Vierdtes Buch

1. GOtt wird waß Er nie war.
Der ungewordne GOtt wird mitten in der Zeit
Was Er nie ist gewest in aller Ewigkeit.

2. Der Schöpffer wird's Geschöpffe.
Das Unerschaffene Licht wird ein erschaffnes Wesen:
Daß sein Geschöpffe nur durch selbes kan genesen.

3. An das JEsus Kind.
Jch habe dich mein Kind / du zarter Nazarener /
Den Lilgen offt vergleicht; Nu aber geh ichs an /
Daß jch dir viel zu kurtz und Unrecht hab gethan:
So viel du edler bist / so viel bistu auch schöner.

4. Das geheime Nazareth und geistliche Verkündigung.
Maria / Nazareth / und Gabriel der Both /
Jst meine Seel / mein Hertz / und neues Licht von Gott.
Mein Hertze zwar wann es ein Blumenthal geworden
Die Seele wann sie steht im keuschen Jungfern Orden
Und wohnt in diesem Thal: das neue Gnaden Licht /
Wann Gott sein Ewges Wort in jhrem Geiste spricht.

5. Von dem JEsus Kind an der Mutter Brüsten.
Wie schlecht ist Gottes Sohn bewirthet auf dem Heu:
Man siehet nichts umb jhn als lauter Armuthey:
Er achtets aber nicht / und läst jhm wol genügen /
Weil Er kan an der Brust der süssen Mutter liegen.

6. GOtt auf dem Stroh.
Je! daß jhm GOtt den Stall und's Stroh hat außerkiest!
Es ziemet sich also weil Er ein Lämmlein ist.

7. Der Fall Evae ist Ursach daß GOtt Mensch worden.
Der Ewge GOttes Sohn kombt her in diese Wüsten /
Und nährt sich wie ein Kind an einer Jungfrau Brüsten.
Wer hat ihm dieses weh verursacht und gemacht?
Ein abgefallnes Weib hat jhn darzu gebracht.

8. Der Nahme JESUS.
Der Nahme JEsus ist ein außgegossnes Oele:
Er speiset / und Erleucht / und stillt das weh der Seele.

9. Das Unaußsprechliche.
Das Unaußsprechliche das man pflegt Gott zunennen /
Giebt sich in einem Wort zusprechen und zukennen.

10. Die volle Seeligkeit.
Der Mensch hat eher nicht vollkommne Seeligkeit;
Biß daß die Einheit hat verschlukt die Anderheit.

11. Mit schweigen Ehrt man GOtt.
Die Heilge Majestät (wiltu jhr Ehr erzeigen)
Wird allermeist geehrt mit heilgem stilleschweigen.

12. Jn Einem alles Heyl.
Jn einem steht mein Heil / in einem meine Ruh:
Drumb lauff ich mit Verlust viel dings dem Einen zu.

13. Die Eigenschafft der dreyen Stände.
Die Büsser flehn Gott an / die freyen danken jhm /
Die Bräute sind voll Lieb' und Ruh wie Seraphim.

14. GOtt giebt das groß' im kleinen.
Nimb was der HERR dir giebt / Er giebt das groß im kleinen /
Jn schlechten schlakken Gold / ob wirs zwar nicht vermeinen.

15. Uberschrifft der Heyligen Agatha.
Diß war die keusche Seel / die GOtt von freyer Hand
Geehrt hat / und erlöst ihr Volk und Vaterland.

16. Der Schnee in der Sonne.
Wie schöne gläntzt der Schnee wann jhn der Sonnenstrahlen
Mit Himmelischem Licht bestreichen und bemahlen!
So gläntzt auch deine Seel / so sie ist weiß wie Schnee:
Wann sie beschienen wird vom Aufgang auß der Höh.

17. Zu dem HErren JESU.
Jch nah mich HERR zu dir als meinem Sonneschein /
Der mich erleucht / erwärmt / und macht lebendig seyn.
Nahstu dich wiederumb zu mir als deiner Erden /
So wird mein Hertze bald zum schönsten Früling werden.

18. Der Tugend Ziel ist GOtt.
GOtt ist der Tugend Ziel / jhr antrieb / jhre Kron /
Jhr eintziges warumb / und ist auch all' jhr Lohn.

19. Ein gutt Gewissen.
Was ist ein gutter Muth der wol mit GOtte steht?
Ein stättes frölich seyn / und ewiges Panket.

20. Die Verlust.
Mensch schau die Lust der Welt / die Endet sich mit Peyn:
Wie kanstu jhr dann auch so gantz ergeben seyn?

21. Der unerkandte GOtt.
Was GOtt ist weiß man nicht: Er ist nicht Licht / nicht Geist /
Nicht Wonnigkeit / nicht Eins / nicht was man Gottheit heist:
Nicht Weißheit / nicht Verstand / nicht Liebe / Wille / Gütte:
Kein Ding / kein Unding auch / kein Wesen / kein Gemütte:
Er ist was ich / und du / und keine Creatur /
Eh wir geworden sind was Er ist / nie erfuhr.

22. An S. Augustin.
Halt an mein Augustin: Eh du wirst Gott ergründen /
Wird man das gantze Meer in einem Grüblein finden.

23. Göttliche beschauung.
Das überlichte Licht schaut man in diesem Leben
Nicht besser / als wann man ins dunkle sich begeben.

24. Die Uberformung.
Du must den Leib in Geist / den Geist in GOtt versetzen /
Wann du dich / wie dein Wuntsch / vollkömlich wilt ergötzen.

25. Die GOttesschauer.
Was thun die schauer GOtts? sie thun das in der Zeit /
Was andre werden thun dort in der Ewigkeit.

26. Moses.
Dänkt Mosis Antlitz ward so gläntzend als die Sonne /
Da er das ewge Licht im dunckeln nur gesehn!
Was wird nicht nach der Zeit den Seeligen geschehn /
Wann sie GOtt werden schaun im Tag der ewgen Wonne?

