Sukka — Blatt 52a
1das Land wird trauern, jedes einzelne Geschlecht besonders: das Geschlecht des Hauses Davids besonders und seine Frauen besonders. Sie sagten: es ist [ein Schluß] vom Leichteren auf das Schwerere zu folgern: wenn die Tora von der künftigen Zeit, wo man sich in Trauer befindet und außerdem der böse Trieb keine Gewalt haben wird, gesagt hat, Männer besonders und Frauen besonders, um wieviel mehr jetzt, wo man sich in festlicher Stimmung befindet und der böse Trieb Gewalt hat. –
2Welche Bewandtnis hat es mit der Trauer? – Hierüber streiten R. Dosa und die Rabbanan; einer sagt, um den Messias, den Sohn Josephs, der dann getötet wird, und einer sagt, um den bösen Trieb, der dann getötet wird. –
3Einleuchtend ist es nach demjenigen, welcher sagt, um den Messias, den Sohn Josephs, der dann getötet wird, denn es heißt: sie werden auf den blicken, den sie durchbohrten, und um ihn trauern, wie man um den Einzigen trauert; wieso aber trauern sie nach demjenigen, welcher sagt, um den bösen Trieb, der dann getötet wird, dieserhalb sollte man ja ein Fest veranstalten und nicht weinen!? –
4Wie R. Jehuda b. R. Elea͑j vortrug: Dereinst wird der Heilige, gepriesen sei er, den bösen Trieb holen und ihn vor den Frommen und den Frevlern schlachten. Den Frommen wird er wie ein hoher Berg erscheinen und den Frevlern wird er wie eine Haarfaser erscheinen. Diese werden weinen und jene werden weinen. Die Frommen werden weinen, indem sie sagen werden: Wie konnten wir nur solch einen hohen Berg bezwingen!? Die Frevler werden weinen, indem sie sagen werden: Wie konnten wir solch eine Haarfaser nicht bezwingen!? Und auch der Heilige, gepriesen sei er, wird mit ihnen staunen, denn es heißt: so spricht der Herr der Heerscharen: Wenn es in jenen Tagen dem Überreste dieses Volkes als Wunder erscheint, wird es auch mir als Wunder erscheinen.
5R. Asi sagte: Der böse Trieb gleicht anfangs dem Faden des Spinngewebes, zuletzt aber gleicht er Wagenseilen, denn es heißt: wehe denen, die Verschuldung an Stricken von Nichts heranziehen, Sünde mit Wagenseilen.
6Die Rabbanan lehrten: Der Heilige, gepriesen sei er, wird zum Messias, dem Sohne Davids, der gar schnell, in unseren Tagen, erscheinen wird, sprechen: Verlange etwas von mir, und ich will es dir gewähren. Denn es heißt: ich will den Beschluß kundtun &c. Verlange von mir, so will ich dir die Völker zum Erbe geben. Sobald er aber sehen wird, daß der Messias, der Sohn Josephs, getötet wird, wird er vor ihm sprechen: Herr der Welt, ich verlange von dir nichts weiter als Leben! Darauf wird er zu ihm sprechen: Bevor du noch um Leben bittest, weissagte dein Ahn David über dich, denn es heißt: Leben erbat er von dir, du gabest ihm &c.
7R. E͑zra, nach anderen R. Jehošua͑ b. Levi, trug vor: Der böse Trieb hat sieben Namen. Der Heilige, gepriesen sei er, nannte ihn Böser, wie es heißt: denn böse ist der Trieb des menschlichen Herzens von Jugend auf. Moše nannte ihn Vorhaut, wie es heißt: beschneidet die Vorhaut eures Herzens. David nannte ihn Unreiner, denn es heißt: schaffe mir, o Gott, ein reines Herz, demnach gibt es ja ein unreines.
8Šelomo nannte ihn Feind, wie es heißt: hungert dein Feind, so speise ihn mit Brot, und dürstet ihn, so tränke ihn mit Wasser, denn damit häufst du feurige Kohlen auf sein Haupt, und der Herr wird dirs vergelten. Man lese nicht ješalem [vergelten], sondern jašlim [ihn mit dir versöhnen].
9Ješa͑ja nannte ihn Anstoß, wie es heißt: macht Bahn, macht Bahn, richtet her den Weg, räumet meinem Volke den Austoβ aus dem Wege. Jeḥezqél nannte ihn Stein, wie es heißt: ich werde das steinerne Herz aus eurem Leibe entfernen und euch ein fleischernes Herz geben. Joél nannte ihn Versteckter, wie es heißt: den Versteckten werde ich von euch entfernen. Die Rabbanan lehrten: Den Versteckten werde ich von euch entfernen, das ist der böse Trieb, der im Herzen des Menschen versteckt ist;
10und in ein dürres und ödes Land verstoßen, nach einem Orte, da keine Menschen sich aufhalten, die er reizen könnte. Seinen Vortrab in das Ostmeer, er richtete seine Augen auf den ersten Tempel, zerstörte ihn und tötete alle Schriftgelehrten, die da waren; und seine Nachhut in das Westmeer, er richtete seine Augen auf den zweiten Tempel, zerstörte ihn und tötete alle Schriftgelehrten, die da waren; daß Gestank von ihm aufsteigen und Modergeruch von ihm emporsteigen soll, er läßt die weltlichen Völker und reizt die Feinde Jisraéls. Denn er hat Großes verübt, Abajje sagte: Am allermeisten an den Schriftgelehrten.
11So hörte einst Abajje einen Mann zu einer Frau sagen: Wir wollen uns früh auf den Weg machen. Da sagte er sich, er werde gehen und sie von einer Sünde zurückhalten. Er folgte ihnen drei Parasangen auf der Wiese und als sie sich verabschiedeten, hörte er sie sagen: Der Weg ist noch weit, wie schön ist es doch zusammen!
12Hierauf sprach Abajje: Wäre es mein Feind, so würde ich mich nicht beherrscht haben. Darauf ließ er sich auf den Türriegel sinken und gab sich seinem Schmerze hin. Da kam ein Greis und lehrte vor ihm: Wer größer als sein Nächster ist, dessen Trieb ist auch größer.
13R. Jiçḥaq sagte: Der böse Trieb des Menschen übermächtigt sich seiner tagtäglich, denn es heißt:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.