Der Frömmling hat gespannt sein Netz
1Der Frömmling hat gespannt sein Netz,
Und seinen Becher aufgemacht,
Er hat mit dem Gebäu des Trugs
Dem Himmel Gaukelei gemacht,
2Der Himmel aber schlägt sofort
Ihm Eier auf dem Kopf entzwei,
Weil er aus seiner Gaukelei
Uns hat Geheimnisse gemacht.
3Komm Schenke, komm, und gib mir Wein,
Das schöne Kind des frommen Manns
Hat sich in seinem Glanz gezeigt,
Und mir Liebkosungen gemacht.
4Was für ein Spieler ist denn dies,
Der aus dem Ton Irak sein Lied
Begonnen hat, und dann zum Ton
Hedschas den Übergang gemacht.
5O komm mein Herz, wir flüchten uns
Zum Zufluchtsort, zu unsrem Gott,
Vor jenem, der die Ärmel kurz,
Die Hände aber lang gemacht.
6Verleg dich nicht auf Künstelei,
Denn jedem, der in seinem Thun
Nicht frei und offen handelt, wird
Die Tür der Liebe zugemacht.
7Am Tage des Gerichts, an dem
Die Wahrheit aufgedecket liegt.
Wird jeder, der verborgene
Bedeutung glaubt, beschämt gemacht.
8Wohin so lieblich schwankest du?
Du schönes Reh: wohin? bleib' stehn!
Verlaß dich nicht auf das Gebet,
Das der Scheinheilige gemacht.
9O schmäh' die Trunknen nicht,
Hafts! du bist von Ewigkeit
Durch Gott zu einem Menschen, der
Die Gleisnerei entbehrt, gemacht.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.