Der Weise hat im Glanz des Weins
1Der Weise hat im Glanz des Weins
Verborgenes erkannt,
Denn es wird jedermanns Natur
Durch diese Perl' erkannt.
2Den Wert der Rose hat allein
Die Nachtigall erkannt;
Nicht jeder, der ein Blättchen liest,
Hat auch den Sinn erkannt.
3Die beiden Welten bracht' ich dar
Dem vielerfahrnen Herz;
Es hat nur deiner Liebe Wert,
Den Rest für nichts erkannt.
4Die Rose und den Wein verkehrt
Durchs Anschaun in Rubin,
Wer nur den wahren Wert des Hauchs
Der Seligkeit erkannt.
5Vorbei ist nun die falsche Scham
Vom Angesicht des Volks,
Seitdem mich im Verborgenen
Der Wächter hat erkannt.
6Du, der vom Buche der Vernunft
Die Liebe lernen willst,
Ich fürchte, du hast diesen Punkt
Nicht wie du sollst erkannt.
7Bring' Wein! denn mit der Rose prahlt
Kein Mensch auf dieser Welt,
Der die Verwüstungen des Winds
Im Herbste hat erkannt.
8Der Schöne meinte: daß für jetzt
Nicht Zeit zur Ruhe sei;
Deshalb hat er dem armen Geist
Verläng'rung zuerkannt.
9Hafis hat diese Perlenschnur
So die Natur ihm gab,
Für unleugbare Wirkungen
Der Held Assafs erkannt.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.