Steh' auf! gieße mir fröhliches Naß

1Steh' auf! gieße mir fröhliches Naß
In den goldenen Becher
Ehe dein Schädel zum Staube
Den Staub gießt.

2Unsere Wohnung zuletzt ist
Die schweigende Wohnung der Gräber,
Jetzt erhebe den Jubel
Zum Himmel,

3Augen mit trübem Blick sind ferne
Vom Antlitz des Freundes,
Schau' ihn an mit
Der Reinheit des Spiegels.

4Ich beschwöre dich, Wuchs der Zypresse
Beim grünenden Wipfel,
Bin ich Staub,
Beschatte mein Grabmal.

5Meinen Lippen vom Pfeil
Der Schlangenlocken verwundet,
Leg Theriak aus
Dem heilenden Mund auf.

6Alle Saaten der Erde vergehen,
Das weißt du seit langem.
Zünde die Welt mit
Dem Feuer des Weins an.

7Tränen reinigen uns,
Indem die Lehrer uns sagen:
Sei erst rein,
Dann schaue den Reinen.

8Herr! der selbstische Mönch,
Er, welcher Gebrechen nur schauet,
Werde blind von
Dem Rauche der Seufzer.

9Wie die Rose Hafis!
Zerreiß die Kleider vor ihrem
Wohlgeruch, und verstreu' sie
Vor ihr hin.

10Bei dem Geiste des Herrn,
Beim alten Recht, und dem Bündnis
Schwör' ich, es bleibet dein Heil'
Immer mein Morgengebet.

11Meine Tränen ergießen sich zwar
Wie vor Noah die Sündflut,
Aber des Busens Bild
Waschen sie nimmer hinweg.

12Kauf mein zerschlagenes Herz,
In tausend Stücke zerbrochen,
Ist es so viel als sonst tausend
Der anderen wert.

13Schelte mich nicht der Trunkenheit,
Der Geleitsmann der Liebe
Hat mich seit Anbeginn
Selber zum Rausche gebracht.

14Sei gerad, dann ersteiget
Die Sonne hell dem Gemüte,
Während die Dämmerung trügt,
Zeigt sie sich finster und schwarz.

15Nicht verwirf, o mein Herz,
Die Hoffnung der Gnade des Freundes.
Hast du mit Liebe geprahlt,
Tue Verzicht auf den Kopf.

16Wahnsinn jagt mich um dich
Hinaus in Wüsten und Berge,
Meiner Ketten Last, ach
Die erleichterst du nicht!

17Ausgeschmält hat die Ameis Assafen,
Und wahrlich mit Rechte,
Daß er verloren den Ring,
Daß er ihn nimmer gesucht,

18Gräme dich nicht Hafis!
Und hoffe von Schönen auf Treue,
Ist es des Ackers Schuld,
Wenn das Getreide nicht wächst?

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.