27. Die Seeligen.
Was thun die seeligen / so man es sagen kan?
Sie schaun ohn unterlaß die ewge Schönheit an.

28. Die Heiligen und Gottlosen.
Die Heiligen sind GOtt ein lieblicher Geruch:
Die Bösen ein Gestank / ein abscheu / und ein Fluch.

29. Die Liebe.
Die Lieb ist wie der Tod: sie tödtet meine Sinnen /
Sie brichet mir das Hertz / und fährt den Geist von hinnen.

30. GOtt über alle Gaben.
Jch bitte dich mein GOtt zwar offt umb deine Gaben /
Doch wisse daß ich dich viel lieber selbst wil haben.
Drumb gieb mir was du wilt / es sey auch ewges Leben:
Giebstu mir dich nicht selbst / so hastu nichts gegeben.

31. Die glükseelige Musse.
Johannes an der Brust / MARIA bey den Füssen /
Thun alle zwey sonst nichts / als daß sie Gotts geniessen:
Wie wol sind sie daran! könt' ich so müssig seyn /
Jch regete mich nicht / fiel' auch der Himmel ein.

32. Eins jeden Element.
Jm Wasser lebt der Fisch / die Pflantzen in der Erden /
Der Vogel in der Lufft / die Sonn im Firmament:
Der Salamander muß im Feur erhalten werden:
Jm Hertzen JESU ich / als meinem Element.

33. Das Paradeiß auf Erden.
Du suchst das Paradeiß / und wüntschest hin zukommen /
Wo du von allem Leid und Unfried bist entnommen.
Befriedige dein Hertz / und mach es Rein und weiß:
So bistu selbst noch hier dasselbe Paradeiß.

34. GOtt lieben geht vor alles.
Laß einen alle Lust der gantzen Welt geniessen /
Und einen dreymal mehr als Salmon wuste wissen:
Laß einen Schöner seyn als Davids Absalon.
Gieb einen der mehr stärk' und Macht hat als Simson:
Und einen der mehr Gold als Croesus hat zuzeigen /
Und noch der alles kan wie Alexander beugen:
Ja der diß alles ist: So sag ich doch gantz frey:
Daß auch ein schlechter Mann der GOtt liebt besser sey.

35. Die tieffe / höhe / breite / und länge GOttes.
Durch Weißheit ist GOtt tieff / Breit durch Barmhertzigkeit /
Durch Allmacht ist er hoch / lang durch die Ewigkeit.

36. Beschauligkeit.
Sey rein / schweig / weich' und steig auf in die Dunkelheit /
So kommstu über alls zur GOtts beschauligkeit.

37. Bescheidenheit.
Das Richtscheid deß Gemütts ist die Bescheidenheit:
Wer sich nach jhr nicht mißt / der fehlt der Tugend weit.

38. GOtt nichts und alles.
GOtt ist ein Geist / ein Feur / ein Wesen und ein Licht:
Und ist doch wiederumb auch dieses alles nicht.

39. Der Gelassene ist schon Seelig.
Ein Mensch der Gott sich läst in allen fälln und weisen /
Den kan man warlich schon im Leibe seelig preisen.

40. Die Braut GOttes.
Die Braut deß Ewgen Gotts kan jede Seele werden:
Wo sie nur seinem Geist sich unterwirfft auf Erden.

41. Das Abendmahl deß Lambs.
Das Lamm das hat sein Mahl zur Abendszeit bestimt:
Warumb? weil man darauf zur Ewgen ruhe kömmt.

42. Maria.
Maria wird genennt ein Thron und Gotts Gezelt /
Ein' Arche / Burg / Thurn / Hauß / ein Brunn / Baum / Garten / spiegel.
Ein Meer / ein Stern / der Mon / die Morgenröth / ein Hügel:
Wie kan sie alles seyn? sie ist ein' andre Welt.

43. Der Jünger den GOtt liebt.
Ein Mensch der gantz und gar sich abwendt von der Welt /
Und seinen Leib und Seel dem HErren heilig hält /
Stirbt noch vertirbet nicht / ob man jhm gleich vergibt.
Fragstu warumb? er ist der Jünger den er liebt.

44. Roth und Weiß.
Roth von deß HErren Blut wie Sammet Röselein /
Durch Unschuld weiß wie Schnee sol deine Seele seyn.

45. Von Maria Magdalena an dem Creutze.
Wie daß die Magdalen das Creutze so umbschrenkt?
Es ist weil JESUS dran jhr Allerliebster hängt.

46. Auff die Wunden JESU.
Jch seh die Wunden an als offne Himmelspforten /
Und kan nunmehr hinein an fünff gewissen orten.
Wo komm ich aber straks bey meinem GOtt zustehn?
Jch wil durch Füß und Händ' ins Hertz der Liebe gehn.

47. Dort geht es anderst zu.
Hier hingt das Lamb am Creutz dort sitzts auf GOttesthron /
Hier trägts den Dornen krantz dort eine Kaiserkron:
Hier ist es Unterthan / dort herscht es über alle:
Hier thuts den Mund nicht auf / dort redts mit hellem schalle:
Hier weints / und dorte Lachts: drumb tröste dich mein Christ /
Daß sich dein Creutz verkehrt / wo du diß Lamm nur bist.

48. Das Creutz.
Jch habe mir das Creutz für allem Schatz erkiest /
Weils meines Leibes Pflug und Seelen Anker ist.

49. Die Herrligkeit Christi in dieser Welt.
Der Scepter ist ein Rohr / ein Dornenpusch die Kron /
Die Nägel aller Schmuk / ein tödlich Creutz der Thron:
Sein Blutt ists Purpurkleid / die Mörder die Trabanten /
Das Hoffgesind ein Schaum von Buben und Scherganten:
Der Mundtrank bittre Gall / die Music Hohn und Spott.
Diß ist die Herrligkeit die hier hat unser GOtt!

