Schabbat — Blatt 33b
1der Zehnte. R. Elea͑zar, Sohn des R. Jose, sagt, wegen der Verleumdung. Raba, nach anderen, R. Jehošua͑ b. Levi, sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: der König wird sich Gottes freuen; rühmen wird sich jeder, der bei ihm schwört, daß den Lügenrednern der Mund verstopft wird.
2Sie fragten: Meint R. Elea͑zar, Sohn des R. Jose, [sie komme] nur wegen der Verleumdung, oder meint er, auch wegen der Verleumdung? – Komm und höre: Als unsere Lehrer in der Akademie zu Jabne zusammentraten, waren da R. Jehuda, R. Elea͑zar, Sohn des R. Jose, und R. Šimo͑n anwesend, und man legte ihnen folgende Frage vor: Warum beginnt diese Plage in den Eingeweiden und endet im Munde? Da nahm R. Jehuda, Sohn des R. Elea͑j, überall das Haupt der Redner, das Wort und sprach: Obgleich die Nieren raten, das Herz prüft und die Zunge zurechtschneidet, so vollendet doch erst der Mund. Darauf nahm R. Elea͑zar, Sohn des R. Jose, das Wort und sprach: Weil man damit unreine Dinge ißt. – Unreine Dinge, wie kommst du darauf!? – Vielmehr, weil man damit unfertige Dinge ißt. Hierauf nahm R. Šimo͑n das Wort und sprach: Wegen der Vernachlässigung der Tora.
3Sie wandten gegen ihn ein: Frauen beweisen ja!? – Weil sie ihre Männer stören. – Nichtjuden beweisen ja!? – Weil sie die Jisraéliten stören. – Kleine Kinder beweisen ja!? – Weil sie ihre Väter stören. – Schulkinder beweisen ja!? –
4Bezüglich dieser ist es nach R. Gorjon zu erklären, denn R. Gorjon, nach anderen, R. Joseph, Sohn des R. Šema͑ja, sagte: In einem Zeitalter, in dem Gerechte vorhanden sind, werden die Gerechten wegen der Sünden des Zeitalters erfaßt, in einem Zeitalter, in dem keine Gerechten vorhanden sind, werden Schulkinder wegen der Sünden des Zeitalters erfaßt. R. Jiçḥaq b. Zee͑ri, nach anderen R. Šimo͑n b. Nezira, sagte: Hierauf deutet folgender Schriftvers: wenn du es nicht weißt, schönste unter den Frauen, so gehe doch hinaus nach den Spuren der Herde &c. Dies erklärten wir: Die Zicklein, die wegen der Hirten gepfändet werden. Schließe hieraus, daß er auch wegen der Verleumdung meint. Schließe hieraus.
5Weshalb heißt es: ‘überall Haupt der Redner’? – Einst saßen R. Jehuda, R. Jose und R. Šimo͑n beisammen, und der Proselytenabkömmling Jehuda war unter ihnen. Da begann R. Jehuda und sprach: Wie schön sind doch die Werke dieser Nation! Sie haben Straßen angelegt, Brücken gebaut und Bäder errichtet. R. Jose schwieg. Darauf nahm R. Šimo͑n b. Joḥaj das Wort und sprach: Alles, was sie errichtet haben, geschah nur in ihrem eigenen Interesse. Sie haben Straßen angelegt, um da Huren zu setzen, Bäder errichtet zu ihrem Behagen, Brücken gebaut, um Zoll zu erheben. Der Proselytenabkömmling Jehuda erzählte ihr Gespräch weiter, und es wurde der Regierung bekannt. Diese beschloß dann: Jehuda, der gelobt hat, soll erhoben werden, Jose, der geschwiegen hat, soll nach Sepphoris verbannt werden, und Šimo͑n, der geschmäht hat, soll hingerichtet werden.
