Bava Batra — Blatt 16b
1so steigt sie auf eine Bergspitze, damit das Junge herabfalle und umkomme; ich aber halte ihr einen Adler bereit, der es mit seinen Flügeln auffängt und es vor sie hinlegt. Würde er aber einen Augenblick zu früh oder einen Augenblick zu spät kommen, so würde es umkommen. Zwischen einem Augenblicke und einem anderen Augenblicke verwechsle ich nicht, und zwischen Ijob und ojeb sollte ich verwechselt haben!?
2Beobachtest du das Kreißen der Hinden. Die Hinde hat einen engen Muttermund; ich aber halte ihr, wenn sie zum Werfen niederkauert, eine Schlange bereit, die sie am Muttermunde beißt, wodurch dieser bei der Geburt sich dehnt. Würde diese aber einen Augenblick zu früh oder zu spät kommen, so würde jene umkommen. Zwischen einem Augenblicke und einem anderen Augenblicke verwechsle ich nicht, und zwischen Ijob und ojeb sollte ich verwechselt haben!?
3Es heißt:Ijob redet ohne Verstand und seine Worte sind ohne Einsicht, und dagegen heißt es:ihr habt nicht recht zu mir geredet wie mein Knecht Ijob? Raba erklärte: Hieraus, daß ein Mensch [für Äußerungen] in seinem Schmerze nicht verantwortlich gemacht werden könne.
4Als die drei Freunde Ijobs von all dem Unglücke hörten, das ihn betroffen hatte, machten sie sich auf, ein jeder von seinem Wohnorte, Eliphaz der Temanite, Bildad der Šuḥite und Çophar der Naa͑mite, und sie verabredeten sich miteinander, hinzugehen, um ihn zu bemitleiden und ihn zu trösten. Was heißt: sie verabredeten sich miteinander? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: Dies lehrt, daß sie alle durch ein Tor gekommen waren, obgleich sie, wie gelehrt wird, einer vom anderen dreihundert Parasangen entfernt waren. –
5Woher erfuhren sie es? – Manche erklären, sie hatten Kronen, und manche erklären, sie hatten Bäume, und wenn diese verdorrten, so wußten sie es. Raba sagte: Das ist es, was die Leute sagen: entweder einen Freund gleich den Freunden Ijobs oder den Tod.
6Als nun die Menschen anfingen, sich auf der Erde zu vermehren und ihnen Töchter geboren wurden. R. Joḥanan sagte: Eine Vermehrung kam über die Welt. Reš Laqiš sagte: Zank kam über die Welt. Reš Laqiš sprach zu R. Joḥanan: Weshalb wurden, nach deiner Erklärung, es sei eine Vermehrung über die Welt gekommen, die Töchter Ijobs nicht verdoppelt!?
7Dieser erwiderte: Zugegeben, daß sie an Namen nicht verdoppelt wurden, aber an Schönheit wurden sie verdoppelt, denn es heißt: es wurden ihm sieben Söhne und drei Töchter geboren; die eine nannte er Jemima, die andere nannte er Qeçia͑ und die dritte nannte er Qeren hapukh.
8Jemima, weil sie dem Tage [jom] glich; Qeçia͑, weil sie einen Duft gleich dem der Kassia [qeçia͑] verbreitete; Qerenhapukh erklärten sie in der Schule R. Šilas: weil sie dem Horn [qeren] des Einhorns glich. Im Westen lachten sie darüber: dies ist ja eine Verunstaltung!? Vielmehr erklärte R. Ḥisda, weil sie der besten Schminke im Horn glich.
9Einst wurde R. Šimo͑n b. Rabbi eine Tochter geboren, und er war darüber betrübt. Da sprach sein Vater zu ihm: Eine Vermehrung ist in die Welt gekommen. Darauf sprach Bar Kappara zu ihm: Mit eitlem Troste beschwichtigte dich dein Vater. Die Welt kann weder ohne Männer noch ohne Frauen bestehen, aber wohl dem, dessen Kinder männlich sind, und wehe dem, dessen Kinder weiblich sind. Die Welt kann weder ohne Parfümeure noch ohne Gerber bestehen, aber wohl dem, dessen Gewerbe die Parfümerie ist, und wehe dem, dessen Gewerbe die Gerberei ist.