50. Die Schädelstädt.
Jst diß die Schädelstädt? wie kombt es dann daß hier
DieMaria und Johannes.Roß' und Lilge steht in unverwelckter Ziehr?
Und da der Lebensbaum? der Brunn mit den vier Flüssen?
Es ist das Paradiß: doch sey es was es wil:
Bey mir gilt diese städt unds Paradiß gleich viel.

51. Die Dornene Kron.
Die Dornen die das Haupt deß Herrn zerstechen gantz /
Sind meines Haubtes Kron und ewger Rosenkrantz:
Was auß den Wunden fleust ist meiner Wunden heil:
Wie wol wird mir sein Spott / und seine Pein zutheil!

52. Die Liebe hats erfunden.
Daß GOtt gecreutzigt wird! daß man jhn kan verwunden!
Daß Er die Schmach verträgt / die man jhm angethan!
Daß Er solch' Angst aussteht! und daß Er sterben kan!
Verwundere dich nicht / die Liebe hats erfunden.

53. Umb einen Kuß ists GOtt zuthun.
Was wil doch GOttes Sohn daß Er ins Elend kömbt /
Und ein solch schweres Kreutz auf seine Schultern nimbt?
Ja daß Er biß inn Tod sich ängstet für und für?
Er suchet anders nichts als einen Kuß von dir.

54. Die Welt ist im Frühling gemacht.
Jm Früling ward die Welt Verneut / und wiederbracht:
Drumb sagstu recht daß sie im Früling ist gemacht.

55. Die Geistliche Aufferstehung.
Die Aufferstehung ist im Geiste schon geschehn:
Wenn du dich läst entwürkt von deinen Sünden sehn.

56. Die geheimbe Himmelfahrt.
Wann du dich über dich erhebst und läst GOtt walten:
So wird in deinem Geist die Himmelfahrt gehalten.

57. Die geistliche Trunkenheit.
Der Geist praust ja wie Most: die Jünger allesambt
Sind gleich den Trunkenen entzündt und angeflambt
Von seiner Hitz und Krafft: so bleibt es doch dabey /
Daß diese gantze Schaar voll süsses Weines sey.

58. Der verlohrne Groschen.
Die Seele GOttesbild ist der verlohrne Groschen /
Die Kertze himmlisch Licht / das durch den fall verloschen:
Die Weißheit ist das Weib die es aufs neu entzündt:
Wie seelig ist der Mensch den sie nu wider findt!

59. Das verlohrne Schaff.
Jch bin das arme Schaaff das sich verjrret hat /
Und nunmehr von sich selbst nicht kennt den rechten Pfad.
Wer zeigt mir dann den Weg / daß ich nicht gantz erliege?
O daß doch JEsus käm' / und mich nach Hause trüge!

60. Der verlohrne Sohn.
Kehr umb verlohrner Sohn zu deinem Vatter GOtt:
Der Hunger bringt dich sonst (seyn' Ungunst) gar inn Tod:
Hättstu gleich tausendmahl ihm diesen Schimpff gethan /
So du nur wiederkömbst / ich weiß Er nimbt dich an.

61. Die verlohrne und wider gefundene Drey.
Der Groschen / Sohn / unds Schaaff / bin ich mit Geist / Leib / Seele.
Verlohrn in frembdem Land / in einer Wüst' und Höle.
Die heilge Dreyfalt kombt und sucht mich alle stunden:
Den Groschen findt der Geist / der Vatter nimbt den Sohn /
Der Hirte JEsu trägt das Schaaff mit sich davon.
Schau wie ich Dreyfach bin verlohren und gefunden!

62. Der Punct / die Linie und Fläche.
GOtt Vatter ist der Punct; auß Jhm fleust GOtt der Sohn
Die Linie: GOtt der Geist ist beider Fläch' und Kron.

63. Vom reichen Mann.
Man wil dem reichen Mann kein tröpfflein Wasser geben /
Weil er das Maß mit Wein schon voll gemacht im Leben.

64. Auch von jhm.
Wie daß der reiche Mann den Armen jetzo kennt?
Er sieht wol daß sich hat das Blättlein umbgewendt.

65. Der arme Lazarus.
Wie ungleich ist der Tod! die Engel tragen jhn
Den armen Lazarum zur ewgen ruhe hin.
Der reiche da er stirbt wird voller Angst und Pein:
So gutt ists auff der Welt nie reich gewesen seyn!

66. Von Maria Magdalene.
Was dänkt doch Magdalen daß sie so offentlich
Dem HErrn zu Fusse fällt / und schuldig giebet sich?
Ach frage doch nicht erst: schau wie die Augen funken:
Du sihst wol daß sie ist von grosser Liebe trunken.

67. Martha und Maria.
Die Martha laufft und rennt daß sie den HErren speise /
Maria sitzet still; und hat doch solcher weise
Das beste theil erwöhlt: sie speiset jhn allein /
Die aber findt auch sich von jhm gespeiset seyn.

68. Von Maria Magdalene.
Maria kombt zum HErrn voll Leids und voller Schmertzen /
Sie bittet umb Genad / und thut doch jhren Mund
Mit keinem Wörtlein auf: wie macht sie's ihm dann kundt?
Mit Jhrer Thränen fall und dem zerknirschten Hertzen.

69. Die Sünde.
Die Sünd' ist anders nichts / als daß ein Mensch von GOtt
Sein Angesicht abwendt / und kehret sich zum Tod.

70. Der Mensch.
Das gröste Wunder ding ist doch der Mensch allein:
Er kan / nach dem ers macht / GOtt oder Teufel seyn.

71. Der Himmel allenthalben.
Jn GOtt lebt / schwebt / und regt sich alle Creatur:
Jsts wahr? was fragstu dann erst nach der Himmelspuhr?

72. Den Bräutgam wünscht die Braut.
Verwundete dich nicht daß ich nach GOtt verlange:
Der Braut ist allezeit nach ihrem Bräutgam bange.

73. Hier muß man Bürger werden.
Streb nach der Bürgerschafft deß Himmels hier auf Erden:
So kan er dir darnach dort nicht versaget werden.

