Avoda Sara — Blatt 48a

1ES GIBT DREIERLEI AŠERAS: HAT MAN DEN BAUM VON VORNHEREIN FÜR DEN GÖTZENDIENST GEPFLANZT, SO IST ER VERBOTEN; HAT MAN IHN FÜR DEN GÖTZENDIENST BESTUTZT UND BEPUTZT, WORAUF ER NEUE SCHÖSSLINGE HERVORGEBRACHT HAT, SO ENTFERNE MAN DIESE; HATTE MAN UNTER DIESEN EINEN GÖTZEN HINGESTELLT UND IHN ENTFERNT, SO IST ER ERLAUBT.

2GEMARA. In der Schule R. Jannajs sagten sie: Dies nur, wenn man den Baum selbst gesenkt oder gepfropft hat. –

3Wir haben es ja aber von dem Falle gelernt, wenn man ihn beputzt und bestutzt hat!? –

4Vielmehr, die Lehre R. Jannajs bezieht sich auf die Entheiligung: selbst wenn man den Baum selbst gesenkt oder gepfropft hat, genügt es, wenn man die neuen Schößlinge entfernt. Man könnte nämlich glauben, wann man den Baum senkt oder pfropft, sei dies ebenso, als würde man ihn von vornherein [für den Götzendienst] gepflanzt haben und er sei verboten, so lehrt er uns.

5Šemuél sagte: Wenn jemand einen Baum [götzendienstlich] verehrt, so ist der Zuwachs verboten. R. Elea͑zar wandte ein: Hat man ihn für den Götzendienst beputzt und bestutzt, worauf er neue Schößlinge hervorgebracht hat, so entferne man diese. Nur wenn man ihn beputzt und bestutzt hat, sonst aber nicht!? –

6Šemuél kann dir erwidern: hier ist die Ansicht der Rabbanan vertreten, während ich der Ansicht des R. Jose b. Jehuda bin, welcher sagt, ein Baum, der gepflanzt und nachher angebetet worden ist, sei verboten.

7R. Aši wandte ein: Woher, daß R. Jose b. Jehuda und die Rabbanan über den Zuwachs streiten, vielleicht ist der Zuwachs nach aller Ansicht verboten, und sie streiten über den Stamm;

8R. Jose b. Jehuda ist der Ansicht, der Stamm sei ebenfalls verboten, denn es heißt: und ihre Ašeras sollt ihr im Feuer verbrennen, und die Rabbanan sind der Ansicht, der Stamm sei erlaubt, denn es heißt: und ihre Ašeras sollt ihr niederhauen, und ein Baum, von dem nur das Niedergehauene verboten ist und nicht der Stamm, ist ja der, der gepflanzt und nachher angebetet wurde!?

9Wolltest du erwidern, es sei nicht demgemäß erklärt worden, so kann man es ja [dort] umwenden: [den Beleg] der Rabbanan für R. Jose, und den des R. Jose für die Rabbanan!? –

10Wer ist demnach der Autor der Lehre vom Beputzen und Bestutzen, weder die Rabbanan noch R. Jose b. Jehuda: nach den Rabbanan ist ja der Zuwachs verboten, auch wenn man ihn nicht beputzt und bestutzt hat, und nach R. Jose b. Jehuda ist auch der Stamm selbst verboten. –

11Wenn du willst, sage ich, die Rabbanan, und wenn du willst, sage ich, R. Jose b. Jehuda. Wenn du willst, sage ich R. Jose b. Jehuda, denn nach R. Jose b. Jehuda ist der Stamm nur in dem Falle verboten, wenn man den Baum nicht beputzt und bestutzt hat, wenn man ihn aber beputzt und bestutzt hat, so hat man damit bekundet, daß nur der Zuwachs erwünscht sei und nicht der Stamm.

12Wenn du willst, sage ich, die Rabbanan, denn der Fall vom Beputzen und Bestutzen ist nötig; man könnte nämlich glauben, durch die Handlung, die man an diesem vorgenommen hat, sei auch der Stamm verboten, so lehrt er uns.

13WELCHER [BAUM] HEISST AŠERA? UNTER DEM EIN GÖTZE SICH BEFINDET; R. ŠIMO͑N SAGT, DER ANGEBETET WIRD. EINST FANDEN SIE IN ÇAJDAN UNTER EINEM BAUME, DER ANGEBETET WURDE, EINEN STEINHAUFEN; DA ORDNETE R. ŠIMO͑N AN, DEN STEINHAUFEN ZU UNTERSUCHEN. ALS SIE IHN UNTERSUCHTEN, UND IN DIESEM EINE FIGUR FANDEN, SPRACH ER ZU IHNEN: DA SIE DIE FIGUR ANGEBETET HABEN, SO WOLLEN WIR NUN DEN BAUM ERLAUBEN.

14GEMARA. ‘Welcher heißt Ašera’, wir haben ja von dreierlei Ašeras gelernt!? – Er meint es wie folgt: über zwei sind alle einig, und über eine besteht ein Streit zwischen R. Šimo͑n und den Rabbanan, und zwar streiten sie über eine Ašera, unter der ein Götze sich befindet; von einer solchen sagt R. Šimo͑n, wenn sie selbst angebetet wird. –

15Welcher [Baum] gilt sonst als Ašera? Rabh erwiderte: Wenn die Pfaffen unter ihm sitzen und von seinen Früchten nicht kosten. Šemuél erwiderte: Selbst wenn sie nur sagen, diese Datteln seien für das Niçrephehaus bestimmt, sei er verboten, weil sie diese zum Met verwenden und ihn an ihrem Feste trinken. Amemar sagte: Die Greise von Pumbeditha sagten mir, die Halakha sei wie Šemuél.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.