Eine Nachtigall hat sich mit Herzblut
1Eine Nachtigall hat sich mit Herzblut
Eine Rose eigen gemacht,
Doch der Wind des Neides hat ihr Herz mit
Hundert Dornen elend gemacht.
2Sieh', ein Papagei war frohen Herzens
Aus Begier nach Zuckergenuß,
Jählings hat der Waldstrom des Verderbens
All' sein Glück zu Wasser gemacht.
3Meiner Augen Freude war des Herzens
Frucht, noch immer denk' ich daran,
Ach sie ist so leicht von mir entflohen,
Hat das Herz so schwer mir gemacht!
4Karawanenführer, meine Ladung
Ist gefallen, hilf mir bei Gott!
Denn die Hoffnung nur auf deine Gnaden
Hat mich hieher reisen gemacht.
5Du verachte nicht mein Angesicht voll
Staubes, mein befeuchtetes Aug',
Denn aus diesem Mörtel hat der Himmel
Seine Freudenwohnung gemacht.
6Wehe! ob dem Neideraug', mit welchem
Auf mich sah vom Himmel der Mond,
Hat mein Mond mit seinen Bogenbrauen
Sich das Grab zur Stätte gemacht.
7Ach Hafis, die Zeit hast du versäumet,
Nun ist alle Möglichkeit hin.
Aber was war sonst zu tun! das Spiel des
Himmels hat mich sorglos gemacht.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.