74. Hütt dich für Sicherheit.
Laß dir vom Himmelreich nicht gar so sicher träumen /
Du sihst wol daß es auch die Jungfern selbst versäumen.

75. Das tröstlichste Wort.
Das allertröstlichste das ich an JEsu find' /
Jst / wenn Er sprechen wird: kom benedeites Kind.

76. Trauben von Dornen.
Wer seinen neider liebt / und gutts vonn feinden spricht:
Sag ob derselbe nicht vonn Dornen Trauben bricht?

77. Das geistliche Sterben.
Stirb ehe du noch stirbst / damit du nicht darffst sterben /
Wann du nu sterben solst: sonst möchtestu verderben.

78. Die Hoffnung hält die Braut.
Die Hoffnung hält mich noch; sonst wär' ich längst dahin:
Warumb? dieweil ich nicht bey meinem Bräutgam bin.

79. Der beste Freund und Feind.
Mein bester Freund mein Leib / der ist mein ärgster Feind:
Er bindt und hält mich auff / wie gut ers immer meint.
Jch haß' und lieb jhn auch: und wann es kombt zum scheiden /
So reiß' ich mich von jhm mit Freuden und mit Leiden.

80. Mit Lieb erlangt man Gnad.
Wann dich der Sünder fragt wie er sol Gnad erlangen /
So sage daß er GOtt zulieben an sol fangen.

81. Der Tod.
Der Tod bewegt mich nicht: ich komme nur durch jhn
Wo ich schon nach dem Geist mit dem Gemütte bin.

82. Die heilige Schrifft.
Gleich wie die Spinne saugt auß einer Rose Gifft:
Also wird auch verkehrt vom bösen Gottesschrifft!

83. Trompeten.
Trompeten hör' ich gern: Mein Leib sol auß der Erden
Durch jhren Schall erweckt / und wieder meine werden.

84. Das Antlitz GOttes.
Das Antlitz GOttes sehn ist alle Seeligkeit;
Von dem verstossen seyn das höchste Hertzeleid.

85. Der Artzt hält sich zum Kranken.
Warumb pflegt doch der HErr mit Sündern umbzugehn?
Warumb ein trewer Artzt den Kranken beyzustehn?

86. S. Paulus.
Sanct Paulus wuste nichts als Christum und sein Leiden;
Da er doch war gewest im Paradiß der Freuden.
Wie kont jhm diß so gantz entfallen seyn? Er war
Jn den Gekreutzigten Verformet gantz und gar.

87. Die Liebe.
Die Liebe dieser Welt wil alls für sich allein.
Die Liebe GOttes macht dem Nächsten alls gemein:
Die wird ein jeder Mensch für Liebe wol erkennen /
Jen' aber sol man Neid / und keine Liebe nennen.

88. Auß dem Hohen Lied.
Der König führt die Braut inn Keller selbst hinein /
Daß sie jhr mag erwöhln den allerbesten Wein.
So machts GOtt auch mit dir / wann du bist seine Braut /
Er hat nichts in sich selbst / das er dir nicht vertraut.

89. Kinder und Jungfrauen.
Jch liebe nichts so sehr als Kinder und Jungfrauen:
Warumb? im Himmel wird kein andres seyn zuschauen.

90. Die Tugend.
Die Tugend / spricht der weis' / ist selbst jhr schönster Lohn.
Meint er nur zeitlichen / so halt' ich nichts davon.

91. Die GOttliebende Einsamkeit.
Du sprichst Theophilus sey meisten-theils allein:
Macht sich der Adler auch den Vöglichen gemein?

92. Die Tagezeiten.
Jm Himmel ist der Tag / im Abgrund ist die Nacht /
Hier ist die Demmerung: wol dem ders recht betracht.

93. Von Johannes dem Täuffer.
Johannes aß fast nichts / er trug ein rauhes Kleid /
Saß in der Wüsteney die gantze Lebenszeit.
Er war so from: was fiel er GOtt so hart zu Fusse?
Die grösten Heiligen die thun die gröste Busse.

94. Die Welt.
Zu GOtt kombt man durch GOtt: zum Teufel durch die Welt;
Ach daß sich doch ein Mensch zu dieser Hure hält!

95. Das Ende krönt das Werck.
Das Ende krönt das Werck / das Leben ziehrt der Tod:
Wie herrlich stirbt der Mensch / der treu ist seinem Gott!

96. Die Figur ist Vergänglich.
Mensch die Figur der Welt vergehet mit der Zeit:
Was trotzstu dann so viel auf jhre Herrlichkeit?

97. Auf beiden seyn ist gut.
Den Himmel wüntsch' ich mir / Lieb' aber auch die Erden:
Denn auf derselbigen kan ich GOtt näher werden.

98. Von den Lilgen.
So offt ich Lilgen seh / so offt empfind' ich Pein /
Und muß auch bald zugleich so offt voll Freuden seyn.
Die Pein entstehet mir / weil ich die Ziehr verlohrn /
Die ich im Paradiß von anbegin gehabt.
Die Frewde kombt daher / weil JEsus ist gebohrn
Der mich nu widerumb mit jhr aufs neu begabt.

99. Von S. Alexio.
Wie kan Alexius ein solches Hertz' jhm fassen /
Daß er kan seine Braut den ersten Tag verlassen?
Er ist jhr Bräutgam nicht: Er hat sich selbst als Braut
Dem Ewgen Bräutigam verlobet / und Vertraut.

100. Der Büsser löscht das Feuer.
Du sprichst das Höllsche Feur wird nie gelöscht gesehn:
Und sih der Büsser löschts mit einem Augenthrän!

101. Vom Tode.
Der Tod ist doch noch gutt: könt' jhn ein Höllhund haben /
Er liss' im Augenblik sich Lebendig begraben.

102. Auch von jhm.
Man wünschet jhm den Tod / und fliehet jhn doch auch:
Jens ist der Ungeduld und diß der Zagheit brauch.

