Drittes Buch

1. Auf die Krippe JEsu.
Diß Holtz ist köstlicher als Salomonis Thron;
Weil drein geleget wird der wahre GOttes Sohn.

2. Uber den Stall.
Ach Pilger kehr hier ein / der Stall zu Betthlehem
Jst besser als die Burg und Stadt Jerusalem.
Du Herbergest hier wol: weil sich das Ewge Kind /
Mit seiner Jungfrau Braut und Mutter hier befindt.

3. An die Jungfrau MARIA.
Sag an / O werhte Frau / hat dich nicht außerkohrn
Die Demut / daß du GOtt empfangen und gebohrn?
Sag / obs was anders ist? Damit auch ich auf Erden
Kan eine Magd und Braut und Mutter Gottes werden.

4. Ein Seufftzer.
Man legte GOtt aufs Stroh / als Er ein Mensch ward / hin:
Ach daß ich nicht das Heu und Stroh gewesen bin!

5. An den Gelehrten.
Du grübelst in der Schrifft / und meinst mit Klügeley
Zu finden GOttes Sohn: Ach mache dich doch frey
Von diser Sucht / und komm inn Stall jhn selbst zu küssen.
So wirstu bald der Krafft deß wehrten Kinds geniessen.

6. Die GOttes gewürdigte Einfalt.
Denkt doch / was Demut ist! seht doch was Einfalt kan!
Die Hirten schauen GOtt am allerersten an.
Der siht GOtt nimmermehr / noch dort noch hier auf Erden /
Der nicht gantz jnniglich begehrt ein Hirt zu werden.

7. Das wohlbethaute Heu.
Kein Vieh hat besser Heu / weil Graß wächst / je genossen!
Als was mein Jesulein der ärmste hat begossen
Mit seiner Aüglein thau: Jch dächte mich / allein
Durch diese Kost gerecht und Ewig satt zu seyn.

8. Die seelige Nachtstille.
Merk / in der stillen Nacht wird GOtt ein Kind gebohrn /
Und widerumb ersetzt was Adam hat verlohrn:
Jst deine Seele still und dem Geschöpffe Nacht /
So wird GOtt in dir Mensch / und alles wiederbracht.

9. An die Hirten.
Gieb Antwort liebes Volk / was hastu doch gesungen
Als du inn Stall eingingst mit den erbebten Zungen /
Und GOtt ein Kind gesehn? Daß auch mein Jesulein
Mit einem Hirten Lied von mir gepreist kan seyn.

10. Das Unerhörte Wunder.
Schaut doch jhr lieben schaut / die Jungfrau säugt ein Kind /
Von welchem ich und sie / und jhr / gesäuget sind.

11. Der eingemenschte GOtt.
GOtt trinkt der Menschheit Milch / läst seiner GOttheit Wein:
Wie solt' er dann numehr nicht gar durchmenschet seyn?

12. Es trägt und wird getragen.
Das Wort das alles trägt / auch selbsten Gott den Alten /
Muß hier ein Jungfräulein mit ihren ärmlein halten.

13. Jch die Ursach.
Sag allerliebstes Kind / bin ichs umb den du weinst?
Ach ja du sihst mich an: ich bins wol den du meinst.

14. Küssungs Begierde.
Ach laß mich doch mein Kind mein Gott an deinen Füssen /
Nur einen Augenblik das minste Brünklein küssen.
Jch weiß werd' ich von Dir nur bloß berühret seyn /
Daß straks verschwinden wird / mein' / und auch deine Pein.

15. Der beste Lobgesang.
Singt singt jhr Engel singt: mit hundert tausend Zungen
Wird dieses wehrte Kind nicht würdiglich besungen.
Ach möcht' ich ohne Zung / und ohne Stimme seyn!
Jch weiß ich säng' ihm straks das liebste Liedelein.

16. Er mir / ich Jhm.
Wißt / GOtt wird mir ein Kind / ligt in der Jungfrau Schoß /
Daß ich jhm werde GOtt / und wachs jhm gleich und groß.

17. Am Nächsten am besten.
Mensch werde GOtt verwandt auß Wasser / Blutt und Geist /
Auf daß du GOtt in GOtt auß GOtt durch GOtte seyst.
Wer jhn Umbhalsen wil / muß jhm nicht nur allein
Befreundet / sondern gar sein Kind und Mutter seyn.

18. Die beweglichste Musica.
O seht / das liebe Kind wie es so süsse weint!
Daß alle Stösserlein Hertz-grund-beweglich seind.
Laß doch mein Ach und O in deins vermengt erschallen!
Daß es für allem thon GOtt könne Wolgefallen.

19. Die seelige Uber-formung.
Jch rathe dir Verformt ins JEsulein zu werden /
Weil du begehrst zu seyn erlöset vonn Beschwerden.
Wem JEsus helffen sol / vom Teufel / Tod und Pein:
Der muß Warhafftig auch gantz eingeJeset seyn.

20. GOTT-Mensch.
Je denkt doch GOtt wird ich / und kombt ins Elend her /
Auf daß ich komm ins Reich / und möge werden Er!

21. GOtt ist ein Kind / warumb.
Der Ewge GOttesSohn wird heut erst Kind genennt /
Da Er doch tausend Jahr den Vatter schon gekennt;
Warumb? Er war nie Kind. Die Mutter machts allein
Daß Er warhafftiglich kan Kind gegrüsset seyn.

22. Das gröste Wunder.
O Wunder GOttes Sohn ist ewiglich gewesen /
Und seine Mutter ist doch heut erst sein genesen!

23. Die Geistliche Mutter GOttes.
Marien Demut wird von GOtt so werth geschätzt /
Daß Er auch selbst jhr Kind zu seyn sich hoch ergötzt:
Bistu demüttiglich wie eine Jungfrau rein;
So wird GOtt bald dein Kind / du seine Mutter seyn.

24. An das Kindlein JEsu.
Wie sol ich Dich mein Kind die kleine Liebe Nennen /
Dieweil wir deine Macht unendlich groß erkennen?
Und gleichwol bistu klein! ich sprech dann groß und klein /
Kind / Vatter / GOtt und Mensch / O Lieb' erbarm dich mein.

25. Ein Kind seyn ist am besten.
Weil man nunmehr GOtt selbst den grösten kleine findt /
So ist mein gröster Wuntsch zu werden wie ein Kind.

26. Der Mensch das würdigste.
GOtt weil Er wird ein Mensch / zeugt mir daß ich allein
Jhm mehr und wehrter bin als alle Geister seyn.

