Tamid — Blatt 28a

1‘Friede mit dir, Aufseher des Tempelberges’, so wußte er, daß er schlafe, und schlug ihn mit seinem Stocke; er hatte auch das Recht, ihm sein Gewand zu verbrennen. Die anderen fragten dann: Was ist das für ein Lärm im Tempelhofe? – Es ist das Geschrei eines Leviten, der geprügelt wird, und seine Kleider werden verbrannt, weil er bei der Wache geschlafen hat. R. Elie͑zer b. Ja͑qob erzählte: Einst fanden sie den Bruder meiner Mutter schlafend, und sie verbrannten ihm sein Gewand.

2R. Ḥija b. Abba sagte: Wenn R. Joḥanan an diese Lehre herankam, sprach er: Heil den Altvordern; sie verhängten eine Strafe auch bei einer Überwältigung durch den Schlaf, um wieviel mehr ohne Überwältigung durch den Schlaf.

3Es wird gelehrt: Rabbi sagte: Welches ist der rechte Weg, den der Mensch sich wähle? Er liebe die Zurechtweisung. Solange es Zurechtweisung in der Welt gibt, kommt Annehmlichkeit über die Welt, kommen Güte und Segen über die Welt, und das Böse schwindet aus der Welt, denn es heißt: den Zurechtweisenden wird es wohl ergehen, der Segen des Guten kommt über sie. Manche sagen: Er halte fest an strenger Wahrhaftigkeit, denn es heißt: meine Augen sind auf die Wahrhaftigen im Lande gerichtet, daß sie bei mir wohnen &c.

4R. Šemuél b. Naḥmani sagte im Namen R. Jonathans: Wer um des Himmels Willen seinen Nächsten zurechtweist, dem ist der Bereich des Heiligen, gepriesen sei er, beschieden, denn es heißt:wer die Menschen zurechtweist nach mir; und noch mehr, er wird mit einem Hauche der Anmut begnadet, denn es heißt:er findet mehr Gunst als der mit glatter Zunge.

5FAND MAN IHN GESCHLOSSEN, SO WUSSTE MAN &C. WER [DIE ASCHE] VOM ALTAR ABZUHEBEN WÜNSCHTE &C. Dies widerspricht sich ja selbst: zuerst heißt es, wer [die Asche] vom Altar abzuheben wünschte, stand früh auf und nahm ein Tauchbad, bevor der Beamte kam, wonach dies nicht vom Losen abhängig war, und nachher lehrt er: komme und lose, wonach es vom Losen abhängig war!?

6Abajje erwiderte: Das ist kein Widerspruch; das eine vor der Anordnung und das andere nach der Anordnung.

7Wir haben nämlich gelernt: Anfangs durfte jeder, der [die Asche] vom Altar abheben wollte, sie abheben; waren es mehrere, so liefen sie die Altarrampe hinauf, und wer früher als die anderen die [letzten] vier Ellen erreichte, hatte gesiegt; waren zwei gleich [weit], so sprach der Beamte zu ihnen: Die Finger hoch!

8Wieviel streckten sie hervor? Einen oder zwei; den Daumen aber streckte man im Tempel nicht vor.

9Einst liefen zwei [Priester] die Altarrampe hinauf und waren gleich weit; da stieß einer seinen Genossen hinunter, und er brach ein Bein. Als nun der Gerichtshof sah, daß man dabei in Gefahr geriet, ordnete er an, das Abheben [der Asche] vom Altar nur durch das Los zu verteilen.

10Raba erwiderte: Beides nach der Anordnung, und die Lehre ist wie folgt zu verstehen: wer sich am Losen zu beteiligen wünschte, stand früh auf und nahm ein Tauchbad, bevor der Beamte kam.

11SODANN NAHM ER DEN SCHLÜSSEL, ÖFFNETE DIE PFORTE UND TRAT AUS DEM BRANDRAUME IN DEN TEMPELHOF; DIE PRIESTER MIT ZWEI FEUERFACKELN IN DEN HÄNDEN

12FOLGTEN IHM UND TEILTEN SICH IN ZWEI ABTEILUNGEN, EINE GING DIE SÄULENHALLE NACH OSTEN UND EINE GING DIE SÄULENHALLE NACH WESTEN. SIE GINGEN INSPIZIEREND, BIS SIE AUF DEN PLATZ DER PFANNENOPFERBEREITER KAMEN, UND ALS SIE ZUSAMMENTRAFEN, SPRACHEN SIE: IN ORDNUNG, ALLES IN ORDNUNG! DIE DAS PFANNENOPFER ZU BEREITEN HATTEN, LIESSEN SIE DA ZURÜCK, UM DAS PFANNENOPFER ZU BEREITEN.

13«WEM ES ZUGEFALLEN IST, [DIE ASCHE] VOM ALTAR ABZUHEBEN, HEBE SIE AB.» SIE SPRACHEN [ZU IHM]: SEI VORSICHTIG, DASS DU KEIN GERÄT BERÜHRST, BEVOR DU HÄNDE UND FÜSSE AM BECKEN GEHEILIGT HAST. DIE KOHLENSCHIPPE BEFINDET SICH DA IN DER ECKE, ZWISCHEN DER RAMPE UND DEM ALTAR, AUF DER WESTSEITE DER RAMPE.

14NIEMAND GING MIT IHM, AUCH HATTE ER KEIN LICHT IN DER HAND, SONDERN GING BEIM SCHEINE DES ALTARFEUERS. SIE SAHEN IHN NICHT

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.