103. Das Leben und der Tod.
Kein Tod ist herrlicher als der ein Leben bringt:
Kein Leben edler / als das auß dem Tod entspringt.

104. Der Tod der Heiligen.
Der Tod der Heiligen ist wehrt geacht für GOtt:
Sag wo es dir bewust / was ist es für ein Tod?

105. Der Tod ist gut und böse.
So gut der Tod auch ist dem der im HErren stirbt /
So ungut ist er dem / der ausser jhm verdirbt.

106. Von den Märtyrern.
Der Märtrer Lebenslauff ist wenig aufgeschrieben;
Die Tugenden die man zur Leidenszeit gespürt /
Die Lobt und preist man nur / und sind statt jenes blieben:
Dieweil ein schöner Tod das gantze Leben ziehrt.

107. Die nützlichsten Gedancken.
Dänk an den Tod / mein Krist: was dänkstu anders viel?
Man denkt nichts nützlichers als wie man sterben wil.

108. Der Mensch ist dreymal Englisch.
Der Thronfürst ruht in GOtt; Jhn schaut der Cherubin;
Der Seraphin zerschmeltzt für lauter Lieb' in Jhn.
Jch finde diese Drey in einer Seel allein:
So muß ein heilger Mensch ja dreyfach Englisch seyn!

109. Der Weise.
Der Weise suchet ruh / und fliehet das Getümmel:
Sein elend ist die Welt / sein Vaterland der Himmel.

110. Das Wolfeilste.
Wie wolfeil halt doch GOtt sein Reich unds Ewge Leben!
Er darffs dem Büssenden für einen Fußfall geben.

111. An den sich selbst Liebenden.
Narciß ersäuffet sich da er sich selbst wil Lieben.
Philautus lachestu? es ist von dir geschrieben.

112. Von dem Hertzen der heiligen Clara de Montefalco.
Hier ist der Speer und Schwamm / die Nägel / Säul und Kron /
Die Geisseln / und auch gar das Creutz mit GOttes Sohn:
Drey Kugeln eines halts: Es kan nicht anderst seyn /
Diß Hertz ist GOttesburg / und seines Leydens schreyn.

113. List wieder List.
Mit List hat unß der Feind gefället und bekriegt /
Mit List kan er von unß seyn wiederumb besiegt.

114. Ein Lamb bezwingt den Drachen.
Vertraue GOtt / der Drach wird leichtlich überwunden /
Hat ihn doch nur ein Lamm gefället und gebunden!

115. Die Nachreu kombt zu spät.
Da GOtt auf Erden gieng / ward Er fast nicht geacht:
Nu Er im Himmel ist beklagt Jhn jedermann
Daß jhm nicht grösser Ehr ist worden angethan.
So Thöricht ist die Welt / daß sie's nicht vorbedacht!

116. Eins folgt und weicht dem andern.
Eins ist deß andren end' / und auch sein anbegin.
Wenn GOtt gebohren wird / so stirbet Adam hin.

117. Die Welt unds Neu Jerusalem.
Die Welt scheint Kugelrund dieweil sie sol vergehn:
Gevierdt ist GOttes Stadt: drumb wird sie Ewig stehn.

118. Der Spiegel.
Der Spiegel zeiget dir dein äussres Angesicht:
Ach daß Er dir doch auch das jnnre zeiget nicht!

119. Das Faß muß reine seyn.
Wasch auß deinns Hertzensfaß: wann Häfen drinne seyn /
So geust GOtt nimmermehr dir seinen Wein darein.

120. Der Himmelspähende.
Ein Himmelspähender ist dem Geschöpffe tod /
Wie komts? Er lebt allein dem Schöpffer seinem GOtt.

121. Jm Himmel sind auch Thiere.
Man sagt es kan kein Thier zu GOIT dem HErrn eingehn:
Wer sind die Viere dann die nah bey Jhme stehn?

122. GOtt sieht nicht übersich.
GOtt sieht nicht übersich: drumb überheb dich nicht:
Du kömst sonst mit Gefahr auß seinem Angesicht.

123. Von der H. Martha an den Polypragmon.
Der HErr spricht Eins ist noth; und was die Martha thut
Das ist auch an sich selbst gar löblich / fein / und gutt:
Und dennoch strafft Er sie. Merks Polypragmon wol:
Daß man mit vielerlei sich nicht zerrütten sol.

124. Von GOtt.
GOtt ist ein solches Gutt / je mehr man Jhn empfindt:
Je mehr man Jhn begehrt / verlangt / und Lieb gewinnt.

125. Deß GOtts verliebten Pein.
Der GOttverliebte Mensch hat sonsten keine Pein /
Als daß er nicht kan bald bey GOtt dem Liebsten seyn.

126. Die unerforschliche Ursache.
GOtt ist Jhm selber alls / sein Himmel / seine Lust:
Warumb schuff Er dann unß? es ist uns nicht bewust.

127. Die Wohnung GOttes.
GOtt wohnet in sich selbst / sein Wesen ist sein Hauß:
Drumb gehet Er auch nie auß seiner GOttheit auß.

128. An den Weltliebenden.
Die Seele weil sie ist gemacht zur Ewigkeit /
Hat keine wahre Ruh inn Dingen dieser Zeit:
Drumb wunder ich mich sehr / daß du die Welt so liebst /
Und aufs zergängliche dich setzest und begiebst.

129. GOtt redt am wenigsten.
Niemandt redt weniger als GOtt ohn Zeit und ort:
Er spricht von Ewigkeit nur bloß Ein Eintzigs Wort.

130. Von der Eitelkeit.
Wend ab dein Angesicht vom glast der Eitelkeit:
Jemehr man jhn beschaut / jemehr wird man verleitt.
Jedoch kehrs wider hin: denn wer jhn nicht betracht /
Der ist schon halb von jhm gefällt und umbgebracht.

