Der Garten deines Genusses
1Der Garten deines Genusses
Verleiht dem Paradiese Glanz.
Das Feuer deiner Entfernung
Entflammt der Hölle Glut.
2Zu deinem Gesichte und Wuchse
Hat sich geflüchtet Edens Flur,
Von Tag zu Tage vermehre
Sich ihrer Schönheit Preis!
3Wie Quellen fließet mein Auge
Die ganze lange Nacht hindurch,
Und schaut das Bild der Narzisse
In deinem Aug', im Traum.
4Der Frühling hat die Reize
Von deiner Schönheit nur erklärt,
Das Paradies erinnert
Mit jedem Schritt an dich.
5Mein armes Herz – es verbrennet,
Und nicht erreicht es seinen Wunsch.
Wär' sein Verlangen gestillet,
Nicht weinen würd' es Blut.
6Dein Mund erfordert mit Rechte
Von mir das Brand- und Wundengeld.
Du hast die Brust mir verwundet,
Er hat mein Herz verbrannt.
7Glaub' nicht es seien Verliebte,
Zu unsrer Zeit allein berauscht,
Hast du von frommen Betrachtern,
Die trunken, nichts gehört?
8Ha deine Lippen bezeugen,
Daß der Rubin ein Tropfen ist,
Der von den Gluten der Sonne
Zur Erde niederfällt.
9Den Schleier zieh zurücke,
Wie lang wirst du dich noch verhüllen?
Was nützet dich der Schleier?
Zu was verbergen dich?
10Dein Gesicht schaute die Rose,
Ha! da entglühte sie voll Scham,
Sie spürte deinen Geruch und
Zerfloß in Rosenwasser.
11Aus Liebe deines Gesichtes
Stürzt in das Elend sich Hafis,
Bald wird er sterben, o komm!
Und finde Rettung auf.
12Hafis es gehe das Leben
Nicht ohne Früchte dir vorbei,
Bemüh dich und erkenne
Des Lebens großen Wert.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.