Bava Kamma — Blatt 54b
1Demnach wäre man wegen eines vollsinnigen Ochsen ersatzfrei!?
2R. Jirmeja erwiderte: Hinsichtlich eines vollsinnigen Ochsen braucht überhaupt nicht gelehrt zu werden, daß man ersatzpflichtig sei, man könnte aber glauben, daß bei einem tauben, blöden oder jungen Ochsen die Taubheit, beziehungsweise [die Blödigkeit oder] die Kleinheit dies veranlaßt habe und man ersatzfrei sei, so lehrt er uns.
3R. Aḥa sprach zu Rabina: Es wird ja aber gelehrt. daß, wenn ein Verständiger in diese hineinfällt, man ersatzfrei sei; doch wohl ein verständiger Ochs!? Dieser erwiderte: Nein, ein [verständiger] Mensch. – Demnach ist man nur wegen eines verständigen Menschen frei, wegen eines unverständigen aber schuldig; es heißt ja aber ein Ochs, nicht aber ein Mensch!? –
4Vielmehr, unter verständig ist ein verständiges Geschöpf zu verstehen. Jener entgegnete: Es wird ja aber gelehrt, daß, wenn ein verständiger Ochs in diese hineinfällt, man ersatzfrei sei!?
5Vielmehr, erklärte Raba, nur für einen tauben Ochsen, nur für einen blöden Ochsen, nur für einen jungen Ochsen, für einen vollsinnigen Ochsen aber ist man nicht ersatzpflichtig, weil er beim Gehen aufpassen sollte. Ebenso wird auch gelehrt: Ist in diese ein tauber, blöder, junger, blinder oder nachts gehender Ochs hineingefallen, so ist er ersatzpflichtig, wenn aber am Tage, so ist er ersatzfrei.
6EINERLEI OB EIN OCHS ODER IRGEND EIN ANDERES VIEH, [SIE GLEICHEN EINANDER] HINSICHTLICH DES HINEINFALLENS IN EINE GRUBE, DER ENTFERNUNG VOM BERGE SINAJ, DER ZAHLUNG DES DOPPELTEN, DER WIEDERBRINGUNG DES VERLORENEN, DER ENTLADUNG, DES MAULSCHLIESSENS, DER GATTUNGSMISCHUNGUND DER ŠABBATHRUHE,
7UND DASSELBE GILT AUCH VON EINEM WILD UND EINEM GEFLÜGEL. WESHALB HEISST ES DEMNACH. ein Ochs oder ein Esel? WEIL DIE SCHRIFT VOM GEWÖHNLICHEN SPRICHT.
8GEMARA. Hinsichtlich des Hineinfallens in eine Grube, denn es heißt: Geld soll er dem Eigentümer ersetzen, für alles, was Eigentümer hat, wie wir bereits erklärt haben. Hinsichtlich der Entfernung vom Berge Sinaj, denn es heißt:ob ein Mensch, ob ein Vieh, es wird nicht am Leben bleiben; das Wild ist [im Ausdruck] ‘Vieh’ einbegriffen, und das ob schließt Geflügel ein.
9Hinsichtlich der Zahlung des Doppelten, wie wir erklärt haben:Bei irgend einem Eigentumsverbrechen, alles, wobei ein Eigentumsverbrechen begangen wird. Hinsichtlich der Wiederbringung des Verlorenen, denn es heißt:mit jeder verlorenen Sache deines Bruders. Hinsichtlich der Entladung ist dies von der Šabbathruhe durch [das Wort] Esel zu folgern.
10Hinsichtlich des Maulschließens ist dies von der Šabbathruhe durch [das Wort] Ochs zu folgern.