27. Der Nahme JEsus.
Der süsse JEsus Nahm' ist Hönig auf der Zung;
Im Ohr ein Brautgesang / im Hertz ein Freudensprung.

28. Der Kreiß im Puncte.
Als GOtt verborgen lag in eines Mägdleins Schoß /
Da war es / da der Punct den Kreiß in sich beschloß.

29. Das Grosse im Kleinen.
Du sprichst / das Grosse kan nicht in dem Kleinen seyn /
Den Himmel schleust man nicht ins Erdenstüpffchen ein.
Komb schau der Jungfraun Kind; so sihstu in der Wiegen /
Den Himmel und die Erd' / und hundert Welte liegen.

30. Auf die Krippe JEsu.
Hier liegt das wehrte Kind / der Jungfrau erste Blum /
Der Engel Freud und Lust / der Menschen Preiß und Ruhm.
Sol Er dein Heyland seyn / und dich zu GOtt erheben /
So mustu nicht sehr weit von seiner Krippe leben.

31. Dein Hertz wanns leer / ist besser.
Ach elend! Unser GOtt muß in dem Stalle seyn!
Räum auß mein Kind dein Hertz / und giebs Jhm eylends ein.

32. Der Himmel wird zur Erden.
Der Himmel senket sich / er kombt und wird zur Erden:
Wann steigt die Erd' empor / und wird zum Himmel werden?

33. Wann GOtt empfangen wird.
Als dann empfähstu GOtt / wann seines Geistes gütte /
Beschattet seine Magd die Jungfrau dein Gemütte.

34. Auf das Creutz unsers Erlösers.
Gewiß ist dieser Baum vom Lebens Baum gehägt /
Weil er solch' edle Frucht das Leben selber trägt.

35. Das allersüsseste.
Süß ist der Hönigseym / süß ist der Rebenmost /
Süß ist das Himmelbrod der Jsrelitten kost:
Süß ist was Seraphin von anbegin empfunden /
Noch süsser ist HErr Christ das süsse deiner Wunden.

36. Die übertreffliche Liebe.
Gantz unbegreiflich ist die Lieb' auß der sich GOtt
Jn eines Mägdlein Schoß zum Bräutgam mir entboth.
Doch gleichet diesem nichts daß er auch Leib und Leben /
Am Creutze wie ein Schelm für mich hat hin gegeben.

37. Der verliebte GOtt.
GOtt liebet mich allein / nach mir ist Jhm so bange /
Daß Er auch stirbt für Angst / weil ich Jhm nicht anhange.

38. Die heylsame Wunde.
Die Wunde die mein GOtt für mich ins Hertz empfängt /
Verursacht / daß Er mir sein Blut und Wasser schenkt:
Trink ich mich dessen Voll / so haben meine Wunden /
Jhr wahres Balsamöl / und besten Heiltrank funden.

39. Der beste Stand unter dem Creutze.
Das Blutt das unserm HERRN auß seiner Wunden fleust /
Jst seiner liebe Thau damit Er unß begeust:
Wiltu befeuchtet seyn / und Unverwelklich blühen /
So mustu nicht einmal von seinem Creutze fliehen.

40. Ans Creutze Christi.
Schau deine Sünden sinds die Christum unsern Gott
So unbarmhertziglich verdammen biß inn Tod.
Jedoch verzweiffle nicht; bistu nur Magdalen /
So kanstu seeliglich bey seinem Creutze stehn.

41. An den Creutzfliehenden.
Ach Kind ists dir denn auch zur Zeit noch nicht bewust
Daß man nicht jmmer liegt an unsers HErren Brust?
Wen Er am liebsten hat / der muß in Creutz und Pein /
Jn Marter / Angst und Tod der Nächste bey ihm seyn.

42. An den Sünder.
Wach auf du todter Christ / Schau unser Pelican /
Sprengt dich mit seinem Blutt und Hertzenwasser an.
Empfängstu dieses recht mit aufgethanem Mund /
So bistu Augenbliks Lebendig und Gesund.

43. Das Oster Lamb.
Der Juden Oster Lamb war Fleisch und Blutt vonn Thieren:
Und dennoch konte sie der Würger nicht berühren:
Ess' ich mein Oster Lamb / und zeichne mich mit Blut /
Das sein verwundter Leib für mich vergissen thut:
So ess' ich meinen HErrn / GOtt / Bruder / Bräutgam / Bürgen:
Wer ist dann nu der mich kan schlagen und erwürgen?

44. Auf das Grab JEsu.
Hier ligt der welcher ist / und war / eh Er geworden:
Ein Held / der seinen Feind mit Leyden kan ermorden.
Wiltu ihm werden gleich / und Uberwinder seyn /
So leyd / meid / fleuch und stirb / in Wolust und in Pein.
Weistu nicht wer Er ist? so merke diese Drey /
Daß er ein Mensch und GOtt / und dein Erlöser sey.

45. Grabschrifft der H. Mechtildis.
Hier ligt die Jungfrau Gotts / die blühende Mechtild,
Mit der er offt sein Hertz gekühlt hat und gestillt.

46. Eine andere.
Hier liget GOttes Braut Mechtild das liebe Kind /
Jn welches Vater / Sohn / und Geist verlibet sind.

47. Auf den Grabstein S. Francisci.
Hier ligt ein Seraphin / mich wundert wie der Stein /
Bey solchem Flammen-Feur noch gantz kan blieben seyn!

48. Der einige Tag.
Drey Tage weiß ich nur; als gestern / heut / und morgen:
Wenn aber gestern wird ins heut und Nun verborgen /
Und morgen außgelöscht: so leb ich jenen Tag /
Den ich / noch eh ich ward / in GOtt zu leben pflag.

49. Grabschrifft deß Gerechten.
Hier ist ein Mann gelegt der stäts im Durste lebte /
Und nach Gerechtigkeit bey Tag und Nachte strebte /
Und nie gesättigt ward. Nun ist ihm Allbereit /
Sein Durst gestillt mit GOtt der süssen Ewigkeit.

50. Das Grosse im Kleinen.
Mein Gott wie mag das seyn? mein Geist die nichtigkeit /
Sehnt zuverschlingen dich den Raum der Ewigkeit!

51. Braut und Bräutigam.
Ein Bräutgam seyn ist viel: noch mehr der Braut genissen /
Und jhren süssen Mund mit Hertzer-Liebe küssen:
Jch aber liebe mehr die Hochzeit / da ich Braut
GOtt meinem Bräutigam werd' innig eingetraut.

