Bava Mezia — Blatt 28a
1Wieso haben wir demnach gelernt, wer eine Rolle oder ein Bündel Schuldscheine findet, gebe sieab; ist es denn dem Schuldner lieb, daß man sie dem Gläubiger gebe!?
2Vielmehr, erklärte Raba, Kennzeichen sind nach der Tora [maßgebend], denn es heißt:Es soll bei dir verbleiben, bis dein Bruder danach forschen wird; könnte es denn einem in den Sinn kommen, daß man es ihm zurückgebe bevor er danach forscht? Vielmehr forsche du ihn aus, ob er ein Betrüger ist oder nicht; doch wohl durch Angabe von Kennzeichen. Schließe hieraus.
3Raba sagte: Wenn man sagen wollte, Kennzeichen seien nach der Tora [maßgebend]. – ‘Wenn man sagen wollte,’ er hat ja entschieden, Kennzeichen seien nach der Tora [maßgebend]!? – Weil zu erwidern ist, wie bereits erwidert worden ist. –
4Wenn[zwei] Kennzeichen [angeben], so lasse man esliegen; wenn [einer] Kennzeichen [angibt] und [einer] Zeugen hat, so gebe man es dem, der Zeugen hat; wenn [einer] Kennzeichen angibt und [einer] Kennzeichen [angibt] und einen Zeugen [hat], so ist der einzelne Zeuge als nicht vorhanden zu betrachten und man lasse es liegen.
5Wenn [einer] Zeugen des Webensund [einer] Zeugen des Verlierens [hat], so gebe man es dem, der die Zeugen des Verlierens hat, denn wir sagen, jener hat es verkauft und dieser hat es verloren.
6Wenn [einer] die Länge und einer die Breite angibt, so gebe man es dem, der die Länge angibt, denn die Breite läßt sich schätzen, wenn der Eigentümer [das Gewand] anlegt, dagegen aber läßt sich die Länge nicht schätzen.
7Wenn [einer] die Länge und die Breite und [einer] die Größe im Quadratangibt, so gebe man es dem, der die Länge und die Breite angibt.
8Wenn [einer] die Länge und die Breite und [einer] das Gewicht angibt, so gebe man es dem, der das Gewicht angibt.
9Wenn erdie Kennzeichen des Scheidebriefes und siedie Kennzeichen des Scheidebriefes angibt, so gebe man ihn ihr. – Welche [Kennzeichen]; wollte man sagen, die Länge und die Breite, so kann sie es ja gesehen haben, als er ihn hielt!? – Vielmehr: ein Loch befindet sich neben jenem Buchstaben.
10Wenn er die Kennzeichen des Fadensund sie die Kennzeichen des Fadens angibt, so gebe man ihn ihr. – Welche; wollte man sagen, ob er weiß oder rot ist, so kann sie es ja gesehen haben, als er ihn hielt!? – Vielmehr, die Länge desselben. –
11Wenn er sagt: [er lag] in einem Beutel, und sie sagt: in einem Beutel, so gebe man ihn ihm, denn sie weiß, daß er alles, was er hat, in seinen Beutel legt.
12WIE LANGE MUSS ER ES AUSRUFEN LASSEN? BIS DIE NACHBARN ES ER FAHREN – SO R. MEÍR; R. JEHUDA SAGT, DREI FESTEUND SIEBEN TAGE NACH DEM LETZTEN FESTE; DREI TAGE MUSS ERHEIMREISEN, DREI TAGE ZURÜCKKEHREN UND EINEN TAG AUSRUFEN HÖREN.
13GEMARA. Es wird gelehrt: Die Nachbarn der verlorenen Sache. – Wer sind unter ‘Nachbarn der verlorenen Sache’ zu verstehen, wollte man sagen, die Nachbarn des Eigentümers der verlorenen Sache, so sollte er sie doch diesem, wenn er bekannt ist, zurückgeben!? – Vielmehr, die Nachbarn des Ortes, wo die verlorene Sache gefunden wurde.
14R. JEHUDA SAGT &C.
15Ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Am dritten Marḥešvan beginnt man um Regen zu bitten; R. Gamliél sagt, am siebenten desselben; R. Jehošua͑ sagt, fünfzehn Tagenach dem Hüttenfeste, damit der letzte [Wallfahrer] in Jisraél den Euphrat erreichenkönne!?
16R. Joseph erwiderte: Das ist kein Widerspruch; eines gilt von der Zeit des ersten Tempels und eines gilt von der Zeit des zweiten Tempels.
17Während des ersten Tempels, wo die Jisraéliten zahlreich waren, wie es heißt:Jehuda und Jisraél waren sehr zahlreich, so massenhaft, wie der Sand am Ufer des Meeres, war ein solcher Zeitraum erforderlich; während des zweiten Tempels, wo die Jisraéliten nicht zahlreich waren, wie es heißt:die ganze Gemeinde betrug zusammen zweiundvierzigtausendsechshundertsechzig, war ein solcher Zeitraum nicht erforderlich.
18Abajje sprach zu ihm: Es heißt ja:und so wohnten die Priester und die Leviten &c. und die Türhüter und die Sänger und die Tempeldiener in ihren Städten und ganz Jisraél,
19und da es sich soverhielt, so ist ja das Entgegengesetzte einleuchtend: während des ersten Tempels, wo die Jisraéliten zahlreich waren, war der Verkehr stark und Karawanen reisten am Tage und in der Nacht, somit war ein solcher Zeitraum nicht erforderlich, vielmehr genügten drei Tage; während des zweiten Tempels dagegen, wo die Jisraéliten nicht zahlreich waren, war der Verkehr nicht stark und die Karawanen reisten nicht am Tage und in der Nacht, somit war ein solcher Zeitraum erforderlich!?
20Raba erwiderte: Bei einem Funde haben ihndie Rabbanan, einerlei ob beim ersten Tempel oder beim zweiten Tempel, nicht allzusehr belästigt.
21Rabina sagte: Hieraus ist zu entnehmen, daß er ‘Gewand’ ausrufe, denn wenn man sagen wollte, daß er ‘ein Fund’ ausrufe, so müßte man ihmja noch einen Tag zufügen, um seine Sachen zu untersuchen. Vielmehr ist hieraus zu entnehmen, daß er ‘Gewand’ ausrufe. Schließe hieraus.
22Raba sagte: Du kannst auch sagen, daß er ‘ein Fund’ ausrufe, denn bei einem Funde haben ihndie Rabbanan nicht allzusehr belästigt.
23Die Rabbanan lehrten: Am ersten Feste sage er: erstes Fest, am zweiten Fest sage er: zweites Fest, am dritten sage er nichts. –
24Weshalb denn, sollte er doch sagen: drittes Fest!? – Damit man es nicht mit dem zweiten verwechsle. –
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.