Bava Batra — Blatt 10a
1er fìndet Leben; reiche, denn es heißt: Wohltätigkeit; gelehrte, denn es heißt: und Ehre. Hier heißt es Ehre, und dort heißt es:Ehre werden die Weisen erben.
2Es wird gelehrt: R. Meír sagte: Wenn ein Ankläger den Einwand erheben und zu dir sagen sollte: wenn euer Gott die Armen liebt, weshalb ernährt er sie nicht? so antworte ihm: damit wir dadurch von dem Höllengerichte errettet werden. Diese Frage richtete auch der ruchlose Tyrannos Rufus an R. A͑qiba: Wenn euer Gott die Armen liebt, weshalb ernährt er sie nicht? Dieser erwiderte ihm: Damit wir dadurch vom Gerichte des Fegefeuers errettet werden.
3Jener entgegnete: Im Gegenteil, dies macht euch des Gerichtes des Fegefeuers schuldig. Ich will dir ein Gleichnis sagen, womit dies zu vergleichen ist. Ein König aus Fleisch und Blut zürnt seinem Knecht, sperrt ihn ins Gefängnis und befiehlt, daß man ihm weder Speise noch Trank verabreiche, jemand aber geht und verabreicht ihm Speise und Trank. Wenn nun der König dies erfährt, gerät er etwa nicht über ihn in Zorn!? Und auch ihr werdet Knechte genannt, denn es heißt:denn meine Knechte sind die Jisraéliten.
4Da erwiderte ihm R. A͑qiba: Auch ich will dir ein Gleichnis sagen, womit dies zu vergleichen ist. Ein König aus Fleisch und Blut zürnt seinem Sohne, sperrt ihn ins Gefängnis und befiehlt, daß man ihm weder Speise noch Trank verabreiche, jemand aber geht und verabreicht ihm Speise und Trank. Wenn der König dies erfährt, übersendet er ihm etwa nicht ein Geschenk? Und auch wir werden Kinder genannt, denn es heißt:ihr seid Kinder des Herrn, eures Gottes.
5Jener entgegnete ihm: Ihr werdet Kinder genannt und ihr werdet Knechte genannt; tut ihr den Willen Gottes, so werdet ihr Kinder genannt, tut ihr nicht den Willen Gottes, so werdet ihr Knechte genannt; jetzt aber tut ihr nicht den Willen Gottes. Dieser erwiderte: es heißt:daß du dem Hungrigen dein Brot brichst, und irrende Elende ins Haus bringst; jetzt gehen [die Worte:] und irrende Elende ins Haus bringst, in Erfüllung, und dennoch heißt es: daß du dem Armen dein Brot brichst.
6R. Jehuda b. Šallum trug vor: Wie die Nahrung des Menschen am Neujahrstage festgesetzt wird, so werden auch die Ausgaben des Menschen am Neujahrstage festgesetzt; ist es ihm beschieden, dann: daß du dem Armen dein Brot brichst, ist es ihm nicht beschieden, dann: und irrende Elende ins Haus bringst.
7So sah einst R. Joḥanan b. Zakkaj im Traume, daß seinen Schwestersöhnen siebenhundert Denare fehlen werden; da nötigte er sie und nahm es von ihnen für wohltätige Zwecke ab; siebzehn Denare aber blieben bei ihnen zurück. Als der Vorabend des Versöhnungstages heranreichte, sandte der Kaiser und ließ es ihnen wegnehmen.
8Da sprach R. Joḥanan b. Zakkaj zu ihnen: Fürchtet euch nicht, siebzehn Denare waren bei euch zurückgeblieben, und diese wurden euch abgenommen. Sie fragten ihn: Woher weißt du dies? Er erwiderte ihnen: Ich habe darüber ein Traumgesicht gehabt. Sie sprachen zu ihm: Weshalb hast du es uns nicht gesagt? Er erwiderte ihnen: Ich wollte, daß ihr gute Werke um ihrer selbst willen ausübet.
9Einst stieg R. Papa auf eine Leiter; da glitt er mit einem Fuße aus und fiel fast herunter. Da sprach er: Fast könnte mein Feind so bestraft werden, wie Šabbathschänder und Götzenanbeter. Hierauf sprach Ḥija b. Rabh aus Diphte zu R. Papa: Vielleicht ist dir ein Armer zur Hand gekommen und hast du ihm keine Nahrung verabreicht?
