Bava Kamma — Blatt 60b

1Stets kehre man bei Sonnenschein ein und gehe bei Sonnenschein fort, denn es heißt: keiner von euch soll bis morgens früh zur Tür seiner Wohnung hinausgehen.

2Die Rabbanan lehrten: Ist eine Seuche in der Stadt, so halte deine Schritte zurück, denn es heißt: keiner von euch soll bis morgens früh zur Tür seiner Wohnung hinausgehen. Ferner heißt es:wohlan, mein Volk, geh in deine Kammern und schließe die Tür hinter dir zu. Ferner heißt es:draußen rafft das Schwert dahin und in den Gemächern der Schrecken. –

3Wozu ist das ‘ferner’ nötig? – Man könnte glauben, dies gelte nur nachts, nicht aber am Tage, so heißt es: wohlan, mein Volk, geh in deine Kammern und schließe die Tür hinter dir zu.

4Ferner könnte man glauben, dies gelte nur von dem Falle, wenn innen kein Schrekken vorhanden ist, wenn aber auch innen ein Schrecken vorhanden ist, sei es besser in Gesellschaft von Menschen zu verbringen, so heißt es: draußen rafft das Schwert dahin und in den Gemächern der Schrecken, obgleich auch in den Gemächern Schrecken herrscht; denn draußen rafft das Schwert dahin.

5Raba verstopfte zur Zeit der Seuche die Fenster, denn es heißt:denn der Tod ist in unsere Fenster emporgestiegen.

6Die Rabbanan lehrten: Ist Hungersnot in der Stadt, so zerstreue deine Schritte, denn es heißt:und es kam Hungersnot ins Land, da zog Abram nach Miçrajim hinab und ließ sich da nieder. Ferner heißt es: wenn wir beschließen, in die Stadt zu gehen, so werden wir dort, da in dieser Hungersnot herrscht, sterben. –

7Wozu ist das ‘ferner’ nötig? – Man könnte glauben, dies gelte nur von dem Falle, wenn da keine Lebensgefahr zu befürchten ist, nicht aber, wenn da Lebensgefahr zu befürchten ist, so heißt es:so laßt uns in das Lager Arams hinüberlaufen, lassen sie uns am Leben, so bleiben wir leben.

8Die Rabbanan lehrten: Ist eine Seuche in der Stadt, so gehe man nicht in der Mitte der Straße, weil der Todesengel in der Mitte der Straßen umhergeht, denn da ihm Freiheit gegeben ist, so geht er öffentlich; ist Friede in der Stadt, so gehe man nicht an den Seiten der Straße, denn da er keine Freiheit hat, so schleicht er im Verborgenen.

9Die Rabbanan lehrten: Ist eine Seuche in der Stadt, so gehe man nicht einzeln in ein Bethaus, weil der Todesengel da seine Geräte verwahrt. Dies jedoch nur dann, wenn daselbst keine Schulkinder die Schrift lesen und keine Zehn das Gebet verrichten.

10Die Rabbanan lehrten: Wenn Hunde wimmern, so ist der Todesengel in der Stadt eingetroffen; wenn Hunde lustig sind, so ist Elijahu in der Stadt eingetroffen. Dies jedoch nur dann, wenn sich keine Hündin unter ihnen befindet.

11R. Ami und R. Asi saßen vor R. Jiçḥaq dem Schmied; einer bat ihn, Halakha vorzutragen, und einer bat ihn, Agada vorzutragen. Wollte er eine Agada beginnen, so ließ es der eine nicht, wollte er eine Halakha beginnen, so ließ es der andere nicht.

12Da sprach er zu ihnen: Ich will euch ein Gleichnis sagen. Dies ist zu vergleichen mit einem Manne, der zwei Frauen hat, eine junge und eine alte; die junge rupft ihm die weißen Haare aus und die alte rupft ihm die schwarzen Haare aus, sodaß er endlich kahl an der einen Seite und kahl an der anderen Seite ist.

13Hierauf sprach er zu ihnen: Ich will euch etwas vortragen, was euch beiden gefallen wird. Wenn ein Feuer ausbricht und Dornen erfaßt, ausbricht, von selbst; so muß der, der das Feuer angestiftet hat, bezahlen; der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Ich habe in Çijon ein Feuer angezündet, wie es heißt:er zündete ein Feuer in Çijon an, das ihre Grundfesten verzehrte,

14und ich werde es dereinst mit Feuer wieder aufbauen, wie es heißt:und ich werde ihm, Spruch des Herrn, ringsum als feurige Mauer dienen und mich herrlich in ihm erzeigen. So soll der, der das Feuer angestiftet hat, bezahlen, der Heilige, gepriesen sei er, sprach: Ich habe zu bezahlen für das Feuer, das ich angestiftet habe.

15Eine Halakha: die Schrift beginnt mit der Schädigung durch sein Vermögen und schließt mit der persönlichen Schädigung, um dir zu sagen, daß die Feuerschädigung als Pfeil gelte.

16Da verspürte David Lust und sprach: Wer schafft mir Wasser zum Trinken aus dem Brunnen, der sich in Beth Leḥem am Tore befindet. Da brachen die drei Hlden in das Lager der Philister ein und schöpften Wasser aus dem Brunnen, der sich in Beth Leḥem am Tore befindet.

17Was fragte er sie? Raba erwiderte im Namen R. Naḥmans: Er befragte sie hinsichtlich des Verborgenen bei der Feuerschädigung, ob nach R. Jehuda oder nach den Rabbanan zu entscheiden sei, und sie entschieden es ihm.

18R. Hona erklärte: Die Philister hatten sich in Jisraéliten gehörenden Tennen versteckt, und er fragte sie, ob man sich durch das Vermögen seines Nächsten retten dürfe.

19Sie ließen ihm erwidern: Es ist verboten, sich durch das Vermögen seines Nächsten zu retten, du aber bist König, und kannst dir einen Weg brechen, ohne daß dich jemand daran hindern darf.

20Die Rabbanan, nach anderen Rabba b. Mari, erklärten wie folgt: Da waren Jisraéliten gehörende Gerstentennen und Philistern gehörende Linsentennen, und er fragte sie, ob man die Gerstentennen der Jisraéliten nehmen dürfe, um davon dem Vieh vorzuwerfen, und mit den Linsentennen der Philister bezahlen.

21Sie ließen ihm erwidern:Der Frevler gibt das Pfand zurück, er erstattet das Geraubte, obgleich er das Geraubte erstattet, ist er dennoch ein Frevler; du aber bist König, und kannst dir einen Weg brechen, ohne daß dich jemand daran hindern darf. –

22Einleuchtend ist es nach demjenigen, welcher sagt, er wollte tauschen, daß der eine Schriftvers lautet:dort war ein Stück Feld voll Linsen, und ein anderer Schriftvers lautet:da war ein Stück Feld voll Gerste;

23wie sind aber diese zwei Schriftverse zu erklären nach demjenigen, welcher sagt, er wollte sie verbrennen!? – Er kann dir erwidern: die Philister hatten sich auch in Jisraéliten gehörenden Linsentennen versteckt.

24– Einleuchtend ist es nach demjenigen, welcher sagt, er wollte sie verbrennen, daß es heißt:da stellte er sich mitten aufs Feld und rettetees, welche Rettung aber ist hier zu verstehen nach demjenigen, welcher sagt, er wollte tauschen!? –

25Er ließ nicht tauschen. –

26Erklärlich sind diese zwei Schriftverse nach diesen beiden Erklärungen,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.