Herr der Schönen! Recht und Hülf'

1Herr der Schönen! Recht und Hülf'
Wider Einsamkeit!
Ohne dich entflieht der Geist,
Zeit ist's, daß du kömmst.

2Sehnsucht und Entfernung hat
Mich so ganz zerstört,
Daß Geduld aus meinem Sinn
Ganz entfliehen will.

3Ohne Willen ist dein Gram
Für mich Arznei,
Und dein Angedenken spricht
Mir im Winkel zu.

4In des Schicksals Kreise bin
Ich der Mittelpunkt,
Dir geziemt es, daß du denkst,
Daß du uns befiehlst.

5Trunkne, welche selbstisch sind,
Gibts nicht auf der Welt,
Selbstsucht ist bei dieser Zunft
Ärgste Ketzerei.

6Herr, wem soll ich in der Welt
Anvertrau'n das Wort,
Daß der Liebling jedermanns
Wangen mir gezeigt.

7Über's Lockenhaar beklagt'
Ich mich bei dem Ost;
Weit gefehlt, sprach er zu mir,
Laß die Lust vergeh'n.

8Ganz in Ketten tanzt der Ost,
Eingesperrt im Haar,
Dies ist's, merke dies mein Herz,
Lauf nicht Winden nach.

9Ohne deine Wangen färbt
Sich die Rose nicht.
Buchs! nun wandle du einher
Zu des Gartens Zier.

10Gartenrosen bleiben nicht
Immer neu und frisch.
Suche du die Schwachen auf
In der Zeit der Kraft.

11Sieh! wie blutet mir das Herz,
Gib mir, gib mir Wein!
Schwierigkeiten lös' ich auf
Durch das blaue Glas.

12Jetzt ist Trennungsnacht, Hafis,
Dann kommt Morgenduft,
Närrische, Verliebter, hör'
Lust bekomm' dir wohl.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.