Taanit — Blatt 6b

1Wegen der Gelübde. Wir haben nämlich gelernt: Wenn jemand sich etwas abgelobt bis zur Regenzeit, bis der Regen fällt, so gilt dies bis zum zweiten Regenfalle.

2R. Zebid erwiderte: Wegen der Oliven. Wir haben nämlich gelernt: Von wann an sind Nachlese, Vergessenes und Eckenlaß jedem Menschen frei? Wenn die Tastenden [das Feld] abgesucht haben. Abfall und Traubennachlese? Wenn die Armen im Weinberge wiederholt gewesen sind. Oliven?

3Sobald der zweite Regenfall gefallen ist. – Wer sind die ‘Tastenden? R. Joḥanan erklärte: Greise, die an der Krücke gehen. Reš Laqiš erklärte: Sammler hinter Sammlern.

4R. Papa erwiderte: Wegen des Betretens von Privatwegen. Der Meister sagte nämlich, bis zum zweiten Regenfalle dürfe man über Privatwege gehen.

5R. Naḥman b.Jiçḥaq erwiderte: Wegen der Fortschaffung der Siebentjahrsfrüchte. Wir haben nämlich gelernt: Bis wann darf man von Stroh und Stoppeln des Siebentjahres nutznießen und damit brennen? Bis zum zweiten Regenfalle. –

6Aus welchem Grunde? – Es heißt: auch deinem Vieh und dem Wilde, das in deinem Lande; solange das Wild auf dem Felde davon frißt, darfst du davon deinem Vieh im Hause geben, ist es für das Wild auf dem Felde zuende, so ist es auch für dein Vieh im Hause zuende.

7R. Abahu sagte: Was heißt ‘Rebia͑’ [Regenfall]? Was den Boden befruchtet [raba͑]. Dies nach einer Lehre R. Jehudas, denn R. Jehuda sagte: Der Regen ist der Gatte der Erde, denn es heißt: denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel herabfällt und nicht wieder dorthin zurückkehrt, es sei denn, daß er die Erde getränkt, befruchtet und zum Sprossen gebracht hat.

8Ferner sagte R. Abahu: Der erste Regenfall muß eine Handbreite in die Erde dringen; der zweite Regenfall muß [die Erde] aufweichen, daß man damit die Öffnung eines Fasses verkleben könne. R. Ḥisda sagte: Sobald Regen gefallen ist, daß man [mit der aufgeweichten Erde] die Öffnung eines Fasses verkleben kann, ist [der Fluch] vom Verschließen [des Himmels] nicht mehr eingetreten.

9Ferner sagte R. Ḥisda: Ist Regen gefallen, bevor man [im Šema͑ den Abschnitt] Er wird verschließen gelesen hat, so ist [der Fluch] vom Verschließen [des Himmels] nicht mehr eingetreten.

10Abajje sagte: Dies gilt nur vom [Abschnitte] Er wird verschließen im [Šema͑] des Abends, wenn aber vor dem [Abschnitte] Er wird verschließen [im Šema͑] des Morgens, so kann noch [der Fluch] vom Verschließen [des Himmels] eintreten. R. Jehuda b. Jiçḥaq sagte nämlich, die Morgenwolken seien ohne Bedeutung, denn es heißt: was soll ich dir tun, Ephraim, was soll ich dir tun, Jehuda, da doch eure Liebe dem Morgengewölk gleicht &c.

11R. Papa sprach zu Abajje: Die Leute sagen ja aber: Ist Regen beim Öffnen der Tür, Eseltreiber, so breite deinen Sack aus und schlafe!? – Dies ist kein Einwand; das eine, wenn [der Himmel mit] dickem Gewölk überzogen ist, das andere, wenn er mit leichtem Gewölk überzogen ist.

12R. Jehuda sagte: Wohl dem Jahre, wenn im Ṭebeth [der Boden] Witwe ist. Manche erklären, weil dann die Gärten nicht leer sind, und manche erklären, weil dann die Dürre ausbleibt. – Dem ist ja aber nicht so, R. Ḥisda sagte ja, wohl dem Jahre, wenn der Ṭebeth schmutzig ist!? – Das ist kein Widerspruch; das eine, wenn es schon vorher geregnet hat, das andere, wenn es vorher noch nicht geregnet hat.

13Ferner sagte R. Ḥisda: Wenn es in einem Teile des Landes regnet und in einem Teile des Landes nicht regnet, so ist [der Fluch] vom Verschließen [des Himmels] nicht eingetreten. – Dem ist ja aber nicht so, es heißt ja: ich habe euch Regen verweigert, als noch drei Monate bis zur Ernte waren; ich ließ auf eine Stadt regnen und auf die andere nicht, das eine Feld wird beregnet &c., und hierzu sagte R. Jehuda im Namen Rabhs, beides zum Fluche!? –

14Das ist kein Einwand; das eine, wenn er übermäßig kommt und das andere, wenn er wie erforderlich kommt. R. Aši sprach: Dies ist auch zu beweisen, denn es heißt: wird beregnet. Schließe hieraus.

15R. Abahu sagte: Den Segen über den Regen spreche man erst dann, wenn der Bräutigam der Braut entgegenkommt. – Wie lautet der Segensspruch?

16R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: ‘Wir danken dir, o Herr, unser Gott, für jeden einzelnen Tropfen, den du uns herabfallen ließest.’ R.Joḥanan beendete ihn wie folgt: ‘Wäre unser Mund des Gesanges voll wie das Meer, unsere Zunge voll des Jubels, wie das Brausen seiner Wogen &c.’ bis ‘Möge uns, o Herr, unser Gott, deine Liebe nicht verlassen; sie hat uns auch nicht verlassen. Gepriesen sei er, dem die meisten Danksagungen gebühren.’ –

17Die meisten Danksagungen und nicht alle Danksagungen!? Raba erwiderte: Sage also: ‘Gott der Danksagungen.’ R. Papa sagte: Darum

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.