Bava Batra — Blatt 123a

1er erhält seinen Anteil bei einem [Bruder] und er erhält seinen Anteil bei fünf, wie er nun bei einem einen doppelten Anteil diesem gegenüber erhält, ebenso erhält er auch bei fünf einen doppelten Anteil jedem gegenüber,

2so ist ja auch entgegengesetzt zu folgern: er erhält einen doppelten Anteil bei einem [Bruder], und er erhält einen doppelten Anteil bei fünf, wie er nun bei einem einen doppelten Anteil vom ganzen Vermögen erhält, ebenso erhält er auch bei fünf einen doppelten Anteil vom ganzen Vermögen.

3Daher heißt es:am Tage, an dem er seine Söhne erben läßt, die Tora hat also den größeren Teil der Erbschaft den Brüdern zugesprochen; du hast daher den Schluß nicht nach der zweiten Fassung, sondern nach der ersten Fassung zu folgern.

4Ferner heißt es :und die Söhne Reúbens, des Erstgeborenen Jisraéls; er war der Erstgeborene, als er aber das Lager seines Vaters entweihte, wurde seine Erstgeburt Joseph, dem Sohne Jisraéls, verliehen, nur fiel ihm genealogisch die Erstgeburt nicht zu. Ferner heißt es:Jehuda hatte die Obmacht unter seinen Brüdern, und Fürst war einer aus seiner Mitte; die Erstgeburt aber wurde Joseph zuteil.

5Bei Joseph heißt es Erstgeburt und bei den übrigen Generationen heißt es Erstgeburt, wie nun bei Joseph das Erstgeburtsrecht im doppelten Anteile gegenüber jedem anderen bestand, ebenso besteht das Erstgeburtsrecht für die übrigen Generationen im doppelten Anteile gegenüber jedem anderen.

6Ferner heißt es :ich habe dir einen Teil mehr gegeben als deinen Brüdern, was ich aus der Hand des Emoriten mit meinem Schwerte und meinem Bogen genommen habe. – Hat er es denn mit seinem Schwerte und seinem Bogen genommen, es heißt ja :denn ich verlasse mich nicht auf meinen Bogen, und mein Schwert mir nicht!? – Vielmehr, unter Schwert ist das Gebet und unter Bogen ist die Fürbitte zu verstehen. –

7Wozu das ‘ferner’? – Man könnte glauben, jener Schriftvers deute auf die Lehre des R. Johan an b. Beroqa, so komm und höre: und die Söhne Reúbens, des Erstgeborenen Jisraéls.

8Wollte man erwidern, man folgere nicht ‘Erstgeburt’ von ‘seiner Erstgeburt‘, so komm und höre: die Erstgeburt aber wurde Joseph zuteil.

9Und wenn man erwidern wollte, es sei nicht erwiesen, daß Joseph doppelt soviel wie jeder andere erhalten habe, so komm und höre: ich habe dir einen Teil mehr gegeben als deinen Brüdern.

10R. Papa sprach zu Abajje: Vielleicht nur eine Dattelpalme !? Dieser erwiderte: Deinetwegen sagt die Schrift:Ephrajim und Menaše sollen mir wie Reúben und Šimo͑n gelten.

11R. Helbo fragte R. Šemuél b. Naḥmani: Was veranlaßte Ja͑qob, die Erstgeburt Reúben abzunehmen und Joseph zu geben? – Was ihn veranlaßt hat, es heißt ja: als er das Lager seines Vaters entweihte!? – Vielmehr, was veranlaßte ihn, sie Joseph zu geben? –

12Ich will dir ein Gleichnis sagen, womit dies zu vergleichen ist. Einst nahm ein Hausherr ein Waisenkind in sein Haus, und als das Waisenkind später reich wurde, sprach es: Ich will diesen Hausherrn von meinem Vermögen genießen lassen. Jener entgegnete: Würde er denn, wenn Reúben nicht gesündigt hätte, Joseph nichts gegeben haben!?

