Avoda Sara — Blatt 18a
1weil er den Gottesnamen buchstäblich aussprach. — Wieso tat er dies, wir haben ja gelernt: Folgende haben keinen Anteil an der zukünftigen Welt: wer sagt, die Tora sei nicht vom Himmel, und [wer sagt,] die Auferstehung der Toten befinde sich nicht in der Tora. Abba Šaúl sagt, auch wer den Gottesnamen buchstäblich ausspricht!? —
2Er tat dies nur des Studiums wegen, denn es wird gelehrt: Du sollst nicht lernen, es zu tun, wohl aber darfst du es lernen, um es zu verstehen und zu lehren. —
3Weshalb wurde er demnach bestraft? — Weil er den Gottesnamen öffentlich buchstäblich aussprach. — ‘Und daß seine Frau hingerichtet werde’, weil sie es ihm nicht gewehrt hatte. Hieraus folgerten sie, wer etwas wehren kann und dies nicht tut, werde dieserhalb bestraft.
4‘Und daß seine Tochter einem Hurenhause überwiesen werde’, weil sie, wie R. Joḥanan erzählte, als sie einst vor römischen Patriziern vorüberging und diese die Bemerkung machten, diese Jungfrau habe einen zierlichen Gang, ihre Schritte noch mehr zierte. Das ist es, was R. Šimo͑n b. Laqiš sagte: Es heißt: die Sünde meiner Ferse umgibt mich, die Sünden, die der Mensch mit seinen Fersen auf dieser Welt tritt, umgeben ihn am Tage des Gerichtes.
5Als man sie alle drei abführte, erkannten sie das über sie verhängte Urteil an. Er sprach:Er ist ein Fels, vollkommen ist sein Tun. Seine Frau sprach: Ein Gott der Treue und ohne Falsch. Und seine Tochter sprach: Groß an Rat und mächtig an Tat, du, dessen Augen offen stehen über allen Wegen &c. Rabbi sagte: Bedeutend sind diese drei Frommen, daß ihnen bei der Verurteilung drei Verse der Anerkennung des Urteils eingefallen sind.
6Die Rabbanan lehrten: Als R. Jose b. Qisma erkrankte, besuchte ihn R. Ḥanina b. Teradion. Da sprach er zu ihm: Ḥanina, mein Bruder, weißt du denn nicht, daß man vom Himmel aus dieser Nation die Herrschaft verliehen hat; sie hat sein Haus zerstört, seinen Tempel verbrannt, seine Frommen hingemordet und seine Besten vernichtet, und sie besteht noch immer! Ich aber hörte von dir, daß du dasitzest und dich mit der Tora befassest und die Torarolle in deinem Busen trägst.
7Dieser erwiderte: Sie werden vom Himmel aus Erbarmen haben. Jener entgegnete ihm: Ich spreche mit dir vernünftige Worte, und du erwiderst mir, sie werden vom Himmel aus Erbarmen haben; es sollte mich wundern, wenn sie nicht dich samt deiner Torarolle im Feuer verbrennen würden! Dieser sprach: Meister, was erwartet meiner in der zukünftigen Welt?
8Jener entgegnete: Hat sich dir etwas ereignet? Dieser erwiderte: Purimgeld ist mir mit Almosengeld vertauscht worden, und ich verteilte es an die Armen. Da sprach jener: Wenn dem so ist, so möge mein Anteil deinem Anteil gleichen und mein Los mit deinem Lose sein.
9Man erzählt, nach wenigen Tagen starb R. Jose b. Qisma, und alle Würdenträger Roms begleiteten ihn bei seiner Beerdigung und hielten über ihn eine große Trauer. Als sie zurückkehrten, trafen sie R. Ḥanina b. Teradion, wie er dasaß und sich mit der Tora befaßte, öffentliche Versammlungen abhielt und eine Torarolle in seinem Schoße hielt.
10Da holten sie ihn, wickelten ihn in die Torarolle, umgaben ihn mit Weidenbündeln und zündeten sie an. Sodann brachten sie Strähnen Wolle, weichten sie in Wasser und legten sie ihm aufs Herz, damit seine Seele nicht schnell ausfahre. Da sprach seine Tochter zu ihm: Vater, so muß ich dich sehen! Er erwiderte ihr: Würde ich allein verbrannt worden sein, so würde mir dies schwer gefallen sein, da ich aber zusammen mit der Torarolle verbrannt werde, so wird derjenige, der die Mißhandlung der Torarolle ahnden wird, auch meine Mißhandlung ahnden.
11Seine Schüler sprachen zu ihm: Meister, was siehst du? Er erwiderte ihnen: Die Pergamentrollen verbrennen und die Buchstaben fliegen [in die Höhe.] — So öffne du doch deinen Mund, damit das Feuer in dich komme! Er erwiderte ihnen: Mag lieber derjenige, der [die Seele] hineingetan hat, sie holen, niemand aber tue sich selber ein Leid an.
12Hierauf sprach der Exekutor zu ihm: Meister, wirst du mich, wenn ich die Flamme vergrößere und die Strähnen Wolle von deinem Herzen entferne, in das Leben der zukünftigen Welt bringen? Er erwiderte: Jawohl. — Schwöre es mir. Da schwor er es ihm. Da vergrößerte er die Flamme und entfernte die Strähnen Wolle von seinem Herzen, worauf seine Seele schnell ausfuhr. Alsdann sprang auch dieser in das Feuer.
13Hierauf ertönte eine Hallstimme und sprach: R. Ḥanina b. Teradion und der Exekutor sind für das Leben in der zukünftigen Welt vorgesehen. Hierüber weinte Rabbi und sprach: Mancher erwirbt seine Welt in einer Stunde, mancher aber erwirbt sie erst in vielen Jahren.
14Berurja, die Frau R. Meírs, war eine Tochter des R. Ḥanina b. Teradion. Da sprach sie zu ihm: Es ist für mich beschämend, daß meine Schwester sich in einem Hurenhause befindet. Da nahm er einen Trikab mit Denaren und ging dahin, indem er sprach: hat sie sich der Sünde nicht hingegeben, so wird ihr ein Wunder geschehen, hat sie sich der Sünde hingegeben, so wird ihr kein Wunder geschehen.
15Alsdann verstellte er sich als Reiter und sprach zu ihr: Gehorche mir. Sie erwiderte ihm: Ich habe Menstruation. Er entgegnete: Ich will warten. Sie erwiderte: Es hält sehr lange an; außerdem sind hier viele, die schöner sind als ich. Da sprach er: Es ist zu ersehen, daß sie sich der Sünde noch nicht hingegeben hat, und dies zu jedem sagt, der zu ihr kommt.
16Hierauf ging er zu ihrem Wächter und sprach zu ihm: Gib sie mir. Dieser erwiderte ihm: Ich fürchte mich vor der Regierung. Jener entgegnete: Nimm diesen Trikab mit Denaren; mit der Hälfte bestich und die Hälfte behalte für dich. Dieser sprach: Was mache ich aber, wenn sie zuende sind? Jener erwiderte: Sage dann: Gott Meírs, hilf mir, so wirst du errettet. Dieser entgegnete:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.