Ich bin durch Liebeleien

1Ich bin durch Liebeleien
Zum Stadtgespräch geworden,
Ich bins, der nie sein Auge
Mit bösem Seh'n befleckt hat.

2Wir sind getreu und traurig,
Und sind dann wieder fröhlich.
Dem Nächsten Böses tun,
Erkennen wir als Sünde.

3Ich sagte zu dem Wirte,
Wo ist der Weg des Heiles?
Er nahm ein Glas, und sagte:
Geheimnisse bewahre!

4Was ist wohl unsre Absicht,
Wenn wir die Welt betrachten?
Wir sammeln Wangenrosen
Durch unsre Augenapfel.

5Ich Weinverehrer habe
Mein Bild in Naß gemalet,
Damit die Eigenliebe
Um so viel eh' zerfließe.

6Ich baue und vertraue
Auf deiner Locken Milde,
Wenn diese mich nicht heben,
Was nützet mein Bemühen?

7Von ihren Flaumen lerne
Die schönen Wangen lieben,
Denn schön ist es, die Wangen
Der Schönen zu umkreisen.

8Ich möchte meinen Zügel
Von hier zur Schenke lenken,
Denn Pred'ger ohne Beispiel
Ziemt sich nicht anzuhören.

9Du küß' der Schönen Lippen,
Du küß' das Glas Hafisens,
Denn Sünde ist's, die Hände
Der Heuchelnden zu küssen.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.