52. Grabschrifft der H. Jungfrauen Gertrudis.
Glaub hier in diesem Grab ligt nur ein blosser schein /
Es kan Gertrudis nicht wie man vermeinet seyn.
Wo sie nicht solt' jhr Grab im Hertzen JEsu haben /
So muste JEsus seyn auß jhrem ausgegraben.

53. Was GOtt am liebsten ist
Nichts ist das GOtt so sehr als eine Jungfrau liebt /
Daß er auch jhr sich selbst zur Frucht und Kind ergiebt:
Wilstu sein liebstes seyn noch hier auf dieser Erden /
So darffstu anders nichts als seine Jungfrau werden.

54. Auf das Bildnuß deß kleinen Johannes mit dem JEsus Kindlein.
Die grosse Lieblichkeit / mit welcher GOttes Kind /
Johannes / und das Lamb allhier gemahlet sind /
Macht daß ich jnniglich begehre gantz zuseyn /
Johannes / oder ja ein lautres Lämmelein.

55. An den Sünder.
O Sünder wann du wol bedächst das kurtze Nun /
Und dann die Ewigkeit / du würdst nichts böses thun.

56. Von dem GOttsbegierigen.
Dem GOttsbegierigen wird dieser Punct der Zeit
Viel länger als das seyn der gantzen Ewigkeit.

57. Des Christen Kriegens-Art.
Gewöhne dich mein Kind auf Christi Art zu kriegen /
So wirstu deinen Feind gar Ritterlich besiegen:
Wie da? mit Liebe streit / mit Sanfftmut und Geduld
Weich seinen streichen auß / und sey jhm gerne Huld.

58. Es muß gestritten seyn.
Freund wer den Himmel nicht erobert und bestürmt /
Der ist nicht wehrt daß jhn sein Oberster beschirmt.

59. Die Liebe zwinget GOtt.
Das Himmelreich wird leicht erobert / und sein Leben:
Belagre GOtt mit Lieb: Er muß dirs übergeben.

60. Majestät mit Liebe.
Wärs wahr daß Majestät nicht könte stehn mit Liebe;
So sage mir wie GOtt ein Ewger König bliebe?

61. Die Demut macht bestehn.
Mensch überheb dich nicht / die Demut ist dir noth:
Ein Thurn ohn rechten Grund fällt von sich selbst inn Koth.

62. Von S. Laurentius.
Verwundere dich nicht daß mitten auff der Glutt
St. Laurentz seinen Mund so unverzagt auffthut:
Die Flamme die jhm hat in jhm sein Hertz entzündt /
Macht daß er äuserlich das Kohl-Feur nicht empfindt.

63. An die H. Clara.
Wer dich genennet hat / hat dir den Nahmen geben /
Den du mit Wahrheit hast / hier und in jenem Leben.

64. An S. Augustin.
Die weil dein Hertz nach GOtt so lodert Augustin,
Nennt man dich billicher hinführo Seraphin.

65. Von Maria Magdalena.
Die Thränen welche du bey unsers HErren Füssen
Die nasse Magdalen so heuffig sihst vergissen /
Seind jhr zerschmoltznes Hertz: diß kränket sie allein /
Daß nicht jhr Seel und Leib gantz sollen Thränen seyn.

66. Von der Allerseeligsten Jungfrauen.
Der Jungfräuliche Leib / der unser Himmelbrodt
Jn sich beschlossen hilt / ist warlich nicht mehr Todt.
Es fault kein Cederbaum: so wär' es auch nicht fein /
Wann ausserm Tempel GOtts sein' Arche solte seyn.

67. An Sanct Bernhard.
Bernhard weil mit dem Mund dein Hertz stimmt überein /
So kan es anders nichts als lauter JEsus seyn.

68. Die Seeligkeit.
Was ist die Seeligkeit? Ein zufluß aller Freuden;
Ein stätes anschaun Gotts; Ein lieben ohn Verdruß;
Ein Leben ohne Tod; Ein süsser JEsus-Kuß:
Nicht einen Augenblik vom Bräutigam seyn gescheiden.

69. Deß heiligen Reichthumb.
Sey arm / der Heylige hat nichts in dieser Zeit /
Als was er ungern hat / den Leib der Sterblichkeit.

70. GOtt der freygebigste.
GOtt gibt sich ohne maß: Je mehr man jhn begehrt /
Je mehr und mehr Er sich erbietet und gewehrt.

71. Jrrdischer Seraphin.
Du bist ein Seraphin noch hier auf dieser Erden:
Wo du dein Hertze läst zu lauter Liebe werden.

72. Ewiges Leben in der Zeit.
Wer GOtt in allem Thun von Hertzen Loben kan /
Der hebt schon in der Zeit das Ewge leben an.

73. Von S. Bartholomi.
Sag ob auch jemand ist / der mehr verlassen kan /
Als S. Bartholomé zur Leydenszeit gethan?
Die andern liessen zwar dem Herrn zu Ehrn jhr Leben:
Er aber hat auch noch die Haut darzu gegeben.

74. Der Frommen und Bösen Eigenthum.
Die Fromen haben gar nichts Eignes in der Welt /
Und die Gottlosen nichts im Ewgen Himmels Zelt.

75. Das köstlichste Grab.
Kein Grab ist köstlicher biß heute zu gewesen /
Als was von Lazari deß armen wird gelesen:
Und doch verlang' ichs nicht: ich wünsche mir allein
Jn meines Heylands Schoß tief einversenkt zu seyn.

76. Die Seel ist GOttes bild.
Das Bildnüß GOttes ist der Seelen eingeprägt /
Wol dem der solche Müntz' in reiner Leinwand trägt.

77. Der Rosenobel.
Wie Thöricht ist der Mensch / der Gold für GOtt erkiest:
Und weiß daß seine Seel ein Rosenobel ist.

78. Die Geistliche Sulamith.
GOtt ist mein Salomon, ich seine Sulamith,
Wenn ich jhn hertzlich Lieb' / und Er sich mir entbiet.

79. Die geistliche Hochzeit.
Die Braut ist meine Seel; der Bräutgam GOttes-Sohn;
Der Priester Gottes Geist / und seiner Gottheit Thron
Jst der VermählungsOrt: der Wein der mich macht trunken /
Jst meines Bräutgams Blutt / die Speisen allzumal
Sind sein Vergöttet Fleisch / die Kammer und der Saal /
Und's Bett'/ ist's Vatters Schoß / in der wir seind versunken.

80. GOtt kan nicht alls Allein.
GOtt der die Welt gemacht und wider kan zunichten:
Kan nicht ohn meinen willn die Neugeburth ausrichten.

