Bechorot — Blatt 41a
1GEMARA. Es wird gelehrt: Die obere Gelenkkapsel und nicht die untere, wie es beim Kamel zu sehen ist.
2WEGEN DIESER LEIBESFEHLER SCHLACHTE MAN DAS ERSTGEBORENE, UND WEGEN DIESER SIND UNTAUGLICH GEWORDENE OPFER AUSZULÖSEN.
3GEMARA. Wozu ist dies weiter nötig, er lehrte ja bereits im Anfangsatze, wegen dieser Leibesfehler schlachte man das Erstgeborene!? – Der Schlußsatz ist nötig, daß man nämlich wegen dieser untauglich gewordene Opfer auslöse. – Auch dies ist ja selbstverständlich, wenn man sogar schlachten darf, um wieviel mehr auslösen!? –
4Vielmehr, da er von dreien lehrt, die man hinzugefügt hat, und sie gesagt haben, sie hätten es von diesen nicht gehört, dies also eine Einzelansicht ist, lehrt er von allen abschließend: wegen dieser Leibesfehler schlachte man das Erstgeborene, und untauglich gewordene Opfer sind wegen dieser auszulösen.
5AUF GRUND FOLGENDER [LEIBESFEHLER] SCHLACHTE MAN NICHT, WEDER IM TEMPELNOCH IN DER PROVINZ: WENN EIN WEISSER FLECK ODER WASSER SICH [IM AUGE] BEFINDEN, NICHT BLEIBEND; WENN DIE HINTEREN ZÄHNE BESCHÄDIGT SIND, ABER NICHT ENTWURZELT, WENN ES MIT EINEM GRINDE, EINER BLATTER ODER EINER FLECHTE BEHAFTET IST, WENN ES ALT, KRANK ODER STINKIG IST, WENN DAMIT EINE SÜNDE BEGANGEN WORDEN IST, WENN ES EINEN MENSCHEN GETÖTET HAT UND NUR EIN ZEUGE ODER DER EIGENTÜMERES BEKUNDET,
6DAS GESCHLECHTSLOSE UND DER ZWITTER; WEDER IM TEMPPEL NOCH IN DER PROVINZ. R. ŠIMO͑N SAGTE: DU HAST KEINEN GRÖSSEREN LEIBESFEHLER ALS DIES. DIE WEISEN SAGEN: DIESES IST GAR KEIN ERSTGEBORENES, VIELMEHR DARF ES ZUR SCHUR UND ZUR ARBEIT VERWANDT WERDEN.
7GEMARA. Ist es denn der Grind nicht, der Grind wird ja in der Toragenannt, und ist es denn die Flechte nicht, es heißt ja in der Tora Jalepheth, und es wird gelehrt: Grind, das ist der harte Grind, Jalepheth, das ist die ägyptische Flechte!? Und hierzu sagte Reš Laqiš, sie heiße deshalb Jalepheth, weil sie sich an den Menschen heftetund ihm anhaftet bis zum Tage seines Todes.
8Allerdings besteht hier hinsichtlich der Flechte kein Widerspruch, denn eines gilt von der ägyptischen Flechte und eines gilt von der gewöhnlichen Flechte, hinsichtlich des Grindes aber besteht ja ein Widerspruch!? – Auch hinsichtlich des Grindes besteht kein Widerspruch, denn eines gilt vom feuchten und eines gilt vom trocknen, der feuchte heilt, der trockne aber heilt nicht. –
9Heilt denn der feuchte, es heißt ja:der Herr wird dich mit dem Geschwüre Miçrajims schlagen &c, und da es nochmit Krätze heißt, so ist ja vom feuchten Grinde die Rede, und es heißt weiter:von dem du nicht geheilt werden wirst!? –
10Vielmehr, es gibt dessen drei; der in der Schrift genannte ist innen und außen trocken, der in der Mišna genannte ist außen und innen feucht, und der ägyptische ist innen trocken und außen feucht, denn es heißt:es ward zum Geschwüre, das in Blattern ausschlug an Mensch [und Vieh].
