Bava Mezia — Blatt 33a

1Liegen, nicht aber wenn es zu liegenpflegt; liegen, nicht aber wenn es steht; unter seiner Last, nicht aber, wenn es abgeladenist; unter seiner Last, eine Last, die es tragen kann. Wenn man nun sagen wollte, die Tierquälerei sei [ein Verbot] der Tora, so ist es ja einerlei, ob es liegt oder zu liegen pflegt oder steht!? –

2Hier ist die Ansicht R. Jose des Galiläers vertreten, welcher sagt, die Tierquälerei sei ein rabbanitisches [Verbot].

3Dies ist auch einleuchtend, denn es heißt: unter seiner Last, eine Last, die es tragen kann, und derjenige, der diese Ansicht vertritt, ist R. Jose der Galiläer. Schließe hieraus. –

4Wieso kannst du [diese Lehre] R. Jose dem Galiläer addizieren, im Schlußsatze lehrte er ja unter seiner Last, nicht aber, wenn es abgeladen ist. Was ist nun unter ‘nicht abgeladen’ zu verstehen: wollte man sagen, man brauche dann überhaupt nicht [zu helfen], so heißt es ja:du sollst mit ihm aufrichten; vielmehr ist zu verstehen, abladen [helfen] brauche man nicht unentgeltlich, sondern gegen Bezahlung, und diejenigen, die dieser Ansicht sind, sind ja die Rabbanan!? – Tatsächlich nach R. Jose dem Galiläer, aber hinsichtlich des Aufladens vertritt sie die Ansicht der Rabbanan.

5Die Rabbanan lehrten:Wenn du siehst; man könnte glauben, auch aus der Ferne, so heißt es:wenn du begegnest; unter begegnest könnte man ein wirkliches Begegnen verstehen, so heißt es: wenn du siehst; wenn nämlich das Sehen dem Begegnen gleicht. Die Rabbanan berechneten: der siebeneinhalbte Teil eines Mil, gleich einem Ris.

6Es wird gelehrt: Er gehe mitihm eine Parasange. Rabba b. Bar Ḥana sagte: Er nehme dafür eine Belohnung.

7VON SEINEM VERLORENEN UND DEM VERLORENEN SEINES VATERS GEHT SEIN VERLORENESVOR; VON SEINEM VERLORENEN UND DEM VERLORENEN SEINES LEHRERS GEHT SEINES VOR;

8VOM VERLORENEN SEINES VATERS UND DEM VERLORENEN SEINES LEHRERS GEHT DAS SEINES LEHRERS VOR, DENN SEIN VATER BRACHTE IHN IN DIESE WELT, WÄHREND SEIN LEHRER, DER IHN WEISHEIT LEHRTE, IHN IN DAS LEBEN DER ZUKÜNFTIGEN WELT BRINGT. IST ABER SEIN VATER EIN GELEHRTER, SO GEHT DAS SEINES VATERS VOR.

9TRAGEN SEIN VATER UND SEIN LEHRER EINE LAST, SO NEHME ER SIE ZUERST SEINEM LEHRER AB UND NACHHER SEINEM VATER. BEFINDEN SICH SEIN VATER UND SEIN LEHRER IM GEFÄNGNISSE, SO LÖSE ER ZUERST SEINEN LEHRER AUS UND NACHHER SEINEN VATER; IST ABER SEIN VATER EIN GELEHRTER, SO LÖSE ER ZUERST SEINEN VATER AUS UND NACHHER SEINEN LEHRER.

10GEMARA. Woher dies? R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: Die Schrift sagt:jedoch soll es keinen Armen unter dir geben, deines geht dem eines jeden anderen Menschen vor.

11Ferner sagte R. Jehuda im Namen Rabhs: Wer genau danachhandelt, kommt schließlich dazu.

12TRAGEN SEIN VATER UND SEIN LEHRER EINE LAST &C. Die Rabbanan lehrten: Unter Lehrer, von dem sie sprechen, ist ein Lehrer zu verstehen, der ihn Weisheitlehrte, nicht aber ein Lehrer, der ihn die Schrift und die Mišna lehrte – so R. Meír. R. Jehuda sagt, von dem er den größten Teil seines Wissens hat. R. Jose sagt, auch wer einem die Augen nur in einer Mišna öffnete, heiße sein Lehrer.

13Raba sagte: Wie zum Beispiel R. Seḥora, der mir [die Bedeutung des Wortes] Somolistron erklärt hat. Šemuél zerriß sein Gewandüber einen Jünger, der ihm [folgende Stelle] erklärt hatte: mit einem [Schlüssel] mußte man den Arm durchstecken und mit dem anderen öffnete man geradeaus.

14U͑la sagte: Die Schriftgelehrten in Babylonienstehen vor einander auf und zerreißen über einander das Gewand; hinsichtlich des Verlorenen neben dem des Vaters beobachten sie esnur bei einem Hauptlehrer.

15R. Ḥisda fragte R. Hona: Wie verhält es sich mit einem Schüler, den sein Lehrer braucht? Dieser erwiderte: Ḥisda, Ḥisda, ich brauche dich nicht, du brauchst mich. Vierzig Jahre waren sie einander böse und besuchten einander nicht. R. Ḥisda verweilte vierzig Tage im Fasten, weil er R. Hona kränkte, und R. Hona verweilte vierzig Tage im Fasten, weil er R. Ḥisda verdächtigte.

16Es wurde gelehrt: R. Jiçḥaq b. Joseph sagte im Namen R. Joḥanans, die Halakha sei wie R. Jehuda; R. Aḥa b. R. Hona sagte im Namen R. Šešeths, die Halakha sei wie R. Jose. –

17Kann R. Joḥanan dies denn gesagt haben, R. Joḥanan sagte ja, die Halakha sei nach einer anonymen Lehre zu entscheiden, und wir haben gelernt: ein Lehrer, der ihn Weisheitlehrte!? – Unter Weisheit ist der größte Teil seines Wissens zu verstehen.

18Die Rabbanan lehrten: Befaßt man sich mit der Schrift, so ist dies etwas, aber nichts besonderes; wenn mit der Mišna, so ist dies etwas, und man erhält dafür auch eine Belohnung; wenn aber mit dem Talmud, so gibt es nichts bedeutenderes als dies. Laufe aber stets eher zur Mišna als zum Talmud. –

19Dies widerspricht sich ja selbst; zuerst heißt es: wenn aber mit dem Talmud, so gibt es nichts bedeutenderes als dies, und nachher heißt es: laufe aber stets eher zur Mišna als zum Talmud!? R. Joḥanan erwiderte:

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.