Schabbat — Blatt 127b

1Auch jene gehören zur Wohltätigkeit. Eine andere Lesart: Diese gehören zu jenen.

2Die Rabbanan lehrten: Wer über seinen Nächsten günstig urteilt, über den urteilt man ebenfalls günstig. Einst kam ein Mann aus Obergaliläa herab und vermietete sich bei einem Hausherrn im Süden auf drei Jahre. Am Vorabend des Versöhnungstages sprach er zu ihm: Gib mir meinen Lohn, ich will mein Weib und meine Kinder ernähren gehen. Dieser erwiderte: Ich habe kein Geld. Jener sprach: So gib mir Früchte. Dieser erwiderte: Ich habe keine. – So gib mir ein Stück Land. – Ich habe keines. – So gib mir ein Vieh. – Ich habe keines. – So gib mir Kissen und Polster. – Ich habe keine. Darauf nahm er seine Gerätschaften über den Rücken und ging mißmutig nach Hause.

3Nach dem Feste nahm der Hausherr den Lohn und eine Ladung für drei Esel, einer mit Speisen, einer mit Getränken und einer mit verschiedenen Kostbarkeiten, mit sich und zog zu jenem. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten und er ihm seinen Lohn gezahlt hatte,

4sprach er zu ihm: Wessen verdächtigtest du mich, als du zu mir sagtest, ‘Gib mir meinen Lohn’, und ich dir erwiderte, ‘ich habe kein Geld’? – Ich dachte, du hättest eine Gelegenheit gehabt, billig Waren zu kaufen und das Geld dafür verwendet. – Wessen verdächtigtest du mich, als du mir sagtest, ‘Gib mir ein Vieh’, und ich dir erwiderte, ‘ich habe kein Vieh’? – Ich dachte, es wäre bei anderen vermietet. – Wessen verdächtigtest du mich, als du zu mir sagtest, ‘Gib mir ein Stück Land’, und ich dir erwiderte, ‘Ich habe kein Land’? – Ich dachte, es wäre an andere verpachtet. – Wessen verdächtigtest du mich, als ich dir erwiderte, ‘Ich habe keine Früchte’? – Ich dachte, sie wären nicht verzehntet. – Wessen verdächtigtest du mich, als ich dir erwiderte, ‘Ich habe keine Kissen und Polster’? – Ich dachte, du hättest dein ganzes Vermögen dem Himmel geweiht.

5Da sprach er: Beim Kult, so war es auch; ich hatte mein ganzes Vermögen geweiht, weil mein Sohn Hyrqanos sich nicht mit der Tora befaßt hatte. Als ich aber zu meinen Genossen im Süden kam, lösten sie mir mein Gelübde auf. Und wie du mich zu meinen Gunsten beurteilt hast, so möge Gott auch über dich zu deinen Gunsten urteilen.

6Die Rabbanan lehrten: Einst kaufte ein Frommer ein jisraélitisches Mädchen los, und als sie in die Herberge kamen, legte er sie zu seinen Füßen. Am folgenden Tage stieg er hinab, nahm ein Tauchbad und lehrte seine Schüler.

7Alsdann sprach er zu ihnen: Wessen verdächtigtet ihr mich, als ich das Mädchen zu meinen Füßen gelegt hatte? – Wir dachten, unter uns wäre ein Schüler, von dem der Meister nicht überzeugt ist. –

8Wessen verdächtigtet ihr mich, als ich hinabstieg und ein Tauchbad nahm? – Wir dachten, der Meister hätte durch die Beschwerlichkeit der Reise Samenerguß gehabt. Da sprach er zu ihnen: Beim Kult, so war es auch. Und wie ihr mich zu meinen Gunsten beurteilt habt, so möge Gott auch über euch zu eueren Gunsten urteilen.

9Die Rabbanan lehrten: Einst hatten die Schriftgelehrten ein Anliegen an eine Matrone, bei der alle Vornehmen Roms zu verkehren pflegten, und sie sprachen: Wer geht hin? Da sprach R. Jehošua͑: Ich gehe hin.

