Schabbat — Blatt 119b
1ging hinter den paarweise gehenden Jüngern und sprach zu ihnen: Ich bitte euch, entweiht ihn doch nicht.
2Raba, manche sagen, R. Jehošua͑ b. Levi, sagte: Auch wer am Šabbathabend einzeln betet, muß [den Abschnitt] ‘So wurden vollendet’ lesen. R. Hamnuna sagte nämlich: Wer am Šabbathabend betet und den Abschnitt ‘So wurden vollendet’ liest, dem rechnet es der Schriftvers an, als wäre er mit dem Heiligen, gepriesen sei er, beim Schöpfungswerke beteiligt, denn es heißt: so wurden vollendet, und man lese nicht: so wurden vollendet, sondern: so vollendeten sie. R. Elea͑zar sagte: Woher, daß das Sprechen dem Tun gleiche? Es heißt: durch das Wort des Herrn wurde der Himmel gefertigt.
3R. Ḥisda sagte im Namen Mar U͑qabas: Wer am Šabbathabend betet und den Abschnitt ‘So wurden vollendet’ liest, den begleiten zwei Dienstengel, die ihre Hände auf sein Haupt legen und sprechen: Deine Missetat ist geschwunden und deine Sünde gesühnt. Es wird gelehrt: R. Jose b. Jehuda sagt: Zwei Dienstengel begleiten den Menschen am Šabbathabend vom Bethause nach seiner Wohnung, ein guter und ein böser. Wenn er nach Hause kommt und das Licht angezündet, den Tisch gedeckt und das Lager überzogen findet, so spricht der gute Engel: Möge es sein Wille sein, daß es auch am folgenden Šabbath so sei, und widerwillig spricht der böse Engel: Amen. Wenn aber nicht, so spricht der böse Engel: Möge es sein Wille sein, daß es auch am folgenden Šabbath so sei, und widerwillig spricht der gute Engel: Amen.
4R. Elie͑zer sagte: Stets ordne der Mensch eine ganze Tafel für den Šabbathabend, auch wenn er nur ein Olivengroßes [genießen] will. Auch sagte R. Ḥanina: Stets ordne der Mensch eine ganze Tafel zum Šabbathausgang, auch wenn er nur ein Olivengroßes [genießen] will. Warmes [Wasser] am Šabbathausgang ist eine Labung, warmes Brot am Šabbathausgang ist eine Labung. Für R. Abahu richtete man am Šabbathausgang ein dreijähriges Kalb her, von dem er nur die Nieren zu essen pflegte. Als sein Sohn Abimi herangewachsen war, sprach er zu ihm: Wozu läßt du so viel zu Schaden kommen, du kannst ja Nieren vom Vorabend des Šabbaths zurücklassen!? Darauf ließen sie sie einst zurück, da kam ein Löwe und fraß sie.
5R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Wenn jemand ‘Amen, sein großer Name sei gepriesen’ mit seiner ganzen Kraft spricht, so wird das über ihn gefällte [böse] Urteil zerrissen, denn es heißt: als Risse in Jisraél waren, willig war das Volk, preiset den Herrn. Weshalb sind Risse vorhanden? Weil sie den Herrn preisen. R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Selbst wenn ein Fleck des Götzendienstes ihm anhaftet, wird es ihm verziehen, denn da heißt es: als Risse waren, und hierbei heißt es ebenfalls: denn zerrissen ist es. Reš Laqiš sagte: Wer Amen mit seiner ganzen Kraft spricht, dem werden die Pforten des Paradieses geöffnet, denn es heißt: öffnet die Pforten, daß hineinziehe das rechtschaffene, Treue wahrende Volk, und man lese nicht šomer emunim [das Treue wahrende], sondern šeomrim Amenim [das Amen spricht]. – Was heißt Amen? R. Ḥanina erwiderte: [Die Anfangsbuchstaben von] El melekh neéman [Gott ist ein treuer König].
6R. Jehuda, der Sohn des R. Šemuél, sagte im Namen Rabhs: Eine Feuersbrunst pflegt nur da auszubrechen, wo der Šabbath entweiht wird, denn es heißt: wenn ihr aber nicht auf mich höret, den Šabbath heilig zu halten und keine Last zu tragen &c., so will ich Feuer an seine Tore legen, das soll die Paläste Jerušalems verzehren und nicht erlöschen. [Die Worte] und nicht erlöschen erklärte R. Naḥman b. Jiçḥaq: Zu einer Zeit, da die Leute es nicht löschen [dürfen]. Abajje sagte: Jerušalem wurde nur deshalb zerstört, weil man da den Šabbath entweihte, denn es heißt: vor meinen Šabbathen verschliessen sie ihre Augen, und ich wurde in ihrer Mitte entweiht.