81. Der beste Wucherer.
Dem Wuchrer fall ich bey der jhm sovil erlauffen /
Daß er jhm kan ein Gutt im Himmelreich erkauffen.

82. Ein jeders von dem seinen.
Der Schiffmann redt vom Meer / der Jäger von den Hunden /
Der Geitzige von Gold / und ein Soldat von Wunden:
Mir weil ich bin Verliebt / wil anders nichts gebührn /
Als GOtt und seine Lieb im Munde stätts zuführn.

83. Der gröste Titel.
Wer meiner Seele wil den grösten Titel geben /
Der nenn sie GOttes Braut / sein Hertze / Schatz und Leben.

84. Von den Rosen.
Die Rosen seh ich gern: denn sie sind weiß und roth /
Und voller Dornen / wie mein Blutt-Bräutgam mein GOtt.

85. Du solt seyn Weiß und Roth.
Von Hertzen wünsch ich mir ein Hertze / HErr mein GOtt /
Jn deiner Unschuld weiß / von deinem Blutte roth.

86. Auch untern Dornen blühen.
Christ / so du Unverwelkt in Leyden Creutz und Pein /
Wie eine Rose blühst / wie seelig wirstu seyn!

87. Dich auffthun wie die Rose.
Dein Hertz empfähet GOtt mit alle seinem Gutt /
Wann es sich gegen jhm wie eine Ros' aufthut.

88. Es muß Gecreutzigt seyn.
Freund wer in jener Welt wil lauter Rosen brechen /
Den müssen vor allhier die Dornen gnugsam stechen.

89. Die Schönheit.
Die Schönheit lieb' ich sehr: doch nenn ich sie kaum schön /
Jm fall' ich sie nicht stätts seh' untern Dornen stehn.

90. Jetzt mustu blühen.
Blüh auf gefrorner Christ / der Mäy ist für der Thür:
Du bleibest ewig Todt / blühstu nicht jetzt und hier.

91. Die geheimbe Rose.
Die Ros' ist meine Seel / der Dorn deß Fleischeslust /
Der Frühling Gottes gunst / sein Zorn ist Kält und Frost:
Jhr blühn ist guttes thun / den Dorn jhr Fleisch nicht achten /
Mit Tugenden sich ziehrn / und nach dem Himmel trachten:
Nimmt sie die Zeit wol wahr / und blüht weils Frühling ist /
So wird sie ewiglich für GOttes Ros' erkiest.

92. Das edleste und schnödeste.
Nichts Edlers ist nach GOtt als meine Seel allein:
Wendt sie sich von jhm ab / so kan nichts schnöders seyn.

93. Das gröste Heiligthum.
Kein grösser Heiligthum kan man auf Erden finden /
Als einen keuschen Leib mit einer Seel ohn Sünden.

94. Das wehrteste.
Kein ding ist auf der Welt so hoch und wehrt zuachten /
Als Menschen die mit fleiß nach keiner Hochheit trachten.

95. Das Schädlichste.
Die Sünde weil sie GOtt erzörnt / und dich verletzt /
Wird billich schädlicher als Satan selbst geschätzt.

96. An den Sünder.
Der reichste Teuffel hat nicht einen Kieselstein:
Du bist des ärmbsten Sclav: kan auch was ärmers seyn?

97. Die glükseelige Sünden.
Glükseelig preiß ich dich und alle deine Sünden /
Wo sie nur endlich das / was Magdalene finden.

98. Sich nicht verstellen ist nicht sündigen.
Was ist nicht sündigen? du darffst nicht lange fragen:
Geh hin / es werdens dir die stummen Blumen sagen.

99. Ein reines Hertz schaut GOtt.
Der Adler siht getrost grad in die Sonn hinein:
Und du inn Ewgen blitz / im fall dein Hertz ist rein.

100. Die Sanfftmut besitzt das Erdreich.
Du strebst so embsiglich nach einem Fleklein Erden:
Durch Sanfftmut köntestu der gantzen Erbherr werden.

101. Das lebendige Todtengrab.
Mensch ist dein Antlitz schön / und deine Seele bleich /
So bistu lebendig den Todtengräbern gleich.

102. Der Weg zum Schöpffer.
Du armer sterblicher / ach bleib doch nicht so kleben /
Ann Farben dieser Welt / und jhrem schnöden Leben:
Die Schönheit deß geschöpffs ist nur ein blosser steg /
Der unß zum Schöpffer selbst / dem schönsten zeigt den Weg.

103. Gerechtigkeit macht Seelig.
Wer seelig werden wil / der muß mit weisser Seiden /
So zierlich als er kan / sein Leib und Seel bekleiden.

104. Grabschrifft einer heiligen Seelen.
Hier ligt die grosse Braut / der Menschheit Christi Lohn /
Der GOttheit Ehr und Ruhm / deß heilgen Geistes Thron.

105. Wie man GOttes Huld erlangt.
Jm munde Hönigseim / im Hertzen trage Gold /
Jnn Augen lautres Licht / so wird dir Christus hold.

106. An den Sünder.
Ach Sünder traue nicht / weil du die Magdalen
Befridigt und getrost von unsrem HErrn sihst gehn:
Du bist ihr noch nicht gleich: wiltu deß Trosts geniessen /
So lege dich zuvor wie sie zu seinen Füssen.

107. Ein unbeflekter Mensch ist über die Engel.
Ein Engel seyn ist viel; Noch mehr ein Mensch auf Erden /
Und nicht mit jhrem wust und Koth besudelt werden.

108. Der Volkomne ist nie frölich.
Mensch / ein Volkomner Christ hat niemals rechte freud
Auf diser Welt: warumb? Er stirbet allezeit.

109. Der Leib ist Ehren werth.
Halt deinen Leib in Ehrn / er ist ein edler Schrein /
Jn dem das Bildnüß GOtts sol aufbehalten seyn.

110. Der Seelige Sünder.
Kein Sünder ist so wol und seelig je gestorben /
Als der deß HErren gunst wie Magdalen erworben.

111. Das Menschliche Hertze.
GOtt / Teuffel / Welt / und alls wil in mein Hertz hinein:
Es muß ja wunder schön und grosses Adels seyn!

112. Das Hertz ist unermeßlich.
Ein Hertze welches sich vergnügt mit ort und Zeit /
Erkennet warlich nicht sein' unermäßlichkeit.

113. Der Tempel GOttes.
Jch bin der Tempel GOtts / und meines Hertzens schrein
Jsts allerheiligste / wann er ist leer und rein.

