Deine Schönheit, meine Liebe
1Deine Schönheit, meine Liebe,
Beide sind vollkommen;
Sei getröstet, meine Seele,
Diese Schönheit stirbt nicht.
2Ich begreife keineswegs,
Daß noch größre Schönheit,
Der Verstand in meinem Bilde,
Mir entwerfen könnte.
3Bleibe ich bei dir, so scheinen
Mir die Jahre Tage.
Bin ich fern von dir, so scheinen
Mir Minuten Jahre.
4Dann erst würde ich erlernen
Den Genuß des Lebens,
Wann nach meinem Wunsch mir einstens
Dein Genuß zu Teil wird.
5O Geliebte, sag', wie kann ich
Seh'n dein Bild im Schlafe,
Da ich von dem Schlafe selber
Nur das Traumbild sehe.
6Habe doch mit mir Erbarmen,
Denn ob deinen Wangen
Ist mein Leib so dumm geworden,
Wie der Mond im Neuschein.
7Wünsch'st du den Genuß des Freunds,
O Hafis! so klag' nicht,
Denn du hast noch mehr zu leiden,
Als nur diese Trennung.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.