6Da ging er hin und verbarg sich mit seinem Sohne im Lehrhause; dahin brachte ihnen seine Frau täglich Brot und einen Krug Wasser, und sie speisten. Als aber [die Verfolgung] verschärft wurde, sprach er zu seinem Sohne: Frauen sind leichtsinnig; wenn man sie quält, könnte sie uns verraten. Hierauf gingen sie und versteckten sich in eine Höhle. Da geschah ihnen ein Wunder und es wurde für sie ein Johannisbrotbaum und eine Quelle erschaffen. Sie zogen die Kleider aus, setzten sich bis zum Halse in den Sand, und studierten den ganzen Tag; zur Zeit des Gebetes kleideten sie sich an, bedeckten sich und verrichteten das Gebet, nachher aber zogen sie die Kleider wieder aus, damit sie nicht verschleißen. Nachdem sie zwölf Jahre in dieser Höhle gesessen hatten, kam Elijahu, stellte sich an den Eingang der Höhle und sprach: Wer verkündet dem Sohne Johajs, daß der Kaiser gestorben und sein Befehl aufgehoben ist?
7Darauf kamen sie heraus und sahen Leute pflügen und säen. Da sprach er: Sie lassen das ewige Leben und befassen sich mit dem zeitlichen Leben. Jeder Ort, auf den sie ihre Augen richteten, ging sofort in Flammen auf. Da ertönte eine Hallstimme und sprach zu ihnen: Seid ihr herausgekommen, um meine Welt zu zerstören? Kehret in euere Höhle zurück. Darauf kehrten sie zurück und saßen da ein Jahr von zwölf Monaten. Sodann sprachen sie: Das Strafgericht der Frevler in der Hölle dauert ja nur zwölf Monate. Da ertönte eine Hallstimme und sprach: Verlasset euere Höhle! Da kamen sie heraus. Überall, wo R. Elea͑zar schlug, heilte R. Šimo͑n. Er sprach zu ihm: Mein Sohn, die Welt hat an mir und dir genug.
8Am Vorabend des Šabbaths sahen sie einen Greis, zwei Myrtensträuße haltend, bei Dämmerung laufen. Da sprachen sie zu ihm: Wozu brauchst du diese? Er erwiderte ihnen: Zu Ehren des Šabbaths. – Du hast ja aber mit einem genug!? – Einer ist für gedenke und einer ist für beachte. Da sprach jener zu seinem Sohne: Siehe, wie beliebt die Gebote bei Jisraél sind! Und sie waren beruhigt. Als sein Schwiegersohn
9R. Pinḥas b. Jaír davon hörte, kam er ihm entgegen. Alsdann führte er ihn ins Bad, und als er seinen Körper reinigte und die Spalten an seinem Leibe bemerkte, weinte er, daß Tränen aus seinen Augen herabflossen und jenem Schmerzen verursachten. Da sprach er: Wehe mir, daß ich dich so sehe! Jener erwiderte: Heil dir, daß du mich so siehst, denn hättest du mich nicht so gesehen, so würdest du auch in mir das nicht gefunden haben. Wenn nämlich vorher R. Šimo͑n b. Joḥaj eine Frage stellte, gab ihm R. Pinḥas b. Jaír zwölf Antworten; später aber vermochte R. Šimo͑n b. Joḥaj, wenn R. Pinḥas b. Jaír an ihn eine Frage richtete, ihm vierundzwanzig Antworten zu geben.
10Sodann sprach er: Da mir ein Wunder geschehen ist, so will ich gehen und etwas [Nützliches] errichten. Es heißt: und Ja͑qob gelangte wohlbehalten. Hierüber sagte Rabh: Wohlbehalten am Leibe, wohlbehalten am Gelde und wohlbehalten an Tora. Und er lagerte vor der Stadt. Hierüber sagte Rabh: Er führte ihnen eine Münze ein. Šemuél sagte: Er legte ihnen Straßen an. R. Joḥanan sagte: Er errichtete ihnen Bäder. Hierauf fragte er: Gibt es etwas einzurichten? Man erwiderte ihm: Es gibt hier einen Ort, über den ein Zweifel bezüglich der Unreinheit obwaltet,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.