10Hierüber [streiten auch folgende] Tannaím:Und der Herr segnete Abraham mit allem. Was heißt mit allem? R. Meír erklärte: Daß er keine Tochter hatte. R. Jehuda erklärte: Daß er eine Tochter hatte. Manche erklärten: Abraham hatte eine Tochter namens Bakol [mit allem]. R. Elea͑zar aus Modai͑m erklärte: Die Sternkunde wohnte im Herzen unseres Vaters Abraham, und alle Könige des Morgenlandes und des Abendlandes wandten sich in aller Frühe an seine Tür. R. Šimo͑n b. Joḥaj sagte: Ein Edelstein hing am Halse unseres Vaters Abraham, und jeder Kranke, der ihn ansah, genas sofort. Als unser Vater Abraham aus der Welt schied, hing ihn der Heilige, gepriesen sei er, an das Sonnenrad. Abajje sagte: Das ist es, was die Leute sagen: hebt der Tag an, so hebt sich die Krankheit.
11Eine andere Erklärung: E͑sav artete bei seinen Lebzeiten nicht aus. Eine andere Erklärung: Jišma͑él tat bei seinen Lebzeiten Buße. – Woher, daß E͑sav bei seinen Lebzeiten nicht ausartete? – Es heißt:da kam E͑sav vom Felde und war müde, und hierzu wird gelehrt: An jenem Tage starb unser Vater Abraham, und unser Vater Ja͑qob kochte ein Linsengericht, um seinem Vater Jiçḥaq ein Trauermahl zu bereiten.
12Im Westen erklärten sie im Namen des Rabba b. Mari: Wie eine Linse keinen Mund hat, ebenso hat auch der Leidtragende keinen Mund. Eine andere Erklärung: Wie eine Linse kreisförmig ist, ebenso kreist die Trauer umher und kommt zu allen Weltbürgern. – Welchen Unterschied gibt es zwischen beiden? – Hinsichtlich der Verwendung von Eiern für das Trauermahl.
13R. Joḥanan sagte: Fünf Verbote übertrat dieser Frevler an jenem Tage: er beschlief eine verlobte Jungfrau, er beging einen Mord, er verleugnete Gott, er verleugnete die Auferstehung der Toten und er verachtete die Erstgeburt.
14Er beschlief eine verlobte Jungfrau, denn hier heißt es: da kam E͑sav vom Felde, und dort heißt es: denn auf dem Felde traf er sie. Er beging einen Mord, denn hier heißt es: müde, und dort heißt es:wehe mir, denn meine Seele ist müde durch die Mörder. Er verleugnete Gott, denn hier heißt es:wozu mir diese, und dort heißt es: dieser ist mein Gott, den will ich verherrlichen. Er verleugnete die Auferstehung der Toten, denn es heißt:ich gehe dem Tode entgegen. Er verachtete die Erstgeburt, denn es heißt:und E͑sav verachtete die Erstgeburt.
15Woher, daß Jišma͑él bei seinen Lebzeiten Buße tat? – Aus folgendem. Einst saßen Rabina und R. Ḥama b. Buzi vor Raba, der eingeschlummert war; da sprach Rabina zu R. Ḥama b. Buzi: Ist es wahr, daß ihr gesagt habt, der Tod, bei dem [das Wort] ‘verscheiden’ gebraucht wird, sei der Tod der Frommen? Dieser erwiderte: Jawohl. – Da ist ja das Zeitalter der Sintflut!? Dieser erwiderte: Wir sagten es nur von den Fällen, wo es ‘verscheiden’ und ‘einsammeln’ heißt. –
16Bei Jišma͑él heißt es ja ebenfalls ‘verscheiden’ und ‘einsammeln’!? Währenddessen erwachte Raba und sprach zu ihnen: Kinder, folgendes sagte R. Joḥanan: Jišma͑él tat Buße bei Lebzeiten seines Vaters, denn es heißt:und es begruben ihn seine Söhne Jiçḥaq und Jišma͑él. – Vielleicht zählt er sie nach dem Grade ihrer Weisheit auf!? – Es heißt ja auch:und es begruben ihn seine Söhne E͑sav und Ja͑qob,
17weshalb zählt er demnach nicht auch diese nach dem Grade ihrer Weisheit auf!? Vielmehr wird er deshalb zuerst genannt, weil er [Jiçḥaq] den Vortritt gab, und da er ihm den Vortritt gab, so hatte er wahrscheinlich Buße getan.
18Die Rabbanan lehrten: Drei ließ der Heilige, gepriesen sei er,
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.