Die Nachtigall hat in dem Mund

1Die Nachtigall hat in dem Mund
Ein Rosenblatt gehalten,
Und über dieses Blatt Genuß
Der Reden viel gehalten.

2Ich sprach zu ihr: Was soll dies Lied,
Dies Klagen vom Genüsse?
Sie sprach: es hat mein Liebchen mich
Mit Hoffnung hingehalten.

3Wenn die Geliebte mich verschmäht,
So darf es mich nicht wundern;
Des Bettlers Umgang hat der Schah
Zur Unehr sich gehalten.

4Der Freundin Schönheit bleibet stets
Den Bitten unzugänglich,
O glücklich, wer von Schönen hat
Ein beßres Los erhalten.

5Steh auf! daß wir die Seele vor
Des Meisters Pinsel opfern,
Der die Gemälde dieser Welt
So meisterlich gehalten.

6Wenn du den Pfad der Liebe gehst,
Denk nicht auf bösen Namen,
Sein Kleid hat Scheich Sanaan
Zum Weinglas hingehalten.

7Wie däuchte ihm die Zeit so süß,
Dem Süßesten der Kalendere,
Als er statt Kutt' und Rosenkranz
Den Gürtel mußte halten!

8Ein Eden, unter dessen Flur
Die Ströme sich ergießen.
Es hat Hafis bisher dein Dach
Fürs Paradies gehalten.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.