114. Die Uberformung.
Dann wird das Thier ein Mensch / der Mensch ein Englisch wesen /
Und dieses GOtt / wann wir Vollkömmlich seynd genesen.

115. Du must zuvor das seyn.
Mensch sol GOtt und sein Lamm dein Ewger Tempel seyn /
So mustu jhm zuvor dein Hertz zu einem weihn.

116. Der geistliche Opfferzeug.
Mein Hertz ist ein Altar / mein will' ists Opffer-Gutt /
Der Prister meine Seel / die Liebe Feur und Glutt.

117. Der Ekstein ist das beste.
Den Goldstein suchet man / und läst den Ekkestein /
Durch den man ewig reich / gesund / und klug kan seyn!

118. Der weisen Stein ist in dir.
Mensch geh nur in dich selbst. Denn nach dem Stein der weisen /
Darf man nicht allererst in frembde Lande reisen.

119. Der Ekstein macht was ewig wehrt.
Der Goldstein machet Gold das mit der Welt vergeht:
Der Ekstein einen Bau der ewiglich besteht.

120. Die beste Tingirung.
Den halt ich im Tingirn für Meister und bewehrt /
Der GOtt zu Lieb sein Hertz ins feinste Gold verkehrt.

121. Wir habens besser als die Engel.
Den Engeln geht es wol; noch besser uns auff Erden:
Denn keiner jhrs Geschlechts kan GOtts Gemahlin werden.

122. Das gröste Wunderwerk.
Kein grösser Wunderwerk hat man noch nie gefunden:
Als daß sich GOtt mit Koth (dem Menschen) hat verbunden.

123. GOtt geht doch etwas ab.
Man sagt / GOtt mangelt nichts / Er darff nicht unsrer gaben:
Jsts wahr / was wil Er dann mein armes Hertze haben?

124. Die geistliche Drachenstürtzung.
Wann du auß dir Verjagst die Sünd und jhr getümmel /
So wirfft St. Michael den Drachen auß dem Himmel.

125. Die Hoffart und Demut.
Die Hoffart wird gehast / die Demut wird geliebt:
Und doch ist kaum ein Mensch der sie für jener übt.

126. Der Weg zur Heiligkeit.
Der allernächste Weg zur wahren Heiligkeit /
Jst Demut auf dem Pfad der keuschen Reinigkeit.

127. Der Ewge Sabbath in der Zeit.
Ein Mensch der sich in sich in GOtt versamblen kan /
Der hebt schon in der Zeit den Ewgen Sabbath an.

128. Sich selbst regiern ist Königlich.
Ein Mensch der seine Kräfft' und Sinne kan regiern;
Der mag mit guttem recht den Königs Titel führn.

129. Der grade Weg zum Leben.
Wann du wilt grades Wegs ins Ewge Leben gehn /
So laß die Welt und dich zur linken Seiten stehn.

130. Der Mundtrank GOttes.
Der Trank den GOtt der HErr am allerliebsten trinkt /
Jst Wasser das für lieb auß meinen Augen dringt.

131. Das geheime Königreich.
Jch bin ein Königreich / mein Hertz das ist der Thron /
Die Seel ist Königin / der König GOttes Sohn.

132. Das Hertze.
Mein Hertze weil es stäts in GOtt gezogen steht /
Und jhn herwieder zeucht / ist Eisen und Magnet.

133. Von der H. Teresa.
Teresa wil sonst nichts als Leyden oder sterben:
Warumb? die Braut muß jhr den Bräutgam so erwerben.

134. Der liebste Mensch bey GOtt.
Der allerliebste Mensch den GOtt hat in der Zeit /
Jst der viel Creutz und Pein umb seinet willen leidt.

135. Ein Hertz umbschlisset GOtt.
Gar unaußmäßlich ist der Höchste wie wir wissen:
Und dannoch kan jhn gantz ein Menschlich Hertz umbschlissen!

136. Mittel zur Heiligkeit.
Dein Geist sey aufgespannt / dein Hertze leer und rein /
Demüttig deine Seel: so wirstu heilig seyn.

137. Die Lieb ist alle Tugenden.
Die Lieb ist nie allein / wer sich mit ihr beweibt /
Dem wird das gantze Chor der Jungfern einverleibt.

138. Die Lieb ist Todt.
Ach ach die Lieb ist todt! wie ist sie dann gestorben?
Für Frost / weil niemand sie geacht / ist sie verdorben.

139. Was man sucht das findt man.
Der Reiche suchet Gold / der arme suchet GOtt:
Gold find der arme Mensch warhafftig / jener Koth.

140. Das Königliche Leben.
Gib deinen willen GOtt: dann wer jhn aufgegeben /
Derselbe führt allein ein Königliches Leben.

141. Wir sollens GOtt wider seyn.
GOtt der bequämt sich unß / Er ist unß was wir wollen:
Weh unß / wann wir jhm auch nicht werden was wir sollen.

142. Jn Sanfftmuth wohnet GOtt.
Versänfftige dein Hertz. GOtt ist in starken Winden /
Jn Erdbewegungen / und Fewer / nicht zufinden.

143. Die Lampe muß recht brennen.
Ach Jungfrau schmücke dich / laß deine Lampe brennen:
Sonst wird der Bräutigam dich nicht für Braut erkennen.

144. Die Morgenröth' und Seele.
Die Morgenröth' ist schön / Noch schöner eine Seele /
Die GOttesstral durchleucht in jhres Leibes Höle.

145. GOtts süssester Geruch.
Der süsseste Geruch der GOtt so sehr beliebt /
Steigt auf vom Lob das jhm ein reines Hertze giebt.

146. Die Macht der Seelen.
Die Seel ist groß von Macht / GOtt selbst muß ihr gestehn /
Und kan jhr nimmermehr ohn jhren Willn entgehn.

147. GOtt wil alleine seyn.
Verschleuß GOtt in dein Hertz / laß keinen andern drein /
So muß er stäts bey dir und dein gefangner seyn.

148. GOtt ist mein Punct und Kreiß.
GOtt ist mein mittelpunct wenn ich Jhn in mich schlisse:
Mein Umbkreiß dann / wenn ich auß Lieb' in jhn zerflisse.

149. Das Hochzeit Kleyd ist noth.
Der Himmel thut sich auf / der Bräutgam komt gegangen!
O Braut wie wiltu jhn ohns Hochzeit Kleyd embfangen!

150. Die Last unds Joch deß HErren.
Süß ist deß HErren joch / und sanffte seine Last.
Wol dir / wann du sie stäts auf deinen Achseln hast.

151. Der Heilige trauret nie.
Der Heilige kan nie im Geist betrübet seyn:
Warumb? er lobt GOtt stäts auch in der grösten Peyn.

