Die Zelte meiner Augen

1Die Zelte meiner Augen
Sind deinem Aufenthalt geweiht,
O komm herab, sei gnädig,
Denn meine Wohnung ist dein Haus.

2Des Mals, der Flaumen Anmut
Hat Weisen selbst das Herz geraubt.
O sonderbare Weise,
Sie dienen dir statt Netz und Korn.

3In dem Genuß der Rose
Erfreue dich o Nachtigall!
Denn mit verliebten Klagen
Erfüllest du allein die Flur.

4Die Heilung meines Herzens
Sei deinen Lippen heimgestellt,
Die Kräfte des Rubines
Sind deinem Schatze anvertraut.

5Zwar bin ich nicht im Stande
Dir körperlich zu nah'n,
Doch bleibet meine Seele
Der Staub der Schwelle deines Tors.

6Ich spende nicht an jedes
Verliebtes auch mein Seelengold,
Dein Siegel und dein Zeichen
Sind meinem Schatze aufgedrückt.

7Mein holder süßer Ritter,
Woher nahmst du die seltne Kunst,
Daß du den Gaul des Himmels,
Nach Wunsch mit deiner Geißel zähmst?

8Wie soll denn ich Verliebter
Den tausend Künsten widerstehn,
Den Gaukelei'n, mit welchen
Du selbst den Himmel irre führst.

9Es tanzen selbst die Sphären
Im lichten Harmonienkreis
Indem hiezu die Weise
Das süße Lied Hafisens spielt.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.