Bava Mezia — Blatt 85b

1Über diese Sache sprachen die Weisen, und sie erklärten es nicht, sprachen die Propheten, und sie erklärten es nicht, bis der Heilige, gepriesen sei er, selber es erklärt hat, denn es heißt :und der Herr sprach: weil sie meine Lehre, die ich ihnen gegeben habe, verlassen haben. R. Jehuda sagte im Namen Rabhs : Sie sprachen bei der Rezitation der Toranicht vorher den Segen.

2R. Ḥama sagte: Es heißt:im Herzen des Verständigen ruht Weisheit, aber im Innern der Toren gibt sie sich kund. Im Herzen des Verständigen ruht Weisheit, das ist ein Gelehrter, Sohn eines Gelehrten; aber im Innern der Toren gibt sie sich kund, das ist ein Gelehrter, Sohn eines Menschen aus dem gemeinen Volke. U͑la sagte: Das ist es, was die Leute sagen: ein [einzelner] Stater in der Büchse klappert immer.

3R. Jirmeja sprach zu R. Zera: Es heißt:Klein und Groß ist dort, und der Knecht ist frei von seinem Herrn. Wissen wir denn sonst nicht, daß Klein und Groß dort ist? Vielmehr: wer sich für Worte der Tora auf dieser Welt klein macht, wird groß in der zukünftigen Welt, und wer sich für Worte der Tora auf dieser Welt zum Knechte macht, wird frei in der zukünftigen Welt.

4Einst zeichnete Reš Laqiš die Grüfteder Gelehrten, und als er an die Gruft R. Ḥijas herankam, entschwand sie ihm; da wurde er betrübt und sprach: Herr der Welt, habe ich etwa nicht gleich ihm in der Tora disputiert!? Da ertönte eine Hallstimme und sprach zu ihm: Du hast wohl gleich ihm in der Tora disputiert, du hast aber nicht gleich ihm die Tora verbreitet.

5Wenn R. Ḥija und R. Ḥanina miteinander stritten, sprach R. Ḥanina zu R. Ḥija: Mit mir streitest du! Sollte, behüte und bewahre, die Tora in Jisraél in Vergessenheit geraten, so würde ich sie durch meine Disputation beleben. R. Ḥija aber erwiderte R. Ḥanina: Mit mir streitest du! Ich sorge dafür, daß die Tora nicht in Jisraél in Vergessenheit gerate.

6Ich tue folgendes: ich baue Flachs und flechte Netze, dann fange ich Hirsche und gebe das Fleisch den Waisen zu essen und fertige [aus den Häuten Pergament] rollen, auf die ich die fünf Bücher des Pentateuches schreibe. Sodann gehe ich zur Stadt, lese mit fünf Kindern die fünf Bücher des Pentateuches, lehre sechs Kinder die sechs Sektionen [der Mišna] und sage dann zu ihnen: Bis ich zurückkomme, leset miteinander die Schrift und lehret einander die Mišna. So wirke ich, daß die Tora nicht in Jisraél in Vergessenheit gerate.

7Das ist es, was Rabbi sagte: Wie bedeutend sind doch die Werke Ḥijas! R. Jišma͑él b. R. Jose sprach zu ihm: Auch [bedeutender] als die des Meisters? Dieser erwiderte: Freilich. – Auch als die meines Vaters? Dieser erwiderte: Behüte und bewahre, so etwas gibt es nicht in Jisraél.

8R. Zera erzählte: Gestern Nacht erschien mir R. Jose b. R. Ḥaninaund ich sprach zu ihm: Neben wem hast du deinen Platz? Er erwiderte mir: Neben R. Joḥanan. – Neben wem hat ihn R. Joḥanan? – Neben R. Jannaj. – Neben wem hat ihn R. Jannaj? – Neben R. Ḥanina. – Neben wem hat ihn R. Ḥanina? – Neben R. Ḥija. Darauf sprach ich zu ihm: R. Joḥanan hat ihn nicht neben R. Ḥija? Da erwiderte er mir: Wer sollte den Schmiedesohnauf einen Platz der Lichtfunken und Feuerflammen bringen?

9R. Ḥabiba sagte: Mir erzählte R. Ḥabiba b. Surmaqi folgendes. Einst sah ich einen Jünger, den Elijahu zu besuchen pflegte, dessen Augen, die abendsheil waren, morgensso aussahen, als wären sie durch Feuer versengt. Ich fragte ihn, woher dies komme; da erwiderte er mir: Ich bat Elijahu, mir die Gelehrten zu zeigen, wie sie ins himmlische Kollegium hinaufgehen. Da sprach er zu mir: Alle darfst du anschauen, den Sessel R. Ḥijas darfst du aber nicht anschauen. – Welches ist dessen Kennzeichen? – Neben allen anderen gehen Engel, wenn sie hinauf- und herabsteigen, nur nicht neben dem Sessel R. Ḥijas, der von selbst hinauf- und herabsteigt.

10Ich aber konnte mich nicht enthalten und schaute ihn an. Da trafen mich zwei Feuerfunken und blendeten mir die Augen. Am folgenden Morgen ging ich und warf mich auf seine Gruft nieder und sprach : Ich studiere die Lehre des Meisters ! Darauf genas ich.

11Elijahu pflegte im Lehrhause Rabbis zu verkehren. Einst verspätete er sich an einem Neumondtage und kam nicht. Hierauf fragte er ihn: Weshalb hat der Meister sich verspätet? Dieser erwiderte: Bis ich Abraham aufstehen ließ, ihm die Hände wusch und ihn, nachdem er gebetet, wieder niederlegte, und ebenso Jiçḥaq und ebenso Ja͑qob. – Hätte er sie doch gleichzeitig aufstehen lassen!? – Ich dachte, sie könnten zu inbrünstig um Erbarmen flehen und den Messias vor der Zeit eintreffen lassen.

12Alsdann fragte er ihn: Gibt es ihresgleichen in dieser Welt? Dieser erwiderte: Es gibt R. Ḥija und seine Söhne. Hierauf ordnete Rabbi einen Fasttag an und ließ R. Ḥija und seine Söhne hinabsteigen. Als er dann sprach: ‘erläßt den Wind wehen’, begann ein Wind zu wehen, als er sprach: ‘erläßt den Regen herniederfallen’, kam Regen, und als er darauf begann: ‘derdie Toten belebt’, erbebte das Weltall.

13Da sprachen sie im Himmel: Wer hat das Geheimnis in der Welt offenbart? Man erwiderte: Elijahu. Hierauf holte man Elijahu und versetzte ihm sechzig Feuerschläge. Da nahm er die Gestalt eines feurigen Bären an und lief zwischen sieund verwirrte sie.

14Šemuél der Kalenderkundige war der Arzt Rabbis. Als einst Rabbi an den Augen erkrankte, sprach er zu ihm: Ich will dir eine Mixtur einträufeln. Dieser erwiderte: Das ertrage ich nicht. – Ich will sie dir äußerlich bestreichen. – Das ertrage ich ebenfalls nicht. Hierauf legte er ihm ein Rohr mit einer Mixtur unter das Kopfkissen, und er genas.

15Hierauf quälte sich Rabbi sehr, ihn zu ordinieren, es gelang ihm aber nicht. Da sprach jener: Mag der Meister sich weiter nicht quälen; ich sah das Buch Adam des Urmenschen, und in diesem steht geschrieben: Šemuél der Kalenderkundige

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.