Avoda Sara — Blatt 4a

1denn es heißt: denn fürwahr, der Tag (des Herrn) kommt, brennend wie ein Ofen; alle Übermütigen und alle, die Frevel taten, werden dann Stoppeln sein, und der Tag, der da kommt, spricht der Herr der Heerscharen, wird sie versengen, sodaß er weder Wurzel noch Zweig von ihnen übrig läßt. Weder Wurzel, auf dieser Welt, noch Zweig, in der zukünftigen Welt.

2Die Frommen werden dadurch geheilt werden, denn es heißt: euch aber, die ihr meinen Namen fürchtet, wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen, Heilung unter ihren Fittigen &c. Und nicht nur dies, sondern auch ergötzen werden sie sich durch sie, denn es heißt: und ihr werdet hervorkommen und hüpfen wie die Mastkälber.

3Eine andere Erklärung: Wie unter den Fischen des Meeres der größere als der andere den anderen verschlingt, ebenso würde, wenn nicht die Furcht vor der Regierung, unter den Menschen der größere als der andere den anderen verschlingen. Das ist es, was wir gelernt haben: R. Ḥanina der Priesterpräses sagte: Bete für das Wohl der Regierung, denn wenn nicht die Furcht vor dieser, würde einer den anderen lebendig verschlingen.

4R. Ḥenana b. Papa wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: den Allmächtigen finden wir nicht stark an Kraft, und es heißt: groß ist unser Herr und reich an Kraft, und ferner heißt es: deine Rechte, o Herr, ist herrlich, ob ihrer Kraft!? Das ist kein Widerspruch; eines bei der Rechtsprechung, und eines im Kriege.

5R. Ḥama b. Ḥanina wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: Zorn fühle ich nicht, und es heißt: der Herr ist ein Rächer und voller Zorn!? Das ist kein Widerspruch; eines gilt von den Jisraéliten, und eines gilt von den weltlichen Völkern. R. Ḥenana b. Papa erklärte: Zorn fühle ich nicht, weil ich geschworen habe; wer machte es, daß ich nicht geschworen hätte; ich will Dorn und Gestrüpp werden lassen &c.

6Das ist es, was R. Alexandri sagte: Es heißt: an jenem Tage werde ich alle Nationen zu vernichten suchen; wo werde ich suchen? Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: ich will nachsuchen in ihren Gedenkbüchern; haben sie Verdienste, so will ich sie erlösen, wenn aber nicht, so will ich sie vernichten.

7Das ist es, was Raba sagte: Es heißt: streckt er denn im Sturz nicht die Hand aus, schreit er im Unglück [pido] nicht auf? Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Jisraél: Wenn ich die Jisraéliten richte, so richte ich sie nicht wie die weltlichen Völker, von denen es heißt: zu Trümmern, Trümmern, Trümmern will ich es machen &c., vielmehr bestrafe ich sie nur wie beim Picken [pid] einer Henne.

8Eine andere Erklärung: Selbst wenn Jisraél nur wenige gottgefällige Handlungen ausübt, nur wie eine Henne im Miste pickt, trage ich sie zu einer großen Summe zusammen. [Es heißt:] schreit er im Unglück nicht auf; als Belohnung dafür, daß sie vor mir schreien, helfe ich ihnen.

9Das ist es, was R. Abba sagte: Es heißt: ich will sie erlösen, und sie führen lügnerische Reden über mich, ich sagte, ich werde sie durch ihr Geld auf dieser Welt erlösen, damit sie der zukünftigen Welt teilhaftig werden, sie aber führten lügnerische Reden über mich.

10Das ist es, was R. Papi im Namen Rabas sagte: Es heißt: und ich wies sie zurecht, stärkte ihre Arme; sie aber denken Schlechtes gegen mich. Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Ich sagte, ich werde sie durch Züchtigungen auf dieser Welt zurechtweisen, damit ihre Arme in der zukünftigen Welt gestärkt werden, sie aber dachten Schlechtes über mich.

11R. Abahu lobte R. Saphra bei den Minäern, daß er ein bedeutender Mann sei, und sie erließen ihm die Steuer auf dreizehn Jahre. Eines Tages trafen sie ihn und sprachen zu ihm: Es heißt: von allen Völkern der Erde habe ich nur euch erwählt, darum werde ich all eure Verschuldungen an euch heimsuchen; läßt denn, wer Ärger hat, ihn gegen seinen Freund aus!? Da schwieg er und erwiderte ihnen nichts. Hierauf warfen sie ihm ein Sudarium um den Hals und quälten ihn.

12Als hierauf R. Abahu kam und sie traf, fragte er sie, weshalb sie ihn quälten. Sie erwiderten ihm: Sagtest du uns etwa nicht, daß er ein bedeutender Mann sei!? Dieser entgegnete ihnen: Ich sagte euch dies von ihm nur hinsichtlich der mündlichen Lehre, nicht aber hinsichtlich der Schrift.

13Da sprachen sie zu ihm: Warum wißt ihr dies? Er entgegnete ihnen: Wir kommen oft mit euch zusammen, und da dies für uns nötig ist, befassen wir uns damit, sie aber befassen sich damit nicht.

14Hierauf sprachen sie zu ihm: So erkläre du es uns. Dieser erwiderte: Ich will euch ein Gleichnis sagen; dies ist mit dem Falle zu vergleichen, wenn jemand von zwei Personen, einem Freund und einem Feind, eine Schuld einzufordern hat; von seinem Freunde zieht er sie nach und nach ein, von seinem Feinde aber zieht er sie mit einem Male ein.

15R. Abba b. Kahana sagte: Es heißt: fern sei es von dir, so etwas zu tun, den Frommen mit dem Frevler zu töten. Abraham sprach vor dem Heiligen, gepriesen sei er: Herr der Welt, es wäre eine Entweihung für dich, so etwas zu tun, den Frommen mit dem Frevler zu töten. —

16Etwa nicht, es heißt ja: ich will aus dir Fromme und Frevler hinwegtilgen!? — Unvollkommen Fromme. —

17Vollkommen Fromme etwa nicht, es heißt ja: und mit meinem Heiligtume fangt an, und R. Joseph lehrte, man lese nicht Heiligtume, sondern Geheiligten, das sind nämlich die Leute, die die ganze Tora, von Aleph bis Tav, gehalten haben!? — In jenem Falle galten sie, da es zu wehren in ihrer Hand lag, sie dies aber unterlassen haben, ebenfalls als unvollkommen Fromme.

18R. Papa wies auf einen Widerspruch hin: Es heißt: Gott zürnt täglich, und es heißt: wer kann vor seinem Zorne standhalten!? — Das ist kein Widerspruch; ein [Schriftvers] spricht von einem einzelnen und einer von einer Gemeinschaft.

19Die Rabbanan lehrten: Gott zürnt täglich. Wie lange währt sein Zorn? — Einen Augenblick. — Wieviel ist ein Augenblick? — Der dreiundfünfzigtausendachthundertachtundvierzigste Teil einer Stunde; dies ist ein Augenblick. Kein Geschöpf vermag diese Zeit abzupassen, nur der ruchlose Bile͑am [vermochte es], denn von ihm heißt es:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.