Schenke betrunken vom Glase der Liebe

1Schenke betrunken vom Glase der Liebe
Reiche den Wein!
Fülle den Becher, denn traurig ist ohne
Wein das Gelag.

2Sieh'! wie der Mond sind die Wangen des Liebsten
Schleier verhüllt;
Spiele mir Sänger eins auf, und du Schenke
Reiche den Wein!

3In der Erwartung von deinem Gesichte
Schwindet der Tag,
Und die Gebilde des Traums sind von deinem
Hochgenuß voll.

4Ach! ich bin trunken von jenen zwei Augen,
Wo ist das Glas?
Ach! und ich kränkle ob jenen Rubinen,
Wo ist der Schlaf?

5Lege den Ring des gebogenen Körpers
Dir um den Hals,
Keine Erlösung sonst seh' ich von diesem
Bitteren Schmerz.

6Sag' mir, Hafis, wie du magst dem Geliebten
Weihen das Herz.
Ward je ein Durst'ger in Wüsten vom Schein des
Wassers gelabt.

7Tausend Mühe gab ich mir,
Daß du meine Freundin seist,
Daß du nach dem Wunsch
Des verstörten Herzens seist.

8Daß du einen Augenblick
Zum Betrübten Herzen kommst,
Daß du nur auf eine Nacht
Meines Herzens Trauter seist.

9Daß die Lampe meines Aug's
Vor dir angezündet sei,
Daß dem hoffenden Gemüt
Du Gefährt' und Leiter sei'st.

10Daß wo Schöne auf der Flur
Greifen um der Freundin Hand,
(Lieget es in deiner Hand)
Du mir Augenweide sei'st.

11Mager, wie ich bin, ich fang'
Ganz gewiß den Sonnenhirsch,
Daß den jungen Hirschen gleich
Du von mir erjaget sei'st.

12Wenn ein Kaiser voller Huld
Sich herabläßt zu dem Knecht,
Ist es sicher, daß indes
Du mein Herr und Kaiser sei'st.

13Wenn ich einen Ballen mach'
Aus des Herzens Blutrubin,
Will ich, daß du mir hierob
Tief und treu verschwiegen sei'st.

14Wenn die Küsse, welche mir
Deine Lippen schuldig sind,
Du nicht zahlest, weißt du wohl,
Daß du dann mein Schuldner sei'st.

15Keine Mittel find' ich auf,
Meinen Wunsch erfüllt zu seh'n,
Daß du nur durch eine Nacht
Meiner Tränen Zeuge sei'st.

16Hochberühmet wie Hafis
Wäg' ich nicht erst Körner ab,
Daß aus eignem Antrieb du
Freund und Herzgeliebter sei'st.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.