Avoda Sara — Blatt 5a
1Damit, wenn ein einzelner eine Sünde begangen hat, er sagen könne: beachte doch jenen einzelnen; und Gemeinschaft eine Sünde begangen hat, sie sagen könne: beachte doch jene Gemeinschaft.
2Und beides ist nötig. Wüßten wir es nur von einem einzelnen, so könnte man sagen, weil seine Sünde keine öffentliche ist, nicht aber gelte dies von einer Gemeinschaft, deren Sünde eine öffentliche ist; und wüßten wir es nur von einer Gemeinschaft, so könnte man sagen, weil ihre Verdienste zahlreich sind, nicht aber gelte dies von einem einzelnen, dessen Verdienste nicht zahlreich sind. Daher [ist beides] nötig.
3Das ist es, was R. Šemuél b. Naḥmani im Namen R. Jonathans sagte: Es heißt: Ausspruch Davids, des Sohns Jišajs, Ausspruch des Mannes, der hoch erhoben ward: Ausspruch Davids, des Sohnes Jišajs, der das Joch der Buße hoch erhob.
4Ferner sagte R. Šemuél b. Naḥmani im Namen R. Jonathans: Wer ein einziges Gebot auf dieser Welt ausübt, den empfängt es in der zukünftigen Welt und geht vor ihm einher, wie es heißt: deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, die Herrlichkeit des Herrn deinen Weg beschließen. Wer ein einziges Verbot übertritt, den umschlingt es am Tage des Gerichtes und geht vor ihm einher, wie es heißt: es krümmen sich die Pfade ihres Laufes &c.
5R. Elie͑zer sagte: Es hängt sich an ihn wie ein Hund, denn es heißt: und er war ihr nicht zuwillen, sich mit ihr zu legen, und mit ihr zusammen zu sein; sich mit ihr zu legen, auf dieser Welt, und mit ihr zusammen zu sein, in der zukünftigen Weit.
6Reš Laqiš sagte: Kommt, wir wollen unseren Vorfahren dankbar sein, denn hätten sie nicht gesündigt, so würden wir nicht auf die Welt gekommensein, denn es heißt: ich glaubte, ihr seid Götter, insgesamt Söhne des Höchsten, ihr habt aber eure Handlungen verdorben; wahrlich, wie Menschen sollt ihr sterben &c. —
7Demnach würden sie, wenn sie nicht gesündigt hätten, keine Kinder gezeugt haben; es heißt ja aber: ihr aber seid fruchtbar und mehret euch!? — Vor [der Gesetzgebung am Berge] Sinaj. — Auch bei [der Gesetzgebung am Berge] Sinaj heißt es ja:geh, sage ihnen: kehret nun zu euren Zeltenzurück!? — Zur Freude über die Beiwohnung. —
8Es heißt ja aber: damit es ihnen und ihren Kindern wohlergehe!? — Denen, die am [Berge] Sinaj gestanden haben. —
9Reš Laqiš sagte ja aber: Es heißt:das ist das Buch über die Nachkommen Adams &c.; hatte denn Adam der Urmensch ein Buch? Dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, Adam dem Urmenschen jedes Zeitalter und seine Gelehrten, jedes Zeitalter und seine Weisen, jedes Zeitalter und seine Leiter zeigte; als er aber an das Zeitalter R. A͑qibas herankam, freute er sich über seine Gesetzeskunde und war betrübt über seinen Tod und sprach: Wie teuer sind mir, o Gott, deine Gedanken.
10Ferner sagte auch R. Jose, der Sohn Davids werde erst dann kommen, wenn keine Seele mehr im Guph sein wird, denn es heißt: der Geist wird von mir eingehüllt und die Seelen habe ich erschaffen!? —
11Sage nicht; wir würden nicht zur Welt gekommen sein, sondern: es wäre ebenso, als würden wir nicht zur Welt gekommen sein, — Demnach ist anzunehmen, daß, wenn sie nicht gesündigt hätten, sie nicht gestorben sein würden; es sind ja aber Abschnitte über die Schwagerehe und Abschnitte über das Erbgesetz vorhanden!? —
12Wegen der Eventualität. — Sind denn Schriftverse wegen der Eventualität geschrieben worden!? — Freilich, so sagte auch R. Šimo͑n b. Laqiš: Es heißt: und es wurde Abend und es wurde Morgen, der sechste Tag; dies lehrt, daß der Heilige, gepriesen sei er, mit dem Schöpfungswerke eine Vereinbarung getroffen hat und zu ihm sprach: Nehmen die Jisraéliten die Tora in Empfang, so ist es recht, wenn aber nicht, so verwandle ich euch zurück in Wüste und Leere.
13Man wandte ein Möge dies nur immer ihre Gesinnung bleiben; den Todesengel abzuschaffen ist nicht mehr möglich, da das Verhängnis bereits beschlossen worden ist;
14vielmehr haben die Jisraéliten die Tora nur deshalb in Empfang genommen, damit keine Nation und kein Sprachstamm über sie Gewalt habe, denn es heißt: damit es ihnen und ihren Kindern immerdar wohlergehe!? —
15Er ist der Ansicht des Autors der folgenden Lehre: R. Jose sagte: Die Jisraéliten haben die Tora nur deshalb in Empfang genommen, damit der Todesengel keine Gewalt über sie habe, denn es heißt: ich dachte, ihr seid Götter und insgesamt Söhne des Höchsten, ihr habt aber eure Handlungen verdorben; wahrlich, wie Menschen sollt ihr sterben. —
16Und R. Jose, es heißt ja: damit es ihnen und ihren Kindern immerdar wohlergehe, nur Wohlergehen sollte es ihnen, jedoch gab es einen Tod!? — R. Jose kann dir erwidern: es gibt ja kein besseres Wohlergehen als keinen Tod. —
17Und der erste Autor, es heißt ja: wahrlich, wie Menschen sollt ihr sterben!? — Unter ‘sterben’ ist die Armut zu verstehen, denn der Meister sagte: Vier gelten als gestorben, und zwar: der Arme, der Blinde, der Aussätzige und der Kinderlose.
18Der Arme, denn es heißt: gestorben sind all die Leute; das waren ja Dathan und Abiram, und diese waren ja nicht gestorben, vielmehr hatten sie ihr Vermögen verloren.
19Der Blinde, denn es heißt: in Finsternis setze er mich gleich ewig Toten. Der Aussätzige, denn es heißt: laß sie nicht wie eine Tote sein. Der Kinderlose, denn es heißt: schaffe mir Kinder, sonst sterbe ich.
20Die Rabbanan lehrten: Wenn ihr nach meinen Satzungen gehen wollt; ‘wenn’ ist ein Ausdruck des Verlangens, denn so heißt es: wenn doch mein Volk auf mich hören &c., wie leicht wollte ich ihre Feinde demütigen; ferner heißt es: wenn du doch aufmerken wolltest auf meine Befehle, so würde einem Strome gleich deine Wohlfahrt werden &c. wie der Sand deine Nachkommen und die Sprößlinge deines Leibes &c.
21Die Rabbanan lehrten: Möchte dies nur immer ihre Gesinnung bleiben. Moše sprach zu den Jisraéliten: Ihr Undankbaren, Nachkommen von Undankbaren. Als der Heilige, gepriesen sei er, zu Jisraél gesagt hatte: möchte dies nur immer ihre Gesinnung bleiben, so sollten sie sagen: mache du es doch.
22Undankbare, denn es heißt: die elende Nahrung widert uns an;
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.