152. Der Himmlische auf Erden.
Wer reines Hertzens ist / und Züchtig in Geberden /
Und hochverliebt in GOtt / ist Himmlisch auf der Erden.

153. Die Knechte Freunde und Kinder.
Die Knechte fürchten GOtt: die Freunde lieben jhn:
Die Kinder geben jhm jhr Hertz und allen Sin.

154. Vom S. Ignatius.
Wie daß Ignatius von Thieren wird zerrissen?
Er ist ein Weitzenkorn: GOtt wils gemahlen wissen.

155. Wegweiser zur Freuden.
Ein Hertze voller GOtt mit einem Leib voll Leyden /
Thut unß am besten kundt den Weg zur ewgen freuden.

156. Die Lieb ist über wissen.
Mit GOtt vereinigt seyn / und seinen Kuß genissen /
Jst besser als viel Ding ohn seine Liebe wissen.

157. S. Agneten Grabschrifft.
S. Agnes lieget hier / die Jungfrau und die Braut /
Die keinem andern Mann als Christo sich vertraut.
Doch / nein sie ligt nicht hier: wer sie wil sehen stehn /
Der muß so nah man kan zum Lämmlein GOttes gehn.

158. Die Jungfrauschafft muß fruchten.
GOtt liebt die Jungfrauschafft umb jhrer süssen Früchte.
Alleine läst Er sie nicht für sein Angesichte.

159. Die lieblichste Music.
Die lieblichste Music / die GOtt den Grim benimbt /
Entsteht wenn Hertz und Mund in jhm zusammen stimmt.

160. Die Lieb ist ewig.
Die Hoffnung höret auf. der Glaube kombt zum schauen /
Die Sprachen redt man nicht / und alles was wir bauen /
Vergehet mit der Zeit; die Liebe bleibt allein:
So last unß doch schon jetz auf sie befliessen seyn.

161. Was GOtt nicht kennet.
GOtt der sonst alles siht / und alles bringt ans Licht /
Kennt einen losen Mann und leere Jungfrau nicht.

162. Der Jrrwisch.
Wer ohne Liebe laufft / komt nicht ins Himmelreich:
Er springt bald hin bald her / ist einem Jrrwisch gleich.

163. Die geheime Widergeburt.
Auß Gott wird man gebohrn / in Christo stirbet man:
Und in dem heiligen Geist fäht man zu Leben an.

164. Die Lieb' ists Glaubens Seele.
Der Glaub allein ist Todt / Er kan nicht eher Leben /
Biß daß ihm seine Seel die Liebe wird gegeben.

165. Des GOttverliebten Wunsch.
Drey wünsch' ich mir zu seyn: erleucht wie Cherubim /
Geruhig wie ein Thron / entbrannt wie Seraphim.

166. Das Creutze.
Vor Zeiten war das Creutz die gröste Schmach und Hohn:
Nu trägts der Keiser selbst auf seinem Haupt und Kron!

167. Der Geitz ist manchmal gut.
Der Geitzhalß scharrt und kratzt umb zeitlichen Gewin:
Ach daß wir unß nicht so umb ewigen bemühn!

168. Die GOttheit.
Die GOttheit ist ein Brunn / auß jhr kombt alles her:
Und laufft auch wider hin / drumb ist sie auch ein Meer.

169. Die Busse.
Die Buß ist wie ein Strom / sie dämpfft mit ihren Wellen
Den grösten GOttes Zorn / und löscht das Feur der Höllen.

170. Vom Ewigen bewegen.
Du suchst mit solchem fleiß das ewige bewegen /
Und ich die Ewge ruh: woran ist mehr gelegen?

171. Ein Narr sucht vielerlei.
Der weise sucht nur eins / und zwar das höchste Gut:
Ein Narr nach vielerley / und kleinem streben thut.

172. Das edleste das gemeinste.
Je edeler ein ding / je mehr ist es gemein.
Das spüret man an GOtt und seiner Sonnenschein.

173. Das Merkmahl ist die Liebe.
Mensch wann du wilt im Volk die Freunde GOtts erfragen /
So schau nur welche Lieb' in Hertz und Händen tragen.

174. Nur GOtt sey dein warumb.
Nicht du / noch Freund / noch Feind / nur GOttes Ehr allein /
Sol eintzig dein warumb / und end-ursache seyn.

175. Was GOtt von Ewigkeit gethan.
Was that GOtt vor der Zeit in seinem Ewgen thron?
Er liebete sich selbst / und zeugte seinen Sohn.

176. Eins muß verlassen seyn.
Mensch anderst kans nicht seyn: du must's Geschöpffe lassen /
Wo du den Schöpffer selbst gedänkest zu umbfassen.

177. Die lange Marter.
Es ist den Märtyrern gar herrlich wol gelungen /
Daß sie durch kurtzen Tod zu GOtt sind eingedrungen:
Wir werden fort und fort die gantze Lebenszeit
Gemartert: Und von wem? von der begierlichkeit.

178. Wer reich im HErrn / den Lieb ich gern.
Den armen bin ich huld: doch lieb ich mehr die reichen /
Die keinem Fürstenthumb im Himmel dürffen weichen.

179. Vom Lieben.
Die Liebe diser Welt die endt sich mit betrüben:
Drumb sol mein Hertz allein die Ewge Schönheit lieben.

180. GOtt weiß jhm keinen Anfang.
Du fragst / wie lange GOtt gewest sey? umb bericht:
Ach schweig: es ist so lang' / Er weiß es selber nicht.

181. Auch von GOtt.
GOtt ist noch nie gewest / und wird auch niemals seyn /
Und bleibt doch nach der Welt / war auch vor jhr allein.

182. Es muß gestritten seyn.
Streit hurtig dapffrer Mann / biß du erlangst die Kron.
Wer in dem Streit erligt / hat ewig Spott und Hohn.

183. Beharrligkeit ist Noth.
Das gröste das ein Mensch bedarff zur seeligkeit /
(Wo er im gutten steht) ist die beharrligkeit.

184. Du must dich noch gedulden.
Erwart' es meine Seel: das Kleyd der Herrlichkeit
Wird keinem angethan in diser wüsten Zeit.

185. Der Weißheit Anfang mittel und Ende.
Die Furcht deß HErren ist der Weißheit anbeginn /
Jhr End' ist seine Lieb / jhr mittel kluger Sinn.

186. Haß und Liebe.
Das gutte Lieb' ich hoch / dem bösen bin ich feind:
Schau ob nicht Lieb und Haß wol bey einander seynd?

