Bechorot — Blatt 40b
1und einst kam ein Fall vor, daß die untere Kinnlade über die obere vorstand, da befragte R. Gamliél die Weisen, und sie sagten, dies sei ein Leibesfehler. –
2Dieshaben wir ja aber von Menschen gelernt: wenn die obere Lippe über die untere oder die untere über die obere vorsteht, so ist dies ein Leibesfehler. Nur bei Menschen., denn es heißt:jedermann vom Samen Ahrons, nur ein Mann, der dem Samen Ahrons gleicht, nicht aber gilt dies von einem Vieh!?
3R. Papa erwiderte: Das ist kein Einwand; eines, wenn der Knochen darinist, und eines, wenn der Knochen nicht darin ist.
4WENN EIN BÖCKCHEN EIN GEDOPPELTES OHR HAT, SO IST DIES, WIE DIE WEISEN SAGTEN, WENN ES EIN KNOCHENIST, EIN LEIBESFEHLER, UND WENN ES NICHT EIN KNOCHENIST, KEIN LEIBESFEHLER. R. ḤANANJA B. GAMLIÉL SAGT, WENN DER SCHWANZ EINES BÖCKCHENS DEM EINES SCHWEINES GLEICHT, ODER WENN ES KEINE DREI WIRBEL HAT, SEI DIES EIN LEIBESFEHLER.
5GEMARA. Die Rabbanan lehrten: Ist ihm das Maul zusammengeschrumpft, sind ihm die Füße zusammengeschrumpft, so ist dies, wenn durch den Abstand, kein Leibesfehler, und wenn durch den Knochen, ein Leibesfehler. Sind seine Ohren gedoppelt, so ist dies, wenn mit einer Ohrmuschel, ein Leibesfehler, wenn mit zwei Ohrmuscheln, kein Leibesfehler.
6R. GAMLIÉL SAGT, WENN DER SCHWANZ EINES BÖCKCHENS DEM EINES SCHWEINES GLEICHT. R. Papa sagte: Man sage nicht, wenn er so dünn ist, sondern so geringelt, auch wenn dick.
7ODER WENN ER KEINE DREI WIRBEL HAT &C. R. Hona sagte: Bei einem Böckchen sind zwei ein Leibesfehler, drei kein Leibesfehler; bei einem Lamme sind drei ein Leibesfehler, vier kein Leibesfehler. Man wandte ein: bei einem Böckchen ist einer ein Leibesfehler, zwei kein Leibesfehler: bei einem Lamme sind zwei ein Leibesfehler, drei kein Leibesfehler. Dies ist eine Widerlegung R. Honas. –
8Und R. Hona!? – Ihn hat unsre Mišna irregeführt; er glaubte, wenn der Anfangsatz von einem Böckchen spricht, spreche auch der Schlußsatz von einem Böckchen, dem ist aber nicht so; der Anfangsatz von einem Böckchen, der Schlußsatz von einem Lamme.
9R. ḤANINA B. ANTIGONOS SAGTE: WENN ES EINE BLATTER AM AUGE HAT; WENN DER KNOCHEN AN SEINEM VORDERFUSSE ODER SEINEM HINTERFUSSE VERLETZT IST, WENN IHM DER KNOCHEN IM MAULE GELÖST IST; WENN EINES SEINER AUGEN GROSS UND EINES KLEIN IST; WENN EINES SEINER OHREN GROSS UND EINES KLEIN IST, UND ZWAR ZU SEHEN UND NICHT GEMESSEN. R. JEHUDA SAGT, AUCH WENN EINE VON SEINEN BEIDEN HODEN SO GROSS IST WIE ZWEI VON DER ANDREN; DIE WEISEN ABER PFLICHTEN IHM NICHT BEI.
10GEMARA. Demnach ist eine Blatter ein Leibesfehler; ich will auf einen Widerspruch hinweisen: Auf Grund folgender schlachte man nicht, weder im Tempel noch in der Provinz: mit einem Grinde und mit einer Blatter behaftet!? –
11Glaubst du: die Blatter ist ja ausdrücklich in der Toragenannt. Vielmehr ist dies kein Widerspruch; eines, wenn am Körper, und eines, wenn am Auge. –
12Merke, die Schrift spricht ja allgemein, was ist nun der Unterschied, ob am Körper oder am Auge!? – Vielmehr, dies ist kein Widerspruch; eines, wenn mit einem Knochen, und eines, wenn ohne Knochen.
13Die Schrift spricht von dem Falle, wenn mit einem Knochen, die Mišna, wenn ohne Knochen; dann ist es am Auge ein Leibesfehler, am Körper aber kein Leibesfehler. –
14Ist es denn, wenn ohne Knochen, am Körper untauglich, es ist ja nur eine Fleischwarze, und wir haben gelernt, R. Elie͑zer sagt, die mit Fleischwarzen behafteten seien beim Menschen untauglich und beim Vieh tauglich!? – Vielmehr, beides am Auge, dennoch besteht hier kein Widerspruch; eines, wenn an der Pupille, und eines, wenn am Weißen. –
15Am Weißen ist es ja kein Leibesfehler!? – Vielmehr, beides am Weißen, und dies ist, wie Reš Laqiš sagte, kein Widerspruch; eines, wenn Haare daran sind, und eines, wenn keine Haare daran sind.
16WENN EINES SEINER AUGEN GROSS IST &C. Es wird gelehrt: Groß, wie das eines Kalbes, klein, wie das einer Gans.
17WENN EINES SEINER OHREN GROSS IST &C. Bis zu welcher [Größe] nach den Rabbanan? – Es wird gelehrt: Manche sagen, auch wenn das andre nur bohnengroß ist, sei es tauglich.
18WENN DER SCHWANZ EINES KALBES NICHT BIS ZUM KNIEGELENKE REICHT. DIE WEISEN SPRACHEN: DIES IST JA BEI DEN MEISTEN KÄLBERN DER FALL; JE MEHR SIE WACHSEN, DESTO LÄNGER WIRD ER. WAS HEISST KNIEGELENK, VON DEM SIE SPRECHEN? R. ḤANINA B. ANTIGONOS ERWIDERTE: DAS KNIEGELENK IN DER MITTE DES SCHENKELS.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.