13Dein Lehrer R. Jonathan erklärte es anders. Eigentlich sollte der Erstgeborene Rahel entstammen, denn es heißt:das sind die Nachkommen Ja͑qobs: Joseph, nur war ihr Leá durch Gebet zuvorgekommen; wegen der Frömmigkeit Rahels aber gab es ihr der Heilige, gepriesen sei er, zurück. –

14Wieso war ihr Leá durch Gebet zuvorgekommen? – Es heißt :Leá aber hatte matte Augen; was ist unter matt zu verstehen: wollte man sagen, wirklich matt, so ist ja nicht anzunehmen, daß die Schrift, die nicht einmal von einem unreinen Tiere schimpflich spricht, wie es heißt:von den reinen Tieren und von den Tieren, die nicht reinsind, vom Schimpfe der Frommen sprechen sollte. Vielmehr, erklärte R. Elea͑zar, ihre Gaben waren ausgedehnt.

15Rabh erklärte: Tatsächlich wirklich matt, denn dies ist für sie kein Schimpf, sondern sogar ein Lob. Sie hatte auf den Straßen folgendes sagen hören: Ribqa hat zwei Söhne und Laban hat zwei Töchter; die ältere für den älteren und die jüngere für den jüngeren.

16Da ließ sie sich auf der Straße nieder und fragte: Was ist die Beschäftigung des älteren? – Er ist ein schlechter Mensch und plündert die Leute aus. – Was ist die Beschäftigung des jüngeren? – Er ist ein sanfter Mensch und sitzt in den Zelten. Hierauf weinte sie, bis ihr die Augenwimpern ausfielen.

17Hierauf deutet auch der Schriftvers :da sah der Herr, daß Leá gehaßt war; was ist unter gehaßt zu verstehen: wollte man sagen, wirklich gehaßt, so ist ja nicht anzunehmen, daß die Schrift, die nicht einmal von einem unreinen Tiere schimpflich spricht, vom Schimpfe der Frommen sprechen sollte. Vielmehr sah der Heilige, gepriesen sei er, daß ihr die Handlungen E͑savs verhaßt waren, da öffnete er ihren Muttermund. –

18Worin bestand die Frömmigkeit Raḥels? – Es heißt:da erzählte Ja͑qob der Raḥel, daß er der Bruder ihres Vaters, und daß er der Sohn der Ribqa sei; er war ja der Sohn der Schwester ihres Vaters!? Vielmehr sprach er zu ihr : Willst du von mir geheiratet sein? Sie erwiderte: Ja, aber mein Vater ist hinterlistig, und du wirst ihm nicht beikommen.

19Da fragte er sie, welche List er zu befürchten habe, und sie erwiderte ihm : Ich habe eine Schwester, die älter ist als ich, und er will mich nicht vor dieser verheiraten. Hierauf sprach er zu ihr: Ich bin sein Bruder in! der Listigkeit. – Dürfen denn die Frommen sich einer List bedienen!? – Freilich, mit den Lautern verfährst du lauter, mit den Verkehrten verdreht. Darauf gab er ihr Erkennungszeichen.

20Als man später Leá hineinführte, dachte sie, nun werde ihre Schwester beschämt werden, und sie verriet ihr diese. Deshalb heißt es:am Morgen, da war es Leá; war es bis dann nicht Leá? Vielmehr, da Rahel die Erkennungszeichen, die Ja͑qob ihr gab, Leá verriet, merkte er es bis dann nicht.

21Abba Ḥilpha aus Qeruja fragte R. Ḥija b. Abba: Bei der summarischen Aufzählung findest du siebzig, und bei der speziellen findest du siebzig weniger eines!? Dieser erwiderte: Dina hatte eine Zwillingsschwester, denn es heißt:und seineTochter Dina. – Demnach hatte auch Binjamin eine Zwillingsschwester, denn es heißt:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.