187. Man solle auffs höchste bringen.
Mein thun geht nur dahin / daß ich noch mög auf Erden
Maria / und ihr Kind der Sohn des höchsten werden.

188. Das Wort wird noch gebohrn.
Fürwahr das Ewge Wort wird heute noch gebohrn /
Wo da? da wo du dich in dir hast selbst verlohrn.

189. Johannes an der Brust.
Ach wer Johannes ist / der ligt nach aller Lust
Jn seines Meisters Schoß und süssen JEsus Brust!

190. Vom Sünder und Geiste GOttes.
Der Geist deß HErrn erfüllt den gantzen Erdenkreiß:
Wo ist der Sünder dann / der jhn nicht fühlt noch weiß?

191. GOtt liebt man nie zuviel.
Wer GOtt recht lieben wil / der thu's ohn maß und Ziehl /
Er ist so süß und gutt / man liebt jhn nie zu viel.

192. Drey Worte sind erschröklich.
Drey Worte schrökken mich: das Jmmer / Allezeit /
Und Ewig / seyn Verlohrn / Verdampt / Vermaledeit.

193. Die Liebe ist die beste.
Jch mag mich auf der Welt in keiner Kunst so üben /
Als wie ich meinen GOtt aufs innigste sol lieben.

194. Die Weißheit ist das beste Weib.
Begehrestu ein Weib / die prächtig reich und fein:
So nimb die Weißheit; nur sie wird dir alles seyn.

195. Die Welt ist von einer Jungfrau gemacht.
Der Weißheit. Von einer Jungfrau ist die gantze Welt gemacht:
Durch eine Jungfrau wird sie neu und wiederbracht.

196. Die Weißheit und die Liebe.
Die Weißheit schauet GOtt / die Liebe küsset Jhn:
Ach daß ich nicht voll Lieb und voller Weißheit bin!

197. Die Weißheit ist GOttes Rath.
Wer die Geheimnüsse deß HErren gerne hat /
Der muß zur Weißheit gehn; sie ist geheimer Rath.

198. Auf Hoffnung säet man.
Man wirfft das Weitzenkorn auf Hoffnung in die Erden:
So muß das Himmelreich auch außgestreuet werden.

199. Die würkung der H. Dreyfaltigkeit.
Die Allmacht hält die Welt: die Weißheit die regiert;
Die Gütte segnet sie: wird hier nicht GOtt gespürt?

200. Der Weise redet wenig.
Ein Weiser / wann er redt was nutzet und behagt /
Ob es gleich wenig ist / hat viel genug gesagt.

201. GOtt gibt gern grosse Gaben.
GOtt / weil Er groß ist / gibt am liebsten grosse Gaben:
Ach daß wir arme nur so kleine Hertzen haben!

202. Man kan auch GOtt verwunden.
GOtt wird von nichts verletzt / hat nie kein Leyd empfunden:
Und doch kan meine Seel Jhm gar das Hertz verwunden.

203. Der Mensch ist groß für GOtt.
Wie groß sind wir gesehn! die hohen Seraphim
Verdekken sich für GOtt: wir dürffen bloß zu Jhm.

204. Man achtt das Ewge nicht.
Ach weh! umb eitle Lust verschertzt man Gurt und Blutt:
Und umb die Ewige fast niemand werben thut!

205. Der allerverliebste der Allerheiligste.
Wer ist der heiligste? der mehr verliebet ist:
Die Liebe machts daß man für heilig wird erkiest.

206. Vom Gewissen.
Ein gutt Gewissen ruht / ein böses beist und billt:
Jst wie ein Kettenhund / der schwerlich wird gestillt.

207. Vom wissen.
Viel wissen ist zwar fein: doch gibts nicht solche Lust /
Als jhm von Kindheit an nichts böses seyn bewust.

208. Deß Weisen Goldmachung.
Der Weise machet Gold / verändert Ertz und Stein /
Wann er die Tugend pflantzt / und unß macht Englisch seyn.

209. GOtt ist mein Himmelbrodt.
Jch habe nichts so gern in meinem Mund als Gott:
Er schmäkt mir wie ich wil; Er ist mein Himmelbrodt.

210. Du must geübet werden.
Freund habe doch geduld: wer für dem HErrn sol stehn /
Der muß vor Viertzig Jahr in der Versuchung gehn.

211. Die Gliedmassen der Seelen.
Die Seel steht mit verstand / geht mit begierden fort /
Mit Andacht redet sie / kombt mit Verharrn ann Port.

212. Das Vieh lebt nach den Sinnen.
Wer nach den Sinnen lebt / den schätz ich für ein Vieh:
Wer aber Göttlich wird / dem beug ich meine Knie.

213. Die Weißheit ist ein Qual.
Die Weißheit ist ein Qual / je mehr man auß jhr trinkt /
Je mehr und mächtiger sie wieder treibt und springt.

214. Die Heiligen messen GOtt.
Wer gründt die tieffe GOtts? wer schätzt wie hoch Er flammt?
Wer mist Jhn lang und breit? die Heilgen allesambt.Ephes. 3.

215. Der da war / ist und kommen wird / in Apocal.
Der Vater war zuvor / der Sohn ist noch zur Zeit /
Der heilge Geist wird seyn im Tag der Herrligkeit.

216. GOtt thut es alles selbst.
GOtt ist nur alles gar; Er stimmt die Seiten an
Er singt und spilt in unß: wie hast dann du's gethan?

217. GOtt ist überall und nirgends.
Dänkt / überall ist GOtt der grosse Iehova.
Und ist doch weder hier / noch anderswo / noch da.

218. Jm Himmel ist kein Mann noch Weib.
Jm Himmel ist kein Mann noch Weib / was dann zuschauen?
Jungfräulich' Engel sinds / und Englische Jungfrauen.

219. Wer viel verläst / empfäht viel.
Laß alles was du hast / auf daß du alles nimst /
Verschmäh die Welt / daß du sie Hundertfach bekömst.

220. Der Seelen höchster Stand.
Niemand hat seinen Stand so hoch und groß gemacht /
Als eine Seel die jhr Gemüth in Ruh gebracht.

221. Der Böse kan nicht ruhen.
O wunder! Alles laufft daß es zur ruh gelange!
Und einem bösen Mann ist bey derselben bange!

222. Deß Himmels und der Hölln geschrey.
Jm Himmel rufft man stäts O-Sanna in der höh:
Und in der Höllen nichts als Jammer Ach und Weh!