131. Von der Gerechtigkeit.
Gerechtigkeit ist weg! wohin? sie ist inn Himmel /
Warumb? sie traute sich nicht mehr bey dem Getümmel.
Was kont' jhr dann geschehn? sie wäre von der Welt
Schon längst an ihren Ehrn geschwächet und gefällt.

132. Verlust und Gewinn.
Der Tod ist mein Gewinn / Verlust das lange Leben:
Und dennoch dank ich GOtt daß er mir diß gegeben.
Jch wachs' und nehme zu / so lang ich hier noch bin:
Darumb ist auch gar wol das Leben mein Gewin.

133. Der Mensch ist eine Kohle.
Mensch du bist eine Kohl / GOtt ist dein Feur und Licht:
Du bist schwartz / finster / kalt / liegstu in Jhme nicht.

134. Die Krafft der zurukkehrung.
Wann du dich meine Seel zuruk hinein begiebst /
So wirstu was du warst / und was du Ehrst und Liebst.

135. Die Bach wird das Meer.
Hier flüss' ich noch in GOtt als eine Bach der Zeit:
Dort bin ich selbst das Meer der ewgen Seeligkeit.

136. Der Strahl wird die Sonne.
Mein Geist / kombt er in GOtt / wird selbst die ewge Wonne:
Gleich wie der Strahl nichts ist als Sonn' in seiner Sonne.

137. Das Fünklein im Feuer.
Wer kan das Fünkelein in seinem Feur erkennen?
Wer mich / wann ich in GOtt / ob ich es sey / benennen?

138. Die Liebe macht Beliebter.
Mit was macht sich die Braut beym Bräutgam mehr beliebt?
Mit Liebe wenn sie sich jhm mehr und mehr ergiebt.

139. Die glükseelige Ertrinkung.
Wenn du dein Schiffelein aufs Meer der GOttheit bringst:
Glükseelig bistu dann / so du darinn Ertrinkst.

140. Das edelste Gebette.
Das edelste Gebett ist wenn der Better sich
Jn das für dem er kniet verwandelt jnniglich.

141. Nichts ist süsser als Liebe.
Es ist doch keine Lust / und keine Seeligkeit /
Die übertreffen kan der Liebe süssigkeit!

142. Der Furcht und Liebe Würdigkeit.
Wer Gott liebt / schmäkt schon hier seins Geistes süssigkeit:
Wer aber Jhn nur fürcht / der ist davon noch weit.

143. Der allerlieblichste Thon.
Es kan in Ewigkeit kein Thon so Lieblich seyn /
Als wenn deß Menschen Hertz mit GOtt stimbt überein.

144. Die heilige Uberformung.
Die Ruhe deines Geists macht dich zu einem Thron /
Die Lieb zum Seraphin / der Fried zu Gottessohn.

145. Wir sind edeler als die Seraphine.
Mensch ich bin edeler als alle Seraphin /
Jch kan wol seyn was sie / sie nie was ich je bin.

146. Was der höchste Adel deß Menschen.
Mein höchster Adel ist / daß ich noch auff der Erden /
Ein König / Kaiser / Gott / und was ich wil / kan werden.

147. Die weite deß Menschen ist nicht zubeschreiben.
Wer ist der mir wie weit und breit ich bin zeigt an?
Weil der Unendliche (GOtt) in mir wandeln kan.2. Cor. 6.

148. Was die Seele erweitert.
Was macht deß Menschen Hertz und seine Seele weit?
Die Liebe GOttes giebt ihm die Beschaffenheit.

149. Was ohne Lieb ist Stinckt.
Mensch komstu ohne Lieb / so steh nur bald von fern:
Was nicht nach liebe reucht / das stinckt für GOtt dem HErrn.

150. Der höchste GOttesdienst.
Der Höchste GOttesdienst / ist GOtte gleiche werden:
Christförmig seyn an Lieb / am Leben und Geberden.

151. Die Wahre Weißheit.
Die Wahre Weißheit die dir zeigt die Himmelsthür /
Steht in Vereinigung und Feurger Liebsbegiehr.

152. Wie die Lieb die Sünden verzehrt.
Wie du den Flachs unds Werk im Feuer sichst verschwinden.
So brennen auch hinweg durch Liebe deine Sünden.

153. Das Meer in einem Tröpfflein.
Sag an wie geht es zu / wenn in ein Tröpffelein
Jn mich / das gantze Meer Gott gantz und gar fleust ein?

154. GOtt ist allenthalben gantz.
O Wesen dem nichts gleich! GOtt ist gantz ausser mir /
Und inner mir auch gantz / gantz dort / und gantz auch hier.

155. Wie Gott im Menschen.
Mehr als die Seel im Leib / Verstand in dem Gemütte /
Jst GOttes Wesenheit in dir und deiner Hütte.

156. Noch darvon.
GOtt ist noch mehr in mir / als wann das gantze Meer
Jn einem kleinen Schwamm gantz und beisammen wär.

157. GOtt ist in und umb mich.
Jch bin der Gottheit Faß in welchs sie sich ergeust /
Sie ist mein tieffes Meer das mich insich beschleust.

158. Das grosse ist im kleinen verborgen.
Der Umbkraiß ist im Punckt / im Saamen liegt die Frucht /
GOtt in der Welt: wie Klug ist der jhn drinne sucht!

159. Alles ist allem.
Wie sah S. Benedict die Welt in einem strahl?
Es ist (weistu's noch nicht?) in allem alls zumahl.

160. GOtt ist überall Herrlich.
Kein Stäublein ist so schlecht / kein Stöpffchin ist so klein:
Der Weise sihet GOtt gantz herrlich drinne seyn.

161. Alles in einem.
Jn einem Senffkörnlein / so du's verstehen wilt /
Jst aller oberern und untrern dinge Bild.

162. Eins ist im andren.
Das Ey ist in der Henn / die Henn ist in dem Ey:
Die zwey im Eins / und auch das Eines in der Zwey.

163. Alles komt auß dem verborgenen.
Wer hatte das vermeint! auß Finsternüß komts Licht /
Das Leben auß dem Tod / das etwas auß dem Nicht.