7R. Abahu sagte: Jerušalem wurde nur deshalb zerstört, weil man da das Šema͑lesen morgens und abends unterließ, denn es heißt: wehe denen, die früh am Morgen dem Rauschtranke nachgehen &c., ferner: die Zither und Harfe, Pauke und Flöte und Wein zum Gelage vereinen, aber auf das Werk des Herrn nicht blicken, und ferner: deshalb wird mein Volk unversehens in die Verbannung wandern.
8R. Hamnuna sagte: Jerušalem wurde nur deshalb zerstört, weil man da die Schulkinder [vom Unterrichte] abhielt, denn es heißt: so gieße sie aus wegen des Kindes auf der Straße, gieße sie deswegen aus, weil das Kind auf der Straße weilt. U͑la sagte: Jerušalem wurde nur deshalb zerstört, weil es da an gegenseitiger Schamhaftigkeit fehlte, denn es heißt: schämen sollten sie sich, daß sie Greuel verübt haben; indes es gibt für sie keine Scham &c. R. Jiçḥaq sagte: Jerušalem wurde nur deshalb zerstört, weil sich da Klein und Groß ebenbürtig dünkten, denn es heißt: Priester und Volk in gleicher Weise, und darauf heißt es: völlig entleert wird das Land.
9R. A͑mram, Sohn des R. Šimo͑n b. R. Abba, sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Abba im Namen R. Ḥaninas: Jerušalem wurde nur deshalb zerstört, weil man da einander nicht zurechtwies, denn es heißt: ihre Fürsten glichen den Widdern, die keine Weide finden; wie bei den Widdern der eine seinen Kopf am Schwanze des anderen hält, so drückten die Jisraéliten jenes Zeitalters das Gesicht zu Boden und wiesen einander nicht zurecht. R. Jehuda sagte: Jerušalem ist nur deshalb zerstört worden, weil man da die Schriftgelehrten mißachtete, denn es heißt: und sie verhöhnten die Boten des Herrn, verachteten seine Worte und spotteten seiner Propheten, bis der Grimm des Herrn so stieg, daß keine Heilung mehr möglich war. – Was heißt: daß keine Heilung mehr möglich war? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: Wer Schriftgelehrte mißachtet, für dessen Wunde gibt es keine Heilung mehr.
10R. Jehuda sagte im Namen Rabhs: Was bedeutet der Schriftvers: Berührt meine Gesalbten nicht und tut meinen Propheten kein Leid? Berührt meine Gesalbten nicht, das sind die Schulkinder; und meinen Propheten tut kein Leid, das sind die Schriftgelehrten. Reš Laqiš sagte im Namen R. Jehudas, des Fürsten: Die Welt wird nur durch den Hauch der Schulkinder erhalten. R. Papa sprach zu Abajje: Wie ist es mit meinem und deinem? Dieser erwiderte: Der Hauch desjenigen, der schon die Sünde kennt, gleicht nicht dem Hauche desjenigen, der noch keine Sünde kennt. Reš Laqiš sagte ferner im Namen R. Jehudas, des Fürsten: Man halte die Schulkinder nicht [vom Unterrichte] zurück, selbst nicht zum Bau des Heiligtums. Ferner sagte Reš Laqiš im Namen R. Jehudas, des Fürsten: Es ist mir von meinen Vorfahren, manche lesen: von deinen Vorfahren, überliefert, daß jede Stadt, in der keine Schulkinder vorhanden sind, zerstört wird; Rabina liest: vernichtet wird.
11Raba sagte: Jerušalem wurde nur deshalb zerstört, weil da keine Männer der Treue mehr vorhanden waren, denn es heißt: durchstreift die Straßen Jerušalems, schauet und bringet in Erfahrung &c., ob da ein Mann ist, der Recht übt, der nach Treue sucht, so verzeihe ich ihr. – Dem ist aber nicht so, R. Qaṭṭina sagte ja: Selbst als Jerušalem im Straucheln war, fehlten da keine Männer der Treue, denn es heißt: wenn einer seinen Bruder im väterlichen Hause faßt und spricht: Du hast noch ein Obergewand, du sollst unser Gebieter sein; du hast Dinge, wegen welcher man sich wie in ein Gewand hüllt. Dieser Strauchelhaufe sei unter deiner Hand;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.