11Hinsichtlich der Gattungsmischung ist dies, soweit es das Pflügen betrifft, von der Šabbathruhe durch [das Wort] Ochs,
12und soweit es die Kreuzung betrifft, von der Šabbathruhe durch [das Wort] Vieh zu folgern. –
13Woher dies bei der Šabbathruhe!? – Es wird gelehrt: R. Jose sagte im Namen R. Jišma͑éls: Im ersten Dekaloge heißt es:dein Sklave, deine Magd und dein Vieh, und im zweiten Dekaloge heißt es:dein Ochs, dein Esel und all dein Vieh; der Ochs und der Esel sind ja [im Ausdrucke] ‘Vieh’ einbegriffen, weshalb wurden sie besonders hervorgehoben? Um dir zu sagen: wie an dieser Stelle das Wild und das Geflügel dem Ochsen und dem Esel gleichen, ebenso gleicht das Wild und das Geflügel dem Ochsen und dem Esel auch an jeder anderen Stelle. –
14Vielleicht aber [deduziere man also: das Wort] Vieh im ersten Dekaloge ist eine Generalisierung und [die Worte] Ochs und Esel im zweiten Dekaloge sind eine Spezialisierung, und wenn auf eine Generalisierung eine Spezialisierung folgt, so umfaßt die Generalisierung nur das, was die Spezialisierung nennt, also nur Ochs und Esel, anderes aber nicht!? –
15Ich will dir sagen, [die Worte] und all dein Vieh im zweiten Dekaloge sind eine Generalisierung, und wenn auf eine Generalisierung eine Spezialisierung und darauf wiederum eine Generalisierung folgt, so ist alles einbegriffen, was dem Speziellen gleicht, wie das Speziellgenannte etwas Lebendes ist, ebenso auch alles andere, was lebend ist. –
16Vielleicht aber: wie das Speziellgenannte eine Sache ist, von dem das Aas durch Berühren und Tragen [levitisch] verunreinigend ist, ebenso auch alles andere, von dem das Aas durch Berühren und Tragen verunreinigend ist, Geflügel aber nicht!? –
17Ich will dir sagen, wenn dem so wäre, so sollte doch der Allbarmherzige nur das eine speziell genannt haben. – Welches sollte er genannt haben, wenn nur den Ochsen, so könnte man glauben, nur was auf dem Altar dargebracht wird, nicht aber, was auf dem Altar nicht dargebracht wird; und wenn nur den Esel, könnte man glauben, nur was als Erstgeborenes heilig ist, nicht aber, was nicht als Erstgeborenes heilig ist. –
18Vielmehr, [das Wort] all (dein Vieh) ist einschließend. –
19Ist denn [das Wort] all immer einschließend, auch beim Zehnten heißt es ja all, und dennoch wird da [die Regel von der] Generalisierung und der Spezialisierung angewandt!?
20Es wird nämlich gelehrt:Und gib das Geld hin für alles, was du begehrst, generell; Ochsen, Schafe, Wein und Rauschtrank, speziell; und alles, wonach du Verlangen hast, wiederum generell; und wenn auf eine Generalisierung eine Spezialisierung und darauf wiederum eine Generalisierung folgt, so richte man sich nach dem Speziellen;
21wie das Speziellgenannte eine Frucht aus Frucht ist und seine Nahrung aus dem Boden zieht, ebenso alles andere, was eine Frucht aus Frucht ist und seine Nahrung aus dem Boden zieht!?
22Ich will dir sagen, für alles ist für den angezogenen Schluß zu verwenden, all ist einschließend. Wenn du aber willst sage ich: all ist ebenfalls für den angezogenen Schluß zu verwenden, hierbei aber ist es einschließend; es sollte ja heißen: und dein Vieh, wie im ersten Dekaloge, wenn es aber all dein Vieh heißt, so ist dies einschließend. –
23Wozu sind nun, wo du ausgeführt hast, das all sei einschließend, [die Worte] Vieh im ersten Dekaloge und Ochs und Esel im zweiten Dekaloge nötig!? –
24Ich will dir sagen, [das Wort] Ochs, um hiervon auf das Maulschließen folgern zu können,
25[das Wort] Esel, um hiervon auf die Entladung folgern zu können, und
26[das Wort] Vieh, um hiervon auf die Gattungsmischung folgern zu können. –
27Demnach sollte es auch einem Menschen verboten sein, während doch gelehrt wird, ein Mensch dürfe mit allen [Tieren] pflügen und anziehen!?
28R. Papa erwiderte: Ein Papunäer weiß dies zu erklären, das ist R. Aḥa b. Ja͑qob: Die Schrift sagt:damit dein Sklave und deine Magd gleich dir ruhen, ich habe sie hinsichtlich des Ruhens verglichen, nicht aber in anderer Hinsicht.
29R. Ḥanina b. A͑gil fragte R. Ḥija b. Abba: Weshalb kommt im ersten Dekaloge [das Wort] gut nicht vor und im zweiten wohl?
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.