223. Dein Wille kan dir helffen.
Verzage nicht mein Kind / hastu nur gutten Willen /
So wird sich endlich wol dein Ungewitter stillen.

224. Die Jungfrau muß auch Mutter seyn.
Die Jungfrauschafft ist wehrt: doch muß sie Mutter werden:
Sonst ist sie wie ein Plan von Unbefruchter Erden.

225. Bedänk das künfftige.
Bey GOtt ist Ewge Lust / beym Teufel Ewge Peyn:
Ach Sünder dänke doch bey welchem du wirst seyn.

226. Allein und nicht Allein.
Jch fliehe zwar das Volk / bin aber nie Allein:
Denn weh! wie solte mir ohn meinen Heyland seyn?

227. Die dreyfache Zukunfft Christi.
Die Zukunfft unsres HErrn / war / ist / und wird geschehn /
Jm Fleisch / im Geist / und wann man jhn wird Herrlich sehn.

228. Die Augen der Seele.
Zwey Augen hat die Seel: eins schauet in die Zeit /
Das andre richtet sich hin in die Ewigkeit.

229. Der Haß seiner selbst.
Jch lieb und hasse mich / ich führe mit mir Kriege /
Jch brauche List und Macht / daß ich mich selbst besiege:
Jch schlag' und tödte mich / ich mach' es wie ich kan
Daß ich nicht ich mehr bin: rath was ich für ein Mann?

230. Der Glaube / Hoffnung / Liebe und Andacht.
Der Glaube greifft nach GOtt; die Hoffnung nimbt jhn wahr;
Die Lieb' umbhalset Jhn: die Andacht ißt Jhn gar.

231. Das fein-Perlein.
Der HErr vergleicht sein Reich mit einem fein-Perlein /
Daß es sol wol bewahrt / und wehrt geschätzet seyn.

232. Miß dir doch ja nichts zu.
Freund so du etwas bist / so bleib doch ja nicht stehn:
Man muß auß einem Licht fort in das andre gehn.

233. Drey Feinde deß Menschen.
Drey Feinde hat der Mensch: sich / Belzebub und Welt:
Auß diesem wird der Erst am langsamsten gefällt.

234. Die Seel ists theureste.
Jch halte meine Seel fürs theurest' auf der Erden:
Weil sie mit Gottesblutt erkaufft hat müssen werden.

235. Der Dreyfache Gottes Kuß.
Drey Stände küssen GOTT: die Mägde falln zun Füssen /
Die Jungfern nahen sich die milde Hand zuküssen /
Die Braut so gantz und gar von seiner Lieb ist Wund /
Die liegt an seiner Brust / und küst den Hönig Mund.

236. Deß Teuffels / Engels / Menschens / und Viehes Kennzeichen.
Die Teuffel lästern GOtt / das Vieh das acht jhn nicht /
Die Menschen lieben jhn / die Engel schaun sein Licht /
Stäts unverwendet an. Auß diesem kanstu kennen /
Wen du solt Engel / Mensch / Vieh / oder Teufel nennen.

237. Wer Christo gleich ist.
Wer ist dem HErren gleich? der seine Feinde liebt /
Für die Verfolger bitt / und gutts umb böses giebt.

238. Die innerliche Geburt Gottes.
Ach freude! GOtt wird Mensch / und ist auch schon gebohren!
Wo da? Jn mir: Er hat zur Mutter mich erkohren.
Wie gehet es dann zu? Maria ist die Seel /
Das Krippelein mein Hertz / der Leib der ist die Höl /
Die neu Gerechtigkeit sind Windeln und sind Binden:
Der Joseph Gottes Furcht: Die Kräffte deß Gemütts
Sind Engel die sich freun: Die Klarheit ist jhr Blitz:
Die keusche Sinnen sind die Hirten die jhn finden.

239. Deutung deß Nahmens JEsus.
Kein Nahm ist unter alln so hoch gebenedeit
Als JEsus: denn Er Jst Ein Schatz voll Seeligkeit.

240. Die Drey Geistliche Weisen.
Drey Weisen tragen GOtt in mir drey Gaben an:
Der Leib zerknirschungs Myrrhn / die Seele Gold der Liebe /
Der Geist den Weyherauch der Andacht wie er kan:
Ach daß ich jmmerdar so dreymal Weise bliebe!

241. Die geheime Seelenflucht.
Herodes ist der Feind; Der Joseph der Verstand /
Dem macht GOtt die Gefahr im Traum (im Geist) bekandt.
Die Welt ist Bethlehem / Egypten Einsamkeit:
Fleuch meine Seele fleuch / sonst stirbestu für Leyd.

242. Die Wunder Geburt.
Maria ist Crystall / jhr Sohn ist Himmlisch Licht:
Drumb dringt er gantz durch sie / und öffnet sie doch nicht.

243. Die wunderliche umbwechßlung.
Schaut wunder: GOttes Sohn wird jung in lauter Freuden /
Und muß mit lauter Angst von hinnen wieder scheiden:
Wir kommen auff die Welt mit Thränen / und vergehn
Mit Lachen / wo wir recht in seinem Geiste stehn.

244. Sey niemals sicher.
Ach Jungfrau sieh dich für: denn wann du Mutter worden /
So suchet straks der Feind dein Kindlein zuermorden.

245. Die unerhörte Verkehrung.
Es kehrt sich alles umb: die Burg ist in der Höle /
Die Krippe wird ein Thron / der Tag kombt in der Nacht /
Die Jungfrau bringt ein Kind: Ach Mensch biß auch bedacht /
Daß sich verkehre wol / dein Hertze Geist und Seele.

246. Von der Krippe.
Die Krippe halt' ich nu für einen Kleinod-schrein /
Weil JEsus drinnen liegt / der mein Carfunkelstein.

247. Von der Jungfrawen Maria.
Das Weib umbgiebt den Mann / der Jungfrau wird vertraut
Der Held. Wie da? Sie ist das Brauttbett und auch Braut.

248. Die Perlen geburt.
Die Perle wird vom Thau in einer Muschel Höle
Gezeuget und gebohrn / und diß ist bald beweist
Wo du's nicht glauben wilt: Der Thau ist GOttes-Geist /
Die Perle JEsus Christ / die Muschel meine Seele.

249. Der Jahrs Beschluß.
Es wird das alte Jahr / das sich nu schleust / gehalten
Als wanns vergangen wär': und diß ist wahr mein Krist /
Wo du ein Neuer Mensch in GOtt geworden bist:
Jsts nicht; so lebstu noch wahrhafftig in dem alten.

Text: Angelus Silesius, „Cherubinischer Wandersmann" (1657/1675), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.