164. Das Conterfect GOttes.
Jch weiß GOtts Conterfect: Er hat sich Abgebildt /
Jn seinen Creaturn / wo du's erkennen wilt.

165. GOtt schafft die Welt noch.
GOtt schafft die Welt annoch: komt dir diß Fremde für?
So wiss' es ist bey jhm kein Vor noch nach / wie hier.

166. Die Ruh und Würkung GOttes.
GOtt hat sich nie bemüht / auch nie geruht / das merk:
Sein Wirken ist sein ruhn / und seine Ruh sein Werk.

167. Deß Kristen Joch ist leichte.
Krist es kan ja dein Joch dir nie beschwerlich seyn:
Denn GOtt und seine Lieb die spannt sich mit dir ein.

168. Das Unbeständigste
Nichts Unbeständigers im wol seyn und im Schmertz /
Jst / dänke hin und her / als / Mensch dein eigen Hertz.

169. Die Klugheit wird gelobt.
Verwirff nicht was du hast: Ein Kauffman der sein Geld
Wol anzulegen weiß / den lobet alle Welt.

170. Artzney der Kranken Liebe.
Ein Hertz das Krank für Lieb / wird eher nicht gesund /
Biß es GOtt gantz und gar durchstochen und verwundt.

171. Die Liebe ist zerschmeltzende.
Die Liebe schmeltzt das Hertz / und machts wie Wachs zerfliessen:
Erfahr es wo du wilt die süsse Würkung wissen.

172. Der Adel deß geruhigen Hertzen.
Mein Hertze wenns GOtt ruht / ists Braut Bett seines Sohns:
Wanns dann sein Geist bewegt / die sänffte Salomons.

173. Der höchste Friede.
Der höchste Friede den die Seele kan geniessen /
Jst sich aufs möglichst' eins mit GOttes willen wissen.

174. Der Uberfluß der seeligen.
GOtt schenkt den seeligen so überflüssig ein /
Daß sie mehr in dem Trank / als der in jhnen / seyn.

175. Die wunderbahrlichste Heyrath.
Schaut doch die Heyrath an! der Herr der Herrligkeit
Hat eines Sclaven Magd deß Menschen Seel gefreit!

176. Die Hochzeit deß Lammes.
Wenn ich zu GOtt eingeh / und küss' ihn mit begier /
Dann ist es daß das Lamb die Hochzeit hält in mir.

177. Verwunderung über der Gemeinschafft GOttes.
Es ist erstaunungs voll / daß ich Staub / Asch und Koth /
So freundlich und gemein mich machen darf mit GOtt!

178. Was die Creatur gegen GOtt.
Was ist ein Stäubelein in Anschauung der Welt?
Und was bin ich / wenn man Gott gegen dir mich hält?

179. Wie GOtt so hertzlich liebt.
GOtt liebt so hertzlich dich; Er würde sich betrüben /
Jm fall es möglich wär / daß du Jhn nicht wilt lieben.

180. Der Tag und Morgenröth der Seelen.
Der Seelen Morgenröth ist GOtt in dieser Zeit:
Jhr Mittag wird er seyn im Stand der Herrlichkeit.

181. Vom Seeligen.
Die seelge Seele weiß nichts mehr von Anderheit:
Sie ist ein Licht mit GOtt und eine Herrlichkeit.

182. Gleichnüß der Freud in GOtt.
Freund was der Hönig dir ist gegen Koth und wust:
Das ist die Freud in GOtt auch gegens Fleischeslust.

183. Was du willst ist alles in dir.
Mensch alles was du wilt / ist schon zu vor in dir:
Es lieget nur an dem daß du's nicht würkst herfür.

184. Das wunderlichste Geheimnüß.
Mensch kein Geheimnüß kan so wunderbahrlich seyn:
Als daß die heilige Seel mit GOtt ein Einges ein.

185. Wie die Creatur in GOtt.
Wie du das Feur im Kieß / den Baum im Kern sichst seyn:
So bild dir das Geschöpff in Gott dem Schöpffer ein.

186. Nichts ist jhm selber.
Der Regen fällt nicht ihm / die Sonne scheint nicht jhr:
Du auch bist anderen geschaffen / und nicht dir.

187. Man soll den Geber nehmen.
Mensch laß die Gaben GOtts / und eyl Jhm selbsten zu:
Wo du ann Gaben bleibst / so kömstu nicht zur Ruh.

188. Wer der Freudigste Mensch ist.
Kein Mensch ist freudiger als der zu aller Stund
Von Gott und seiner Lieb entzündt wird und verwundt.

189. Der Sünder ist nie gantz frölich.
Die Sünder ob sie gleich in lauter Freude leben /
So muß doch jhre Seel in grösten Furchten schweben.

190. Das Kreutz offenbahrt was verborgen.
Jn Trost und süssigkeit kennstu dich selbst nicht Krist:
Das Kreutze zeigt dir erst wer du im jnnern bist.

191. Wie man alles auf einmal läst.
Freund wenn du auf Einmal die gantze Welt wilt lassen /
So schau nur daß du kanst die eygne Liebe hassen.

192. Der weiseste Mensch.
Kein Mensch kan weiser seyn / als der das Ewge Gutt
Für allem andren liebt und sucht mit gantzem Mutt.

193. Das geruffe der Creaturen.
Mensch alles schreyt dich an / und predigt dir von GOtt /
Hörstu nicht daß es rufft lieb jhn / so bistu todt.

194. Was GOtt am liebsten thut.
Das liebste Werck das GOtt so jnniglich liegt an /
Jst daß er seinen Sohn in dir gebehren kan.

195. Der wesentliche Danck.
Der wesentlichste Danck den GOtt liebt wie sein Leben /
Jst wenn du dich bereitst daß Er sich selbst kan geben.

196. Der Heiligen gröste Arbeit.
Der Heilgen gröstes Werck und arbeit auf der erden
Jst GOtt gelassen seyn und jhm gemeiner werden.

