Bechorot — Blatt 42b
1b. Jehuda, das Geschlechtslose sei ein Wesen für sich und nicht heilig. – Nein, alle sind der Ansicht, über das Wesen des Geschlechtslosen bestehe kein Zweifel, der Zweifel besteht nur, ob es männlich oder weiblich ist.
2Uriniert es aus der männlichen Stelle, so stimmen alle überein, daß es männlich ist, sie streiten nur über den Fall, wenn es aus der weiblichen Stelle uriniert; einer ist der Ansicht, man berücksichtige, seine Männlichkeit könnte in Weiblichkeit verwandelt worden sein, und einer ist der Ansicht, man berücksichtige dies nicht. So lehrte auch R. Elea͑zar: Wenn ein [geschlechtsloses] Vieh aus der weiblichen Stelle uriniert, so ist es profan.
3R. Joḥanan staunte darüber: wer ist es, der weder den ersten Autor noch R. Jišma͑él beachtet!? – Sollte doch R. Joḥanan auch gesagt haben: und nicht die letzteren Rabbanan beachtet, denn R. Ḥisda sagte, der Streit bestehe nur über den Zwitter, während über das Geschlechtslose alle übereinstimmen, daß es zweifelhaft sei!? –
4R. Joḥanan hält nichts von dem, was R. Ḥisda gesagt hat. – Wenn er davon nichts hält, sollte er doch gesagt haben, ersei der Ansicht der letzten Rabbanan!? – Das sagte er auch: wer übergeht zwei und entscheidet nach einem. –
5Wessen Ansicht ist R. Elea͑zar? – Wie Reš Laqiš gesagt hat: Daß über den Geschlechtslosen ein Zweifel bestehe, sagten sie nur vom Menschen, weil bei ihm die Männlichkeit und die Weiblichkeit an derselben Stellesind, beim Vieh aber ist es, wenn es aus der männlichen Stelle uriniert, männlich, und wenn es aus der weiblichen Stelle uriniert, weiblich.
6R. Oša͑ja wandte ein: Es ist ja zu berücksichtigen, seine Männlichkeit könnte in Weiblichkeit verwandelt worden sein!? Jener erwiderte: Also nach R. Meír, der die Minderheit berücksichtigt!?
7Abajje b. Abin und R. Ḥananja b. Abin sagten beide: Du kannst auch sagen, nach den Rabbanan, denn da es anormal ist, ist es anormal. – Manche sagen, es sei eine Verwandlung anzunehmen, und manche sagen, eine Verwandlung sei nicht anzunehmen.
8Es wäre anzunehmen, daß darüber, ob eine Verwandlung anzunehmen ist oder eine Verwandlung nicht anzunehmen ist, Tannaím streiten. Es wird nämlich gelehrt: Hat ein Geschlechtsloser sich [eine Frau] angetraut, so ist die Antrauung gültig, hat man ihn angetraut, so ist die Antrauung gültig;
9er kann die Ḥaliça vollziehen, man kann an seiner Frau die Ḥaliça vollziehen, und man kann an seiner Frau die Schwagerehe vollziehen. Dagegen lehrt ein Andres: An der Frau eines Geschlechtslosen ist die Ḥaliça zu vollziehen, nicht aber ist an ihr die Schwagerehe zu vollziehen.
10Sie glaubten, alle seien der Ansicht R. A͑qibas, welcher sagt, der Naturkastratkönne weder die Ḥaliça noch die Schwagerehe vollziehen.
11Ihr Streit besteht wahrscheinlich in folgendem: nach demjenigen, welcher sagt, er vollziehe die Ḥaliça und man vollziehe an seiner Frau die Ḥaliça und die Schwagerehe, sage man nicht, da er anormal ist, kann an ihm eine Verwandlung eingetreten sein,
12und nach demjenigen, welcher sagt, an ihr sei die Ḥaliça und nicht die Schwagerehe zu vollziehen, sage man, da er anormal ist, kann an ihm eine Verwandlung eingetreten sein. –
13Nein, alle sind der Ansicht, man sage, da er anormal ist, kann an ihm eine Verwandlung eingetreten sein, nur lehrt eines nach R. Elie͑zer und eines nach R. A͑qiba. –
14Wer lehrt nach R. A͑qiba, wollte man sagen, R. Jehuda, so macht er ihn ja entschieden zum Kastraten,
15denn wir haben gelernt: R. Jehuda sagt, wenn ein Geschlechtsloser aufgerissenund als Mann befunden wird, dürfe er die Ḥaliça nicht vollziehen, weil er einem Kastraten gleicht. –
16Vielmehr, es ist R. Jose b. R. Jehuda, denn es wird gelehrt: R. Jose b. R. Jehuda sagt, der Geschlechtslose vollziehe nicht die Ḥaliça, denn er kann aufgerissen und als Naturkastrat befunden werden. –
17Wird denn jeder, der aufgerissen wird, nur als Mann und nicht als Weib befunden!? – Er meint: vielleicht; er kann aufgerissen und vielleicht als Weib befunden werden,
18und selbst wenn als Mann, kann er vielleicht als Naturkastrat befunden werden. – Welchen Unterschied gibt es zwischen ihnen? Raba erwiderte