11ALT, KRANK ODER STINKIG. Woher dies? – Die Rabbanan lehrten: Von den Schafen, von den Lämmern und von den Ziegen, ausgenommen das Alte, das Kranke und das Stinkige.
12Und alles ist nötig. Würde der Allbarmherzige nur eines zur Ausschließung eines Alten geschrieben haben, so könnte man glauben, weil es nicht wieder kräftig wird, nicht aber gelte dies von einem Kranken, das wieder kräftig wird. Und würde er nur eines zur Ausschließung eines Kranken geschrieben haben, so könnte man glauben, weil es außergewöhnlich ist, nicht aber gelte dies von einem Alten, das gewöhnlich ist.
13Und würde der Allbarmherzige zwei zur Ausschließung dieser geschrieben haben, so könnte man glauben, weil sie abgemagert sind, nicht aber gelte dies vom Stinkigen, das nicht abgemagert ist. Und wenn zur Ausschließung des Stinkigen, so könnte man glauben, weil es widerwärtig ist, nicht aber gelte dies von jenen, die nicht widerwärtig sind. Daher ist alles nötig.
14MIT DEM EINE SÜNDE BEGANGEN WORDEN IST. Woher dies? –
15Die Rabbanan lehrten:Vom Vieh, dies schließt das aktiv oder passiv zur Bestialität verwandte aus; vom Rinde, dies schließt das götzendienstlich angebetete aus; vom Schafe, dies schließt das [für den Götzendienst] reservierte aus; und vom Schafe, dies schließt das stößige aus. –
16Diese sind ja zu töten!? – Wenn ein einzelner Zeugeoder der Eigentümer es bekundet.
17DAS GESCHLECHTSLOSE &C. Allerdings kein Geschlechtsloses im Tempel, weil es vielleicht ein Weibchen ist, auch nicht in der Provinz, weil es vielleicht ein Männchen ist und kein Gebrechen hat,
18weshalb aber kein Zwitter; allerdings nicht im Tempel, weil es vielleicht ein Weibchen ist, in der Provinz aber sollte doch, selbst wenn es ein Männchen ist, die weibliche Scham als Einschnittgelten und es daraufhin geschlachtet werden!?
19Abajje erwiderte: Die Schrift sagt:ein Eingeschnittenes oder ein Gebrochenes; das Eingeschnittene gleicht dem Gebrochenen: wie das Gebrochene an einer Knochenstelle, ebenso das Eingeschnittene an einer Knochenstelle.
20Raba erwiderte: Auch ohne [Vergleichung mit dem] Gebrochenen kannst du nicht sagen, ein Spalt an einer Fleischstelle sei ein Leibesfehler. Es heißt:und sein Aussehen tiefer als die Haut erscheint, wie die sonnige [Stelle] tiefer erscheint als die schattige. Da nun [der Meister] sagte, Grind sei der harte Grind, so machte er ja eine Vertiefung, und wenn man sagen sollte, diessei ein Leibesfehler, so sollte es doch der Allbarmherzige nur vom Einschnitt und nicht vom Grinde geschrieben, und ich würde gefolgert haben: wenn der Einschnitt, der nicht widerwärtig ist, ein Leibesfehler ist, um wieviel mehr der Grind, der widerwärtig ist.
21Der Allbarmherzige schrieb es daher vom Grinde, um zu sagen, daß der Einschnitt an einer Fleischstelle kein Leibesfehler sei.
22R. JIŠMA͑ÉL SAGTE: DU HAST KEINEN GRÖSSEREN LEIBESFEHLER ALS DIES. Erist nicht der Ansicht Abajjes, denn wir sagen nicht, das Eingeschnittene gleiche dem Gebrochenen,
23und er ist auch nicht der Ansicht Rabas, denn diesgilt vielleicht nur dann, wenn es nicht sehr kenntlich ist, ist es aber sehr kenntlich, so heißt es hierüber:böser Leibesfehler.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.