Avoda Sara — Blatt 17a
1Dieser erwiderte: A͑qiba, du hast mich erinnert; einst ging ich auf dem oberen Markte von Sepphoris und traf da einen von den Schülern Jesu des Nazareners, namens Ja͑qob aus Kephar Sekhanja, und er sprach zu mir: Es heißt in eurer Tora: du sollst nicht Hurenlohn &c. bringen; darf man dafür einen Abort für den Hochpriester errichten? Ich erwiderte ihm nichts.
2Da sprach er zu mir: So lehrte mich Jesu der Nazarener: denn von Hurenlohn ist es zusammengebracht und zu Hurenlohn soll es wieder werden; von Unrat kam es und zu Unrat soll es wieder zurückkehren.
3Dies gefiel mir, und dieserhalb bin ich wegen Häresie inhaftiert worden. Ich übertrat das Schriftwort: laß deinen Weg fern von ihr sein, das ist die Häresie; und nahe dich nicht der Tür ihres Hauses, das ist die Obrigkeit. Manche erklären: Laß deinen Weg fern von ihr sein, das sind die Häresie und die Obrigkeit; nahe dich nicht der Tür ihres Hauses, das ist eine Hure. — Wie weit? R. Ḥisda erwiderte: Vier Ellen. —
4Wofür verwenden die Rabbanan den Schriftvers vom Hurenlohne? — Für eine Lehre R. Ḥisdas, denn R. Ḥisda sagte: Jede Hure, die sich bezahlen läßt, wird später andere bezahlen, denn es heißt: du hast Hurenlohn gegeben, während dir kein Hurenlohn gegeben wurde. —
5Er streitet also gegen R. Pedath, denn R. Pedath sagte, die Tora habe nur die geschlechtliche Näherung verboten, denn es heißt: keiner von euch darf seinen Blutsverwandten nahen, ihre Scham zu entblößen.
6Wenn U͑la aus dem Lehrhause kam, küßte er seine Schwestern auf die Hände; manche sagen, auf den Busen. Er streitet also gegen sich selbst, denn U͑la sagte, daß schon das Herannahen verboten sei, denn man sagt: Weiter, weiter Naziräer, herum, herum, nähere dich nicht dem Weinberge.
7Der Blutegel hat zwei Töchter: gib her, gib her. Mar U͑qaba erklärte: Zwei Töchter schreien aus dem Fegefeuer und rufen in diese Welt: bringe, bringe; das sind nämlich die Häresie und die Obrigkeit. Manche lesen: R.Ḥisda sagte im Namen Mar U͑qabas: Das ist die schreiende Stimme des Fegefeuers, die da spricht: bringt mir die zwei Töchter, die in dieser Welt schreiend rufen: bringe, bringe.
8Alle, die zu ihr eingehen, kehren nicht wieder und erreichen nicht des Lebens Pfade. Wenn sie nicht wiederkehren, wieso sollten sie sie denn erreichen!? — Er meint es wie folgt: sollten sie dennoch wiederkehren, so erreichen sie des Lebens Pfade nicht. —
9Demnach stirbt, wer sich von der Häresie zurückzieht, aber einst kam ja eine Frau vor R. Ḥisda und sprach zu ihm, das geringste vom geringsten, was sie getan hat, sei die Geburt ihres kleinen Sohnes von ihrem großen Sohne, und R. Ḥisda sagte, man besorge ihr Reisevorrat, und sie starb nicht;
10wenn sie nur vom geringsten des geringsten sprach, wahrscheinlich war sie auch der Häresie verfallen!? — Sie hatte nicht genügend Buße getan und deshalb starb sie nicht.
11Manche lesen: Also nur wegen Häresie, nicht aber wegen einer anderen Sünde; einst kam ja aber eine Frau vor R. Ḥisda und sprach zu ihm &c. und sie starb!? — Da sie vom geringsten des geringsten sprach, so war sie auch der Häresie verfallen. —
12Gilt dies denn nicht auch von anderen Sünden, es wird ja gelehrt: Man erzählt von R. Elea͑zar b. Dordio, daß er keine Hure in der Welt zurückließ, die er nicht beschlafen hätte. Als er einst hörte, daß es in einem überseeischen Lande eine Hure gebe, die einen Beutel voll Denare als Lohn nimmt, nahm er einen Beutel voll Denare und passierte ihretwegen sieben Flüsse. Bei der Vollziehung der Sache hatte sie eine Blähung und sprach: Wie wenig diese Blähung zu ihrer Stelle zurückkehren wird, so wenig wird man Elea͑zar b. Dordio durch Buße wieder aufnehmen.
13Da ging er fort und setzte sich zwischen zwei Berg- und Hügelreihen und sprach: Berge und Hügel, bittet für mich um Erbarmen! Sie erwiderten ihm: Ehe wir für dich bitten, wollen wir für uns selbst bitten, denn es heißt? Berge werden weichen und Hügel wanken. Da sprach er: Himmel und Erde, bittet für mich um Erbarmen! Sie erwiderten: Ehe wir für dich bitten, wollen wir für uns selbst bitten, denn es heißt: der Himmel wird wie Rauch zerstieben und die Erde wie ein Gewand zerfallen.
14Da sprach er: Sonne und Mond, bittet für mich um Erbarmen! Sie erwiderten ihm: Ehe wir für dich bitten, wollen wir für uns selbst bitten, denn es heißt: der Mond wird sich schämen und die Sonne zu Schanden werden. Da sprach er: Sterne und Sternbilder, bittet für mich um Erbarmen! Sie erwiderten ihm: Ehe wir für dich bitten, wollen wir für uns selbst bitten, denn es heißt: und das ganze Heer des Himmels wird zergehen.
15Hierauf sprach er: Ich bin nun auf mich selbst angewiesen! Da senkte er sein Haupt zwischen die Knie und schrie weinend so lange, bis seine Seele ausfuhr. Da erscholl eine Hallstimme und sprach: R. Elea͑zar b. Dordio ist für das Leben der zukünftigen Welt vorgesehen! — Da glich es, da er daran so sehr hing, der Häresie.
16Hierüber weinte Rabbi und sprach: Mancher erwirbt seine Welt in vielen Jahren, mancher aber erwirbt sie in einer Stunde. Ferner sagte Rabbi: Nicht genug, daß man die Bußfertigen aufnimmt, sondern man nennt sie auch Rabbi.
17R. Ḥanina und R. Jonathan befanden sich einst auf einem Wege; da gelangten sie an zwei Straßen, von denen die eine zur Tür eines Götzentempels und die andere zur Tür eines Hurenhauses führte. Da sprach der eine zum anderen: Wollen wir lieber über die Tür des Götzentempels gehen,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.