197. Was GOtt vom Menschen fordert.
GOtt fordert nichts von dir alß daß du ihm solt ruhn:
Thustu diß / so wird Er das andere selber thun.

198. Was die geistliche Ruh ist.
Die Ruh die GOtt begehrt / die ist von sünden rein /
Begihr- und willenlos / gelassen innig seyn.

199. Wie das Hertze muß beschaffen seyn.
Christ wo der Ewge GOtt dein Hertz sol nehmen ein /
So muß kein bildnüß drinn / alß seines Sohnes seyn.

200. Wie man die Zeit verkürtzt.
Mensch wenn dir auf der Welt zu lang wird weil und zeit;
So kehr dich nur zu GOtt ins Nun der Ewigkeit.

201. Warumb die Seele ewig.
GOtt ist die Ewge Sonn' / ich bin ein strahl von jhme:
Drumb ist mirs von natur / daß ich mich ewig rühme.

202. Der Strahl ohne die Sonne.
Der Strahl ist nichts wenn er sich von der Sonn abbricht;
Du gleichfalls / lästu GOtt dein wesentliches licht.

203. Wie man sucht so findet man.
Du findest wie du suchst: Wie du auch klopffest an /
Und bittest / so wird dir geschenckt und auffgethan.

204. Wer nicht von GOtt geschieden kan werden.
Wen GOtt zu seinem Sohn gebohren hat auff erden /
Der Mensch kan nimmermehr von GOTT geschieden werden.

205. Der punct der Seeligkeit.
Der Punct der Seeligkeit besteht in dem allein.
Daß man muß wesentlich auß GOtt gebohren seyn.

206. Jn wem der Sohn GOttes gebohren ist.
Wem alle ding ein ding und lauter Friede sind /
Jn dem ist wahrlich schon gebohrn das Jungfraun Kind.

207. Kennzeichen deß Sohns GOtts.
Wer stäts in GOtte bleibt / verliebt / gelassen ist:
Der Mensch wird allermeist für GOttes Sohn erkiest.

208. Nach der zeit ist keine würckung.
Mensch würcke weil du kanst dein Heil und Seeligkeit:
Das würcken höret auf mit endung dieser zeit.

209. Wer zuviel glaubt.
Es ist zwar wahr daß Gott dich seelig machen wil:
Glaubstu Er wils ohn dich / so glaubestu zu viel.

210. Was die Armuth deß Geistes ist.
Die Armuth unsres Geists besteht in innigkeit /
Da man sich aller ding' und seiner selbst verzeiht.

211. Der ärmeste der Freyeste.
Der Armuth eigenthum ist freyheit allermeist:
Drumb ist kein Mensch so frey / als der recht arm im Geist.

212. Armuth ist das wesen aller Tugenden.
Die laster sind bestrickt / die Tugenden gehn frey:
Sag ob die Armuth nicht jhr aller wesen sey?

213. Der Alleredleste Mensch.
Der Alleredelste den man ersinnen kan /
Jst ein gantz lauterer und wahrer armer Man.

214. Der herrliche Tod.
Christ / der ist herrlich todt / der allem abgestorben /
Und jhm dadurch den Geist der armuth hat erworben.

215. Die zeit begreifft nicht die ewigkeit.
So lange dir mein Freund im sinn liegt ort und zeit:
So faßstu nicht was GOtt ist und die ewigkeit.

216. Die empfängliche Seel.
Die Seel die Jungfrau ist / und nichts als GOtt empfängt /
Kan GOttes schwanger seyn / so offt sie dran gedänckt.

217. Der aufgespannte Geist.
Der Geist der allezeit in GOtt steht aufgericht /
Empfängt ohn underlaß in sich das ewge licht.

218. Kennzeichen der Braut GOttes.
Die Braut verliebet sich inn Bräutigam allein:
Liebstu was neben GOtt / schau wie du Braut kanst seyn.

219. Das wandelnde gezelt GOttes.
Die Seel in der GOtt wohnt / die ist (O Seeligkeit!)
Ein wandelndes Gezelt der ewgen Herrligkeit.

220. GOtt versorgt alle Creaturen.
GOtt der versorget alls / und doch ohn alle müh /
Ein' jede Creatur bedenckt er spat und früh.

221. Auch das kleinste Würmelein.
Kein Würmlein ist so tief verborgen in der Erden /
GOtt ordnets daß ihm da kan seine Speyse werden.

222. GOtt ist die allvorsichtigkeit leichte.
Mensch glaubstu GOtts deß Herrn allgegenwärtigkeit /
So siehestu wie leicht Jhm die vorsichtigkeit.

223. GOtt soll der Seelen bekandt seyn.
Ein HErr in seinem Hauß / ein Fürst in seinem Land:
Jn jhrem Erbtheil GOtt sol seyn die Seel bekandt.

224. Wie man zur Einigkeit gelangt.
Wenn sich der Mensch entzieht der mannigfaltigkeit /
Und kehrt sich ein zu GOtt / kombt er zur Einigkeit.

225. Der Lustgarten GOttes.
Die ewge Lustbarkeit sehnt sich in mir zu seyn:
Warumb? ich bin (O hört!) jhr Blum- und Würtzgärtlein.

226. Die Majestät deß Menschen.
Jch bin (O Majestät!) ein Sohn der Ewigkeit /
Ein König von natur / ein Thron der Herrligkeit.

227. Wer auß Adelichem Geblütte.
Der so auß GOtt gebohrn / sein Fleisch hat und Gemütte:
Fürwahr er ist allein auß adlichem Geblütte.

228. GOtt sieht die ankunfft an.
Die ankunfft hilfft doch viel: Weil Christus gnug gethan /
So sieht GOtt sein Verdienst und Adel in unß an.

229. Wer GOtt dient ist hoch Adelich.
Mir dient die gantze Welt: Jch aber dien' allein
Der ewgen Majestät: Wie edel muß ich seyn!

Text: Angelus Silesius, „Cherubinischer Wandersmann" (1657/1675), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.