Avoda Sara — Blatt 20a

1Die Schrift sagt: du sollst sie nicht begnaden, du sollst ihnen keine Niederlassung auf dem Boden gewähren. — Mit [den Worten:] da sollst sie nicht begnaden, sagt ja der Allbarmherzige, daß man ihnen keinen Beifall zolle!? —

2Die Schrift sollte ja teḥonem sagen, wenn es aber teḥanem heißt, so ist beides zu entnehmen. —

3Aber dies ist ja noch [für folgendes] nötig: der Allbarmherzige sagt damit, daß man ihnen nichts umsonst schenke!? — Die Schrift sollte ja teḥinem sagen, wenn es aber teḥanem heißt, so ist alles zu entnehmen.

4Ebenso wird auch gelehrt: Du sollst sie nicht begnaden, du sollst ihnen keine Niederlassung auf dem Boden gewähren. Eine andere Erklärung: Du sollst sie nicht begnaden, du sollst ihnen keinen Beifall zollen. Eine andere Erklärung: Du sollst sie nicht begnaden, du sollst ihnen nichts umsonst schenken.

5Über das Schenken umsonst [streiten] Tannaím, denn es wird gelehrt: Ihr dürft keinerlei Aas essen, dem Fremdling, der in deinen Toren, magst du es geben, daß er es esse, oder du magst es verkaufen einem Nichtjuden. Ich weiß es also von der Schenkung an einen Fremdling und dem Verkaufe an einen Nichtjuden, woher dies vom Verkaufe an einen Fremdling? Es heißt: geben, daß er es esse, oder du magst es verkaufen.

6Woher, daß man es einem Nichtjuden schenken dürfe? Es heißt: geben, daß er es esse, oder (du magst es) verkaufen einem Nichtjuden. Damit ist also gesagt, ob einem Fremdling oder einem Nichtjuden sowohl schenken als auch verkaufen — so R. Meír. R. Jehuda sagt, die Worte seien so zu verstehen, wie sie lauten: einem Fremdling schenken oder einem Nichtjuden verkaufen. —

7R. Meír hat ja recht!? — R. Jehuda kann dir erwidern: nach der Auslegung R. Meírs sollte der Allbarmherzige schreiben: magst du es geben, daß er es esse, und verkaufen, wenn es aber ‘oder’ heißt, so ist zu entnehmen, daß die Worte so zu verstehen sind, wie sie lauten. —

8Und R. Meír!? — Dies besagt, daß die Schenkung an einen Fremdling dem Verkaufe an einen Nichtjuden vorzuziehen sei. — Und R. Jehuda!? — Da es dir obliegt, den Fremdling zu ernähren, nicht aber den Nichtjuden, so ist wegen des Vorziehens kein Schriftvers nötig.

9«Eine andere Erklärung: Du sollst sie nicht begnaden, du sollst ihnen keinen Beifall zollen.» Dies ist eine Stütze für Rabh, denn R. Jehuda sagte im Namen Rabhs, man dürfe nicht sagen: wie schön ist diese Nichtjüdin!

10Man wandte ein: Einst befand sich R. Šimo͑n b. Gamliél auf einer Stufe des Tempelberges, und bemerkte eine überaus schöne Nichtjüdin, da sprach er: Wie groß sind deine Werke, o Herr! Und als R. A͑qiba die Frau des ruchlosen Tyrannos Rufus sah, spuckte er aus, lächelte und weinte. Er spuckte aus, weil sie aus einem stinkenden Tropfen hervorging; er lächelte, weil sie später Proselytin werden und er sie heiraten sollte; er weinte, weil diese Schönheit in der Erde vermodern wird!? —

11Er dankte nur; der Meister sagte nämlich, wer schöne Geschöpfe sieht, spreche: Gepriesen sei, der solches in seiner Welt erschaffen hat. —

12Darf man denn [eine Frau] betrachten, [es wird ja gelehrt:] Hüte dich vor allem Bösen, man darf keine schöne Frau betrachten, selbst wenn sie ledig ist, keine verheiratete, selbst wenn sie häßlich ist,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.