So sagen sie im Westen, ein Loch, über das die Tinte hinweggeht, gelte nicht als Loch.
3R. Zera wandte ein: Mit den Federn, dies schließt auch die Haut ein. Wieso schließt sie die Schrift ein, wenn du sagst, sie gelte als richtige Haut!? Abajje erwiderte: Sie ist eine richtige Haut, und der Allbarmherzige schließt sie ein.
4Manche lesen: R. Zera sagte: Auch wir haben demgemäß gelernt: Mit den Federn, dies schließt die Haut ein. Allerdings ist ein Schriftvers zur Einschließung nötig, wenn du sagst, sie gelte als Haut, wozu aber ist ein Schriftvers zur Einschließung nötig, wenn du sagst, sie gelte nicht als Haut!? Abajje sprach zu ihm: Tatsächlich, kann ich dir erwidern, gilt sie nicht als Haut, dennoch ist dies nötig; man könnte nämlich glauben, sie sei [für den Altar] verwerflich, da sie löchrig ist, so lehrt er uns.
5Mar, der Sohn Rabinas, fragte R. Naḥman b. Jiçḥaq: Darf man Tephillin auf die Haut eines reinen Fisches schreiben? Dieser erwiderte: Wenn Elijahu kommen wird, so wird er es sagen. – Was heißt: wenn Elijahu kommen wird, so wird er es sagen: wollte man sagen, ob dieser eine Haut hat oder nicht, so sehen wir ja, daß er eine Haut hat; auch haben wir gelernt, die Gräten des Fisches und seine Haut schützen vor Unreinheit im Zelte eines Leichnams!? – Vielmehr: Wenn Elijahu kommen wird, wird er sagen, ob von dieser der Schmutz entfernt wird oder nicht.
6Šemuél und Qarna saßen am Ufer des Königsflusses und bemerkten, daß das Wasser hoch stand und trübe war; da sprach Šemuél zu Qarna: Ein großer Mann ist gekommen, der an Leibschmerzen leidet; das Wasser ist daher gestiegen, um ihn zu empfangen; geh, rieche ihn an seinen Krug. Da ging er hin und fand Rabh. Da sprach er zu ihm: Woher, daß man Tephillin nur auf [die Haut] eines reinen Tieres schreiben darf? Dieser erwiderte: Es heißt: damit die Lehre des Herrn in deinem Munde sei; nur auf das, was in deinen Mund kommen darf. – Woher, daß das Blut rot sein muß? – Es heißt: und das Wasser erschien den Moabitern rot wie Blut. –
7Woher, daß die Beschneidung an dieser Stelle zu vollziehen ist? – Hierbei heißt es: seine Vorhaut, und dort heißt es: seine Vorhaut, wie dort eine Sache die Frucht bringt, so auch hier das Glied, das Frucht bringt. – Vielleicht aber das Herz, denn es heißt: ihr sollt die Vorhaut eueres Herzens beschneiden!? Oder vielleicht das Ohr, denn es heißt: ihr Ohr ist mit einer Vorhaut versehen!? – Man folgere hinsichtlich des vollständigen seine Vorhaut vom vollständigen seine Vorhaut, nicht aber folgere man hinsichtlich des vollständigen seine Vorhaut vom unvollständigen Vorhaut.
8Hierauf fragte ihn jener: Wie heißt du? – Qarna [Horn]. Da sprach er: So möge ihm Horn im Auge wachsen.
9Endlich brachte ihn Šemuél in sein Haus; er gab ihm Gerstenbrot und Fischspeise zu essen und Met zu trinken, zeigte ihm aber den Abort nicht, damit er den Durchfall bekomme. Da fluchte Rabh und sprach: Wer mir zuleide tut, dem sollen keine Kinder erhalten bleiben. Und so geschah es auch.
10Hierüber [streiten auch] Tannaím: Woher, daß die Beschneidung an dieser Stelle zu vollziehen ist? Hier heißt es: seine Vorhaut, und dort heißt es: seine Vorhaut; wie dort ein Gegenstand, der Frucht bringt, so auch hier das Glied, das Frucht bringt – so R. Jošija. R. Nathan sagt, dies sei garnicht nötig; es heißt: ein unbeschnittener Mann aber, der seine Vorhaut nicht beschneidet, die Stelle, durch die man zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit unterscheidet.
11Die Rabbanan lehrten: Man schreibe die Tephillin auf die Haut eines reinen Tieres, auf die Haut eines reinen Wildes und auf [die Haut] von deren Äsern und Totverletzten; ferner sind sie mit deren Haaren zu umbinden und mit deren Sehnen zu vernähen. Es ist eine Moše am Sinaj überlieferte Halakha, daß die Tephillin mit deren Haaren zu umbinden und mit deren Sehnen zu vernähen sind. Man darf sie aber nicht auf die Haut eines unreinen Tieres oder auf die eines unreinen Wildes schreiben, und um so weniger auf [die Haut] von deren Äsern und Totverletzten; ferner dürfen sie nicht mit deren Haaren umbunden und mit deren Sehnen vernäht werden.
12Ein Boéthusäer fragte R. Jehošua͑ den Gräupner: Woher, daß man nicht die Tephillin auf die Haut eines unreinen Tieres schreiben darf? – Es heißt: damit die Lehre des Herrn in deinem Munde sei; nur auf das, was in deinen Mund kommen darf. – Demnach sollte man sie auch auf [die Haut] von Äsern und Totverletzten nicht schreiben dürfen!? Dieser erwiderte: Ich will dir ein Gleichnis sagen, womit dies zu vergleichen ist. Zwei Personen wurden vom König zum Tode verurteilt, einen tötete der König selber, und einen anderen tötete der Speculator. Wer von ihnen ist der Bevorzugte? Doch wohl derjenige, den der König selbst getötet hat. – Demnach sollte man sie auch essen dürfen!? Dieser erwiderte: Die Tora sagt: ihr dürft keinerlei Aas essen, und du sagst, man sollte sie essen dürfen. Da sprach jener: Vortrefflich.
13MAN DARF AM ŠABBATH KEINE SALZTUNKE BEREITEN,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.