Schevuot — Blatt 36a

1woher nun, daß eine Verwünschung ohne Schwur einer Verwünschung mit Schwur, und ein Schwur ohne Verwünschung einem Schwure mit Verwünschung gleicht? Es heißt: und die Stimme einer Verwünschung hört, wenn er eine Verwünschung hört, oder wenn er eine Stimmehört.

2R. Abahu sagte: Woher, daß unter Verwünschung ein Schwur zu verstehen ist? Es heißt:und er verpflichtete ihn durch Verwünschung &c.; und es heißt:und auch vom König Nebukhadneçar ward er abtrünnig, der ihn doch bei Gott beschworen hat.

3Es wird gelehrt: Fluch heißt: ein Bann auf ihn, ein Schimpf auf ihn und ein Schwur auf ihn.

4Ein Bann, denn es heißt:fluchet Meroz, sprach der Engel des Herrn, fluchet ihren Bewohnern; hierzu sagte U͑la, Baraq habe den Meroz mit vierhundert Posaunenstößen exkommuniziert.

5Ein Schimpf, denn es heißt:und diese sollen dastehen ob dem Schimpfe, und darauf heißt es: verflucht sei, wer anfertigt ein Bild &c.

6Ein Schwur, denn es heißt:zu jener Zeit sprach Jehošua͑ folgenden Schwur aus: Verflucht vor dem Herrn sei der Mann &c. – Vielleicht tat er beides, er sprach einen Schwur und einen Fluch aus!? –

7Dies ist vielmehr aus folgendem zu entnehmen:und die Männer von Jisraél drängten sich an jenem Tage, da beschwor Šaúl das Volk durch folgende Verwünschung: Verflucht sei der Mann, der etwas ißt &c. und darauf heißt es: Jonathan aber hatte nicht mitangehört, wie sein Vater das Volk beschworen hatte. – Vielleicht tat er hier ebenfalls beides, er sprach einen Schwur und einen Fluch aus!? –

8Es heißt ja nicht: und verflucht. – Jetzt nun, wo du auf diese Erklärung gekommen bist, ist auch bei jenem [Einwande] zu erwidern: es heißt ja nicht: und verflucht.

9R. Jose h. R. Ḥanina sagte: Amen heißt: in diesem ist ein Schwur, in diesem ist eine Verpflichtung der Sache und in diesem ist eine Zustimmung der Sache.

10In diesem ist ein Schwur, denn es heißt:so soll das Weib sagen: Amen, Amen.

11In diesem ist eine Verpflichtung der Sache, denn es heißt:verflucht ist, wer die Worte dieses Gesetzes nicht aufrecht erhält, sie auszuüben; und das ganze Volk spreche: Amen.

12In diesem ist eine Zustimmung der Sache, denn es heißt:da sprach der Prophet Jirmejaḥu (zu Ḥananjahu:) Amen, der Herr tue also, der Herr lasse deine Worte in Erfüllung gehen.

13R. Elea͑zar sagte: ‘Nein’ ist ein Schwur und ‘ja’ ist ein Schwur. – Allerdings ist ‘nein’ ein Schwur, denn es heißt:die Gewässer sollen nicht wieder zu einer Flut werden, und es heißt:wie seit den TagenNoaḥs gilt dies mir, wo ich geschworen habe; woher aber, daß ‘ja’ ein Schwur ist. – Dies ist einleuchtend; wenn ‘nein’ ein Schwur ist, so ist auch ‘ja’ ein Schwur.

14Raba sagte: Dies jedoch nur dann, wenn man zweimal ‘nein’ gesagt hat, beziehungsweise zweimal ‘ja’ gesagt hat, denn es heißt:hinfort soll kein Geschöpf mehr hinweggetilgt werden durch das Wasser der Flut, und: die Gewässer sollen nicht mehr zu einer Flut werden; und wenn das ‘nein’ zweimal wiederholt werden muß, so muß auch das ‘ja’ zweimal wiederholt werden.