10Hierauf ging R. Jehošua͑ in Begleitung seiner Schüler zu ihr hin. Als sie den Eingang ihres Hauses erreichten, nahm er in einer Entfernung von vier Ellen die Tephillin ab, trat ein und schloß vor ihnen die Tür ab. Als er herauskam, stieg er hinab, nahm ein Tauchbad und unterrichtete seine Schüler.

11Alsdann sprach er zu ihnen: Wessen verdächtigtet ihr mich, als ich meine Tephillin abnahm? – Wir sagten, der Meister hätte gedacht, Dinge der Heiligkeit dürfen nicht an einen Ort der Unreinheit kommen. –

12Wessen verdächtigtet ihr mich, als ich die Tür abschloß? – Wir dachten, er hätte eine Staatsangelegenheit mit ihr [zu besprechen]. –

13Wessen verdächtigtet ihr mich, als ich hinabstieg und ein Tauchbad nahm? – Wir dachten, sie könnte mit dem Speichel ihres Mundes die Kleider des Meisters bespritzt haben. Da sprach er zu ihnen: Beim Kult, so war es auch, und wie ihr mich zu meinen Gunsten beurteilt habt, so möge Gott auch über euch zu eueren Gunsten urteilen.

14MAN DARF REINE HEBE &C. FORTRÄUMEN. Selbstverständlich!? – Dies ist für den Fall nötig, wenn sie sich in der Hand eines Jisraéliten befindet; man könnte glauben, es sei verboten, da diese für ihn nicht verwendbar ist, so lehrt er uns, daß es, da sie für einen Priester verwendbar ist, zulässig sei.

15DEMAJ &C. Demaj ist ja für ihn nicht verwendbar!? – Da es, wenn er sein Vermögen preisgeben und ein Armer sein wollte, für ihn verwendbar sein würde, so ist es auch jetzt für ihn verwendbar. Wir haben nämlich gelernt: Man darf den Armen und den einquartierten Truppen Demaj zu essen geben. Auch sagte R. Hona: Es wird gelehrt: Die Schule Šammajs sagt, man dürfe den Armen und den einquartierten Truppen kein Demaj zu essen geben; die Schule Hillels sagt, man dürfe den Armen und den einquartierten Truppen Demaj zu essen geben.

16ERSTEN ZEHNTEN, VON DEM DIE HEBE ENTRICHTET WORDEN IST. Selbstverständlich!? – Dies ist wegen des Falles nötig, wenn er bereits von den Halmen abgehoben, und davon nur die Zehnthebe und nicht die große Hebe abgesondert worden ist.

17R. Abahu sagte nämlich im Namen des Reš Laqiš: Der erste Zehnt, den man vorher von den Halmen abgesondert hat, ist von der großen Hebe frei, denn es heißt: ihr sollt davon eine Hebe für den Herrn abheben, einen Zehnten vom Zehnten, einen Zehnten vom Zehnten habe ich dir geboten, nicht aber die große Hebe und die Zehnthebe vom Zehnten.

18R. Papa sprach zu Abajje: Demnach sollte er davon frei sein, auch wenn er ihm beim Getreidehaufen zuvorgekommen ist!? Dieser erwiderte: Deinetwegen sagt die Schrift: Von all eueren Gaben sollt ihr abheben &c. –

19Woraus ersiehst du dies? – Dieses ist bereits Getreide, jenes aber nicht.

20ZWEITEN ZEHNTEN &C. Selbstverständlich!? – Dies ist wegen des Falles nötig, wenn man den Grundwert, aber nicht das Fünftel entrichtet hat; er lehrt uns, daß es vom Fünftel nicht abhängig sei.

21GETROCKNETE LUPINEN &C. Nur getrocknete und keine feuchten, denn solche sind bitter und man ißt sie nicht.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.