Vernimm, daß ohne Lieb' die Welt
1Vernimm, daß ohne Lieb' die Welt
Für Seelen keinen Zauber hat,
Und daß, wer nicht so denkt und fühlt,
Fürwahr gar keine Seele hat.
2Noch gegen keinen hab' ich Gunst
Von diesem Herzensdieb geseh'n,
Es sei nun, daß ich es nicht weiß,
Es sei, daß keine Gunst er hat.
3Vom Posten der Zufriedenheit
Kann ich unmöglich weitergehen,
O Karawanenführer bleib',
Weil dieser Weg kein Ende hat.
4Es liegt in jedem Tropfen Tau
Auf diesem Weg ein Feuermeer,
O schade, zehnmal schade ist's,
Dies Rätsel keine Lösung hat.
5Wohl wenig Reiz und Freude hat
Das Leben ohne einen Freund,
Woher kommt es, daß ohne Freund
Das Leben wenig Reize hat?
6Des Rausches Sitte lernest du,
O Herz, am besten von dem Vogt,
Denn sieh', er ist berauscht, wiewohl
Kein Mensch hievon den Argwohn hat.
7Scheint dir der Nebenbuhler gleich
Ein Licht, versteck' dein Herz,
Weil dieser Schelm und Schwätzermund
Kein Band auf seiner Zunge hat.
8Betrachtest du beim Licht den Mann,
Dem du den Namen Meister gibst,
So siehest du, daß er zwar Kunst,
Doch keinen Vers, der fließet, hat.
9Die krummgebogne Laute ruft
Zur Freude, zum Vergnügen auf,
O hör' sie, weil der Alten Rat
Kein Unheil noch verursacht hat.
10Was dem Karun, mit seinem Schatz,
In alter Zeit einst widerfuhr,
Dies sagt die Rose, die ihr Gold
Vor allen Leuten offen hat.
11Kein Mensch hat in der ganzen Welt
Solch einen Diener, wie Hafis,
Weil niemand in der ganzen Welt,
Wie er, solch einen Herren hat.
Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.