Avoda Sara — Blatt 4b
1er kennt die Gedanken des Höchsten. — Wenn er nicht einmal die Gedanken seines Tieres kannte, wie konnte er die Gedanken des Höchsten kennen!? —
2Welches Bewenden hat es mit den Gedanken seines Tieres? — Als sie ihn auf einem Esel reiten sahen, fragten sie ihn, weshalb er nicht auf einem Pferde reite, und er erwiderte ihnen, er habe es auf die Weide geschickt. Da sprach seine Eselin zu ihm: Ich bin ja deine Eselin. Er erwiderte: Nur zum Lasttragen.
3Sie entgegnete: Auf der du geritten bist. Er erwiderte: Nur zuweilen. Sie entgegnete: Von jeher bis auf den heutigen Tag; und noch mehr, ich diene dir am Tage zum Reiten und nachts zur Beschlafung. Hier heißt es nämlich: pflege ich denn, und dort heißt es: sie soll ihm als Pflegerin dienen. —
4Vielmehr, er kennt die Gedanken des Höchsten, dies heißt, er wußte die Stunde abzupassen, in der der Heilige, gepriesen sei er, zürnt. Das ist es, was der Prophet [zu Jisraél] sprach: Mein Volk, denke doch daran, was Balaq, (Sohn Çipors,) der König von Moáb, im Sinne hatte, und was Bilea͑m, der Sohn Beo͑rs, ihm antwortete; von Šiṭṭim bis Gilgal, damit da die Wohltaten des Herrn erkennest.
5R. Elea͑zar erklärte: Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Jisraél: Mein Volk, beachte doch, wie viele Wohltaten ich euch erwiesen habe, indem ich während aller Tage des ruchlosen Bilea͑m euch nicht zürnte, denn hätte ich euch dann gezürnt, so würde von den Feinden Jisraéls weder Entronnener noch Flüchtling zurückgeblieben sein. Das ist es, was Bilea͑m zu Balaq sagte: Wie soll ich verfluchen, den Gott nicht verflucht, und wie soll ich zürnen, dem Gott nicht zürnt.
6Wie lange hält sein Zorn an? — Einen Augenblick. — Wie lange währt ein Augenblick? Amemar, nach anderen, Rabina, erwiderte: Solange man dieses Wort [rega͑] ausspricht. — Woher, daß sein Zorn nur einen Augenblick anhält? — Es heißt: denn sein Zorn währt einen Augenblick, lebenslang seine Huld. Wenn du willst, hieraus: verbirg dich einen kleinen Augenblick, bis der Zorn vorüber ist. —
7Wann zürnt er? Abajje erwiderte: In den ersten drei Stunden [des Tages], wenn der Kamm des Hahnes weiß wird. — Er ist ja auch zu jeder anderen Zeit weiß!? — Zu jeder anderen Zeit hat er rote Streifen, dann aber hat er keine roten Streifen.
8R. Jehošua͑ b. Levi wurde durch einen Minäer gequält; da nahm er einen Hahn und passte auf, indem er dachte, wenn diese Zeit herankommt, verfluche ich ihn. Als aber diese Zeit herankam, schlief er ein.
9Da sprach er: Es ist also zu ersehen, daß dies keine Lebensart sei, denn es heißt: unangenehm ist dem Frommen das Strafen.
10Im Namen R. Meírs wird gelehrt: Wenn die Könige ihre Kronen auf ihre Häupter setzen und sich vor der Sonne niederwerfen, gerät er in Zorn. R. Joseph sagte: Man soll am ersten Tage des Neujahres das Zusatzgebet in den ersten drei Tagesstunden nicht allein verrichten; entweder weil man das Gericht heraufbeschwört, oder weil man seine Handlungen untersuchen und ihn zurückstoßen könnte. —
11Demnach sollte dies auch von einer Gemeinschaft gelten!? — Eine Gemeinschaft hat mehr Verdienste. — Demnach sollte der einzelne auch das Morgengebet dann nicht [verrichten]!? — Da dann auch die Gemeinschaft es verrichtet, so wird auch seines nicht zurückgestoßen. —
12Du sagtest ja aber, daß in den ersten drei [Stunden] der Heilige, gepriesen sei er, dasitze und sich mit der Tora befasse!? — Wende es um.
13Wenn du aber willst, sage ich, man brauche es tatsächlich nicht umzuwenden, denn bei der Tora, bei der es ‘Wahrheit’ heißt, wie es heißt: Wahrheit kaufe und verkaufe nicht, verfährt der Heilige, gepriesen sei er, nicht innerhalb der Rechtslinie, beim Gerichte aber, bei dem es nicht ‘Wahrheit’ heißt, verfährt der Heilige, gepriesen sei er, innerhalb der Rechtslinie.
14Der Text. R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Es heißt: die zu tun, ich dir heute gebiete; sie sind heute zu tun, aber nicht morgen zu tun, sie sind heute zu tun, aber nicht heute ist der Lohn dafür zu erhalten.
15R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Alle Gebote, die die Jisraéliten auf dieser Welt ausüben, kommen und legen für sie Zeugnis ab in der zukünftigen Welt, denn es heißt: mögen sie Zeugen stellen und recht bekommen, und mögen sie hören und sprechen: so ist es. Mögen sie Zeugen stellen und recht bekommen, das sind die Jisraéliten; und mögen sie hören und sprechen: so ist es, das sind die weltlichen Völker.
16Ferner sagte R. Jehošua͑ b. Levi: Alle Gebote, die die Jisraéliten auf dieser Welt ausüben, kommen in der zukünftigen Welt und schlagen den weltlichen Völkern ins Gesicht, denn es heißt: beobachtet und befolgt sie, denn das wird in den Augen der Völker eure Weisheit und Klugheit ausmachen; es heißt nicht: bei den Völkern, sondern: in den Augen der Völker, und dies lehrt, daß sie in der zukünftigen Welt kommen und den weltlichen Völkern ins Gesicht schlagen werden.
17Ferner sagte R. Jehošua͑ b. Levi: Die Jisraéliten haben das Kalb nur deshalb gemacht, um den Bußfertigen eine Entschuldigung zu geben, denn es heißt: möchte dies immer ihre Gesinnung bleiben, daß sie mich fürchten &c. alle Tage &c.
18Das ist es, was R. Joḥanan im Namen des R. Šimo͑n b. Johaj sagte: Weder war David dieser Sache fähig, noch waren die Jisraéliten jener Sache fähig. David war dieser Sache nicht fähig, denn es heißt: und mein Herz ist erschlagen in meinem Innern.
19Die Jisraéliten waren jener Sache nicht fähig, denn es heißt: möchte doch dies immer ihre Gesinnung bleiben, daß sie mich fürchten &c. alle Tage. Weshalb aber taten sie es?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.