Vor deinem Angesicht

1Vor deinem Angesicht
Der Mond nicht Schimmer hat,
Die Rose keinen Glanz
Vor deinen Wangen hat.

2Des Herzens Posten sind
Der Augen hohe Brau'n;
Solch einen schönen Ort
Kein Fürst und König hat.

3Was tut des Herzens Rauch
Den Wangen denn zu Leid?
Du weißt, ein Spiegel nichts
Vom Hauch zu fürchten hat.

4Ich bin es nicht allein,
Den dieses Haar verfolgt,
Wer ist's, der in der Brust
Kein Brandmal hat?

5Ich sehe, daß das schwarze Aug'
Das dir im Kopfe rollt,
Auf keinen alten Freund
Die kleinste Rücksicht hat.

6Herold, der Schenke gib
Mir nur ein Rotel Wein's,
Auf's Wohlsein unseres Scheichs,
Der keine Pfründe hat.

7Du trinke Blut und schweig',
Indem das zarte Herz,
Für solche Klagen nicht
Geduld und Muße hat.

8Wie frech ist die Narziss',
Daß sie vor dir noch blüh't,
Daß mit zerriß'nem Aug',
Sie wenig Sitte hat.

9Geh' hin und wasch' mit Blut
Den Ärmel jedermanns,
Der nicht zur Schwell' der Tür',
Den Weg gefunden hat.

10Hafisen schmäle nicht,
Er liegt anbetend da,
Ein Freigeist in der Lieb'
Auch keine Sünde hat.

Text: „Aus dem Diwan des Hafis", übertragen von Josef von Hammer-Purgstall († 1856) und Friedrich Rückert († 1866), gemeinfrei. Digitale Quelle: Projekt Gutenberg-DE.