Temura — Blatt 11b
1Die Rabbanan lehrten: Man könnte glauben, wenn jemand sagt, der Fuß von diesem [Vieh] sei ein Brandopfer, sei das ganze ein Brandopfer, so heißt es:alles, was er davon dem Herrn gibt, sei heilig, davon dem Herrn, nicht aber das ganze dem Herrn.
2Man könnte glauben, es bleibe profan, so heißt es: sei heilig. Wie ist dies zu erklären? Es werde zu Brandopferzwecken verkauft, und der Erlös ist mit Ausnahme des betreffenden Gliedes profan – so R. Meír. R. Jehuda,
3R. Jose undR. Šimo͑n sagten: Woher, daß, wenn jemand sagt, der Fuß von diesem [Vieh] sei ein Brandopfer, das ganze ein Brandopfer ist? Es heißt: alles, was er davon dem Herrn gibt, und wenn es noch weiter heißt: sei heilig, so schließt dies das ganze ein.
4Der Meister sagte: Es werde zu Brandopferzwecken verkauft. Man bringt ja demnach ein Vieh dar, dem ein Gliedfehlt!? Raba erwiderte: Wenn er gesagt hat: ich nehme auf mich [die Darbringung] eines Brandopfers, wie es lebt.
5R. Ḥisda sagte: R. Jehuda pflichtet bei hinsichtlich eines Gliedes, wodurch es totverletztwird. Raba sagte: Wodurch es Aaswird. R. Šešeth sagte: Wodurch es [sofort] verendet. –
6Welchen Unterschied gibt es zwischen R. Ḥisda und Raba? – Eine Meinungsverschiedenheit besteht zwischen ihnen darüber, ob ein Totverletztes leben könne. R. Ḥisda ist der Ansicht desjenigen, welcher sagt, ein Totverletztes könne nicht leben, und Raba ist der Ansicht desjenigen, welcher sagt, ein Totverletztes könne leben. –
7Welchen Unterschied gibt es zwischen Raba und R. Šešeth: Eine Meinungsverschiedenheit besteht zwischen ihnen hinsichtlich der Lehre R. Elea͑zars, denn R. Elea͑zar sagte, wenn die Hüfte samt der Höhlung fehlt, sei es Aas. Raba ist der Ansicht R. Elea͑zars und R. Šešeth ist nicht der Ansicht R. Elea͑zars.
8Man wandte ein: Rabbi sagte: Die Worte R. Jehudas sind einleuchtend bei einem [Gliede], von dem das Leben nicht abhängt, und die Worte R. Joses bei einem [Gliede], von dem das Leben abhängt. Demnach streitet er gegen R. Jehuda.
9Erklärlich sind [die Worte], einleuchtend sind die Worte R. Jehudas bei einem [Gliede], von dem das Leben nicht abhängt, denn er streitet gegen R. Jose, wieso aber sind die Worte R. Joses einleuchtend bei einem [Gliede], von dem das Leben abhängt, streitet denn R. Jehuda gegen ihn!? Dies ist eine Widerlegung aller Ansichten. –
10Nein, [die Lehre] ist lückenhaft und muß wie folgt lauten: die Worte R. Joses leuchten R. Jehuda ein bei einem Gliede, von dem das Leben abhängt, denn auch R. Jehuda streitet gegen ihn nur über ein Glied, von dem das Leben nicht abhängt, bei einem Gliede aber, von dem das Leben abhängt, pflichtet er ihm bei.
11Raba fragte: Wie ist es bei einem Vogel: der Allbarmherzige spricht von einem Vieh, und dieser ist nicht Vieh, oder aber, der Allbarmherzige spricht von einem Opfer, und auch dieser ist ein Opfer? – Dies bleibt unentschieden.
12Raba fragte: Wie istes, wenn jemand ein Glied als Geldwert geheiligt hat, ob die Heiligkeit sich auf den Körper ausdehnt: sagen wir, da es von der Heiligkeit des Geldwertes erfaßt wird, werde es auch von der Heiligkeit des Körperserfaßt, und da er ein Glied geheiligt hat, habe er das ganze geheiligt, oder aber sagen wir nur einmal ‘da’, zweimal aber nicht? –
13Dies ist ja aus seiner eigenen Lehre zu entscheiden, denn Raba sagte, wenn jemand ein Männchenals Geldwert geheiligt hat, sei es körperlich heilig!? –
14Dies, wenn man das ganze geheiligt hat, hierbei aber, wenn man nur ein Glied geheiligt hat. Wie ist es? – Dies bleibt unentschieden.
15Man fragte Raba: Wie verhält es sich, wenn man ein Glied geheiligt hat, mit der Schur? – Dies ist aus folgender Lehre zu entscheiden:Du sollst das Erstgeborene deiner Schafe nicht scheren, du darfst aber scheren, was dir und fremdengehört. –
16Dawird es von der Heiligkeit überhaupt nicht erfaßt, hierbei aber ist es von der Heiligkeit erfaßt worden. Eine andere Lesart. Daliegt es nicht in seiner Hand, es zu heiligen, hier aber liegt es in seiner Hand, es zu heiligen.
17Abajje fragte Raba: Wie verhält es sich, wenn man die Haut geheiligt hat, mit der Arbeit. – Komm und höre: Wenn jemand sagt, was im Leibe von diesem [Vieh], sei ein Brandopfer, so ist es zur Schur erlaubt und zur Arbeit verboten, wegen der Abmagerung der Geburt, die in diesem.
18Dieser erwiderte: Das, was gelehrt wird, es sei zur Arbeit verboten, ist nur rabbanitisch. – Demnach sollte es auch zur Schur rabbanitisch verboten sein!? Dieser erwiderte: Bei der Arbeit, wodurch es abmagert, haben die Rabbanan es angeordnet, bei der Schur, wodurch es nicht abmagert, haben die Rabbanan es nicht angeordnet.
19Abajje fragte R. Joseph: Wie ist es, wenn [das Vieh] selbst Heilsopfer und die Geburt profan ist, und man es innerhalbgeschlachtet hat? Heißt dies, nach demjenigen, welcher sagt, die Geburt von Opfertieren werde erst bei ihrem Vorhandenseinheilig, Profanes im Tempelhofe oder nicht?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.