Bava Mezia — Blatt 58b
1das Entgegengesetzte leuchtetja ein!? Jener fragte: Soll ich [diese Lehre] streichen?
2Dieser erwiderte: Nein, dies ist wie folgt zu verstehen: Wegen des Heiligen, für das [der Eigentümer] haftbar ist, ist man schuldig, denn dieses ist einbegriffenin [den Worten] und es Gott ableugnet; und für das er nicht haftbar ist, ist man frei, denn dieses ist ausgeschlossendurch [die Worte] und es ableugnet seinem Nächsten.
3R. JEHUDA SAGT, AUCH WENN JEMAND EINE TORAROLLE, EINE PERLE ODER EIN VIEH VERKAUFT, GEBE ES HIERBEI KEINE ÜBERVORTEILUNG. Es wird gelehrt: R. Jehuda sagte: Auch wenn man eine Torarolle verkauft, gibt es hierbei keine Übervorteilung, weil deren Wert unbeschränkt ist. Bei einem Vieh und einer Perle gibt es ebenfalls keine Übervorteilung, weil man sie zu einem Paare haben will.
4Man entgegnete ihm: Man will ja auch alles andere zu einem Paare haben. – Und R. Jehuda!? – Diese sind besonders wertvoll, andere Dinge aber nicht. – Bis wieviel!? Amemar erwiderte: Bis zu ihrem Werte.
5Es wird gelehrt: R. Jehuda b. Bethera sagte: Wenn jemand im Kriege ein Pferd, ein Schwert oder ein Schildverkauft, so gibt es hierbei ebenfalls keine Übervorteilung, weil sie das Leben erhalten.
6WIE ES EINE ÜBERVORTEILUNGBEI KAUF UND VERKAUF GIBT, SO GIBT ES AUCH EINE KRÄNKUNGDURCH WORTE. MAN DARF NICHT NACH DEM PREISE EINER SACHE FRAGEN, WENN MAN SIE NICHT ZU KAUFEN BEABSICHTIGT. HAT JEMAND BUSSE GETAN, SO DARF MAN NICHT ZU IHM SAGEN: DENKE AN DEINE FRÜHEREN TATEN. STAMMT JEMAND VON PROSELYTEN, SO SAGE MAN NICHT ZU IHM: DENKE AN DIE TATEN DEINER VORFAHREN, DENN ES HEISST:einen Fremdlingsollst du nicht kränken und nicht bedrücken.
7GEMARA. Die Rabbanan lehrten:Ihr sollt euren Nächsten nicht kränken, die Schrift spricht von der Kränkung durch Worte. Du sagst, von der Kränkung durch Worte, vielleicht ist dem nicht so, sondern von geldlicher Übervorteilung? Wenn es heißt:wenn du etwas an deinen Nächsten verkaufst oder etwas aus der Hand deines Nächsten kaufst, so wird ja schon von der geldlichen Übervorteilung gesprochen, somit deutet [der Schriftvers]: ihr sollt euren Nächsten nicht kränken, auf die Kränkung durch Worte.
8Hat jemand beispielsweise Buße getan, so sage man nicht zu ihm: denke an deine früheren Taten. Stammt jemand von Proselyten, so sage man nicht zu ihm: denke an die Taten deiner Vorfahren. Wenn jemand Proselyt ist und die Tora lernen will, so sage man nicht zu ihm: ein Mund, der Aas, Totverletztes, Ekel- und Kriechtieregegessen hat, will nun die Tora lernen, die aus dem Munde der Allmacht gesprochen wurde.
9Kommen über jemand Züchtigungen, kommen über jemand Krankheiten, oder begräbt jemand seine Kinder, so spreche man nicht zu ihm, wie die Genossen zu Ijob sprachen:Ist deine Gottesfurcht nicht dein Vertrauen, und deine Hoffnung dein redlicher Weg. Bedenke doch, wer kam je schuldlos um.
10Suchen Eseltreiber Futter, so sage man nicht zu ihnen: geht zu jenem, er verkauft Futter, während man von jenem weiß, daß er niemals Futter verkauft hat. R. Jehuda sagte: Man darf auch, wenn man kein Geld hat, nicht die Augen auf eine Warerichten. Dies alles ist dem Herzenanvertraut, und von Dingen, die dem Herzen anvertraut sind, heißt es:du sollst dich vor deinem Gott fürchten.
11R. Joḥanan sagte im Namen des R. Šimo͑n b. Joḥaj: Die Kränkung durch Worte ist eine schwerere [Sünde] als die geldliche Übervorteilung, denn bei jener heißt es:du sollst dich vor deinem Gott fürchten, und bei dieser heißt es nicht: du sollst dich vor deinem Gott fürchten. R. Elea͑zar begründete: Jene betrifft seinen Körper, diese aber sein Vermögen. R. Šemuél b. Naḥmani begründete: Diese kann zurückgezahlt werden, jene aber kann nicht zurückgezahlt werden.
12Ein Jünger rezitierte vor R. Naḥman b. Jiçḥaq: Wenn jemand seinen Nächsten öffentlich beschämt, so ist es ebenso, als würde er Blut vergießen. Dieser sprach: Du hast recht; wir sehen auch, wie die Röte schwindetund die Blässe kommt. Abajje sprach zu R. Dimi: Wovor nehmen sie sich im Westenin acht? Dieser erwiderte: Vor der Beschämung [anderer], R. Ḥanina sagte nämlich: Alle steigen ins Fegefeuer hinab, ausgenommen drei. –
13Alle, wie kommst du darauf!? – Vielmehr, alle, die ins Fegefeuer hinabsteigen, kommen zurück herauf, ausgenommen drei, die hinabsteigen und nicht mehr heraufkommen. Folgende sind es: wer eine verheiratete Frau beschläft, wer seinen Nächsten öffentlich beschämt, und wer seinen Nächsten beim Spottnamen nennt. – Das Nennen beim Spottnamen gehört ja zur Beschämung!? – Auch in dem Falle, wenn er daran schon gewöhnt ist.
14Rabba b. Bar Ḥana sagte im Namen R. Joḥanans:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.