Bava Batra — Blatt 4a

1Diesem setzte er dann einen Kranz aus Igel[haut] auf und stach ihm damit die Augen aus. Eines Tages kam er heran, setzte sich neben ihn und sprach zu ihm: Hat der Meister gesehen, was dieser böse Sklave getan hat!? Dieser erwiderte: Was kann ich gegen ihn tun!? Jener sprach: Mag der Meister ihn verfluchen. Dieser erwiderte:Auch in deinen Gedanken fluche dem Könige nicht. Jener entgegnete: Er ist ja kein König. Dieser erwiderte: Mag er nicht mehr als sonst ein Reicher sein, und es heißt:und in deinen Schlafgemächern fluche nicht einem Reichen. Mag er nicht mehr als ein Fürst sein, und es heißt:einem Fürsten in deinem Volke sollst du nicht fluchen.

2Jener entgegnete: Nur wenn er nach den Werken deines Volkes handelt und dieser handelt ja nicht nach den Werken deines Volkes. Dieser erwiderte: Ich fürchte mich vor ihm. Jener sprach: Es ist niemand hier, der gehen und es ihm sagen könnte; nur ich und du sind hier anwesend. Dieser erwiderte: Es heißt:denn der Vogel unter dem Himmel entführt den Laut und der Geflügelte verrät das Wort.

3Hierauf sprach er: Ich bin es. Hätte ich gewußt, daß die Rabbanan so vorsichtig sind, so würde ich sie nicht getötet haben. Wie kann ich es nun wieder gut machen? Dieser erwiderte: Du hast das Licht der Welt ausgelöscht, wie es heißt:denn eine Leuchte ist das Gebot und das Gesetz ein Licht, geh und befasse dich nun mit dem Lichte der Welt, wie es heißt:und strömenwerden zu ihm alle Völker. Manche sagen, er habe ihm wie folgt erwidert: Du hast das Auge der Welt geblendet, wie es heißt: wenn von den Augender Gemeinde, geh nun und befasse dich mit dem Auge der Welt, wie es heißt:fürwahr, ich entweihe mein Heiligtum, den Gegenstand eurer stolzen Hoffahrt, die Lust eurer Augen.

4Hierauf sprach jener: Ich fürchte mich vor der Regierung. Dieser erwiderte: Sende einen Boten; dieser wird ein Jahr hingehen, ein Jahr sich da aufhalten und ein Jahr zurückkehren; währenddessen hast du [den Tempel] niedergerissen und wieder aufgebaut. Da tat er dies. Hierauf erwiderte man ihm: Hast du ihn noch nicht niedergerissen, so reiße ihn nicht nieder; hast du ihn bereits niedergerissen, so baue ihn nicht wieder auf; hast du ihn bereits niedergerissen und wieder aufgebaut, so sind es schlechte Sklaven, die erst dann um Rat fragen, nachdem sie etwas bereits getan haben. Wenn du auch deine Waffen hast, so liegt deine Matrikel hier: Herodes ist weder Rakha noch Sohn eines Rakha; er hat sich selber zum Freien gemacht. –

5Was heißt Rakha? – Ein König, wie es heißt:ich bin heute jung [rakh], obwohl zum Könige gesalbt. Wenn du willst, entnehme ich dies aus folgendem:und sie riefen vor ihm: abrekh.

6Man sagt, wer den Bau des Herodes nicht gesehen hat, habe keinen schönen Bau gesehen. – Woraus baute er ihn? Rabba erwiderte: Aus Alabaster- und Marmorstein. Manche sagen, aus Stibium-, Alabaster- und Marmorstein; eine Reihe hervorstehend und eine Reihe einwärts, damit der Kalk halte. Er wollte ihn auch mit Gold verkleiden, da sprachen die Gelehrten zu ihm: Laß dies, so ist es schöner, denn es sieht wie die Wellen des Meeres aus.