10Es wird nämlich gelehrt: R. Jehošua͑ b. Qorḥa sagte: Wenn jemand seine Augen von der Wohltätigkeit abwendet, so ist es ebenso, als würde er Götzendienst getrieben haben. Hierbei heißt es: hüte dich, daß nicht in deinem Herzen ein nichtswürdiger Gedanke aufsteige, und dort heißt es: es sind nichtswürdige Leute aufgetreten; wie dort Götzendienst zu verstehen ist, ebenso ist auch hierbei Götzendienst zu verstehen.
11Es wurde gelehrt: R. Elea͑zar b. R. Jose sagte: All die Wohltätigkeiten und Liebeswerke, die die Jisraéliten auf dieser Welt üben, sind große Friedens[vermittler] und bedeutende Fürsprecher zwischen den Jisraéliten und ihrem Vater im Himmel, denn es heißt:so spricht der Herr: Tritt nicht in das Haus des Jammers ein, und gehe nicht, um die Totenklage zu halten, und bezeuge ihnen kein Beileid, denn ich habe meinen Frieden von diesem Volke genommen &c. die Liebe und das Erbarmen; die Liebe, das sind die Liebeswerke, das Erbarmen, das ist die Wohltätigkeit.
12Es wird gelehrt: R. Jehuda sagte: Groß ist die Wohltätigkeit, denn sie beschleunigt die Erlösung, wie es heißt:so spricht der Herr: Wahret das Recht und übt Wohltätigkeit, denn mein Heil ist nahe daran, herbeizukommen, und meine Gerechtigkeit, sich zu offenbaren. Derselbe sagte ferner: Zehn starke Dinge sind in der Welt erschaffen worden: ein Berg ist stark, das Eisen aber zerschneidet ihn; das Eisen ist stark, das Feuer aber erweicht es; das Feuer ist stark, das Wasser aber lischt es; das Wasser ist stark, die Wolken aber tragen es; die Wolken sind stark, der Wind aber zerstreut sie; der Wind ist stark, der Körper aber trägt ihn; der Körper ist stark, die Angst aber bricht ihn; die Angst ist stark, der Wein aber verscheucht sie; der Wein ist stark, der Schlaf aber vertreibt ihn. Der Tod aber ist stärker als sie alle, und dennoch heißt es:Wohltätigkeit errettet vom Tode.
13R. Dostaj b. Jannaj trug vor: Komm und sieh, wie die Art eines [Menschen aus] Fleisch und Blut anders ist als die Art des Heiligen, gepriesen sei er. Wenn jemand einem König ein bedeutendes Geschenk überbringt, so ist es zweifelhaft, ob er es von ihm annimmt oder er es von ihm nicht annimmt, und es ist zweifelhaft, ob er das Gesicht des Königs zu sehen bekommt oder er das Gesicht des Königs nicht zu sehen bekommt. Anders aber der Heilige, gepriesen sei er; wenn jemand einem Armen eine Peruṭa gibt, so ist es ihm beschieden, das Gesicht der Göttlichkeit zu empfangen, denn es heißt:ich aber werde durch Wohltätigkeit dein Gesicht schauen, werde mich beim Erwachen an deiner Gestalt sättigen.
14R. Elea͑zar pflegte vorher einem Armen eine Peruṭa zu geben und nachher das Gebet zu verrichten, denn er sagte, es heißt: ich werde durch Wohltätigkeit dein Gesicht schauen, werde mich beim Erwachen an deiner Gestalt sättigen. – Was heißt: werde mich beim Erwachen an deiner Gestalt sättigen? R. Naḥman b. Jiçḥaq erwiderte: Dies bezieht sich auf die Schriftgelehrten, die auf dieser Welt den Schlaf von ihren Augen verscheuchen; der Heilige, gepriesen sei er, wird sie aber in der zukünftigen Welt mit dem Glanze der Göttlichkeit sättigen.
15R. Joḥanan sagte: Es heißt:wer sich des Geringen erbarmt, leiht dem Herrn. Wenn dies nicht ein geschriebener Schriftvers wäre, könnte man es gar nicht sagen; – als ob dies denkbar wäre – der Schuldner ist ein Knecht des Gläubigers.
16R. Ḥija b. Abba sagte im Namen R. Joḥanans: Es heißt:es nützt kein Vermögen am Tage des Zornes, aber Wohltätigkeit errettet vom Tode, und ferner heißt es:es helfen keine ungerechten Schätze, aber Wohltätigkeit errettet vom Tode. Wozu dies zweimal von der Wohltätigkeit? Eine, die ihn von einem unnatürlichen Tode errettet, und eine, die ihn vom Gerichte des Fegefeuers errettet. – Welche ist es, die ihn vom Gerichte des Fegefeuers errettet? Von der es heißt:ein Tag des Zornes ist dieser Tag. – Und welche ist es, die ihn von einem unnatürlichen Tode errettet?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.