15WER BEI DIESEN ALLEN FLUCHT, IST, WIE R. MEÍR SAGT, SCHULDIG UND NACH DEN WEISEN FREI.

16Die Rabbanan lehrten:jeder Mann, der seinem Gott flucht, der soll seine Sünde tragen; was lehrt dies, es heißt ja bereits:Wer den Namen Gottes lästert, soll getötet werden? Man könnte glauben, man sei nur wegen des einzigen Gottesnamens strafbar, woher nun, daß auch alle Attribute einbegriffen sind? Es heißt: jeder Mann, der seinem Gott flucht &c. in jedem Falle – so R. Meír. Die Weisen sagen, auf den einzigen Gottesnamen ist die Todesstrafe gesetzt, auf die Attribute nur ein Verbot.

17WER VATER UND MUTTER FLUCHT &C. Wer sind die Weisen? –

18Es ist R. Menaḥem b. R. Jose, denn es wird gelehrt: R. Menaḥem b. R. Jose sagte:Wenn er den Gottesnamen lästert, soll er getötet werden; was bedeutet hier [das Wort] Gottesnamen? Dies lehrt, wer Vater und Mutter flucht, sei nur dann schuldig, wenn er ihnen beim Gottesnamen flucht.

19WER SICH SELBST ODER SEINEM NÄCHSTEN FLUCHT &C. R. Jannaj sagte: Alle stimmen überein hinsichtlich des Falles,

20wenn sich selbst, denn es heißt:nur achte auf dich und hüte deine Seele, und R. Abin sagte im Namen R. Ilea͑s, daß überall, wo es achte, daß nicht und nicht heißt, ein Verbot ausgedrückt sei. Seinem Nächsten, denn es heißt:du sollst keinem Tauben fluchen.

21‘GOTT SCHLAGE DICH,’ ODER: ‘EBENSO SCHLAGE GOTT AUCH DICH,’ DAS IST DIE EIDVERWÜNSCHUNG, DIE IN DER TORA GESCHRIEBEN IST. R. Kahana saß vor R. Jehuda und trug diese Mišna in ihrem Wortlaute vor; da sprach dieser: Umschreibe.

22Einst saß ein Jünger vor R. Kahana und trug vor:So wird dich Gott auch für immer zertrümmern, dich wegraffen und aus dem Zelte reißen und dich entwurzeln aus dem Lande des Lebens. Sela. Da sprach er zu ihm: Umschreibe. –

23Wozu sind beide [Erzählungen] nötig? – Man könnte glauben, dies gelte nur von einer Mišna, Schriftverse aber umschreibe man nicht, so lehrt er uns.

24[SAGTE ER:] ER SCHLAGE DICH NICHT, ODER: ER SEGNE DICH, ODER: ER LASSE ES DIR GUT GEHEN, SO SIND SIE NACH R. MEÍR SCHULDIG UND NACH DEN WEISEN FREI.

25R. Meír ist ja aber nicht der Ansicht, daß man aus dem ‘nein’ das ‘ja’entnehme!? – Wende es um.

26Als R. Jiçḥaq kam, lehrte er es, so wie wir es gelernt haben. R. Joseph sprach: Da wir es nun so lehren, und als R. Jiçḥaq kam, er es anders lehrte, so ist wohl zu entnehmen, daß man [die Lesart] genau nehme,

27somit bleibt ja der Widerspruch bestehen!? – Nur bei Geldsachen ist er nicht dieser Ansicht, wohl aber ist er dieser Ansicht bei kanonischen Angelegenheiten. –

28Bei der Ehebruchsverdächtigten handelt es sich ja ebenfalls um eine kanonische Angelegenheit,

29dennoch erklärte R. Tanḥum b. Ḥakhinaj: weil es erstickenheißt; sonst aber würde er aus dem ‘nein’ das ‘ja’ entnehmen!? –

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.