7Wieso tat dies Baba b. Buṭa, R. Jehuda sagte ja im Namen Rabhs, nach anderen, des R. Jehošua͑ b. Levi, Daniél sei nur deshalb bestraft worden, weil er Nebukhadneçar einen Rat erteilte!? Es heißt nämlich:darum, o König, laß dir meinen Rat gefallen und mache deine Sünden gut durch Frömmigkeit und deine Missetaten durch Barmherzigkeit gegen die Armen; vielleicht wird dein Frieden von Dauer sein &c. Darauf heißt es: all dies erfüllte sich an dem Könige Nebukhadneçar. Ferner: nach Verlauf von zwölf Monaten &c. –

8Wenn du willst, sage ich, anders verhalte es sich bei einem Sklaven, der den Geboten unterworfen ist, und wenn du willst, sage ich, anders verhielt es sich beim Tempel, der, wenn nicht der König, nicht renoviert worden wäre. –

9Woher, daß Daniél bestraft worden ist: wollte man sagen, weil es heißt:da rief Ester den Hathakh, und Rabh erklärte, Hathakh sei Daniél, so stimmt dies allerdings nach demjenigen, welcher erklärt: weil man ihn seiner Größe entriß, wie ist dies aber nach demjenigen zu erklären, welcher erklärt: weil alle Angelegenheiten der Regierung durch ihn erledigt wurden!? – Man warf ihn in die Löwengrube.

10ALLES NACH DEM LANDESBRAUCHE. Was schließt das ‘alles’ ein? – Dies schließt ein den Ortsbrauch, [die Wand] aus Dattel- oder Lorbeerzweigen zu errichten.

11DAHER GEHÖREN, WENN DIE WAND EINSTÜRZT, DER PLATZ UND DIE STEINE BEIDEN. Selbstverständlich!? – In dem Falle, wenn sie in das Gebiet des einen von ihnen gefallen ist, oder wenn einer sie in sein Gebiet geschafft hat; man könnte glauben, der andere sei dann Kläger und habe den Beweis zu erbringen, so lehrt er uns.

12EBENSO AUCH BEI EINEM GARTEN: WO ES ÜBLICH IST, EINEN ZAUN ZU ERRICHTEN, VERPFLICHTE MAN IHN DAZU. Dies widerspricht sich ja selbst: zuerst heißt es, ebenso verhalte es sich bei einem Garten, wo es üblich ist, einen Zaun zu errichten, verpflichte man ihn dazu, demnach verpflichte man ihn nicht dazu, wenn es keinen [festen Brauch] gibt,

13dagegen heißt es im Schlußsatze, daß man bei einer Ebene, wo es üblich ist, keinen Zaun zu errichten, ihn dazu nicht verpflichte, wonach man ihn dazu verpflichte, wenn es keinen [festen Brauch] gibt; wenn man ihn, falls es keinen [festen Brauch] gibt, sogar bei einem Garten nicht dazu verpflichtet, um wieviel weniger bei einer Ebene!?

14Abajje erwiderte: Er meint es wie folgt: ebenso verhält es sich bei einem Garten, wo es keinen [festen Brauch] gibt; und wo es bei einer Ebene üblich ist, einen Zaun zu errichten, verpflichte man ihn dazu. Raba sprach zu ihm: Welchen Sinn hat demnach das ‘aber’!? Vielmehr, erklärte Raba, meint er es wie folgt: ebenso gilt bei einem Garten ein Ort ohne [festen Brauch] als Ort mit dem Brauche, einen Zaun zu errichten, und man verpflichte ihn dazu; bei einer Ebene aber gilt ein Ort ohne [festen Brauch] als Ort, wo dies nicht üblich ist, und man verpflichte ihn dazu nicht.

15WENN ABER EINER ES WILL, SO RÜCKE ER EIN, BAUE [DIE WAND] AUF SEINEM [GEBIETE] UND MACHE VON AUSSEN EIN KENNZEICHEN. Was ist dies für ein Kennzeichen? R. Hona erwiderte: Er biege die Enden nach außen. – Soll er sie doch nach innen biegen!? – Der andere könnte ebenfalls solche von außen machen und sagen: sie gehört mir und ihm. – Demnach kann ja der andere auch jetzt [die Enden] abschneiden und sagen: sie gehört mir und ihm!? – Das Abgeschnittene ist zu merken.

16Manche lesen: R. Hona erwiderte: Die Enden werden nach innen gebogen. – Soll er sie doch nach außen biegen!? – Der andere könnte sie abschneiden und sagen: sie gehört mir und ihm. – Demnach kann ja der andere auch jetzt solche anbringen und sagen: sie gehört mir und ihm!? – Das Angeheftete ist zu merken. – Es heißt ja aber: nach außen!? – Dies ist ein Einwand.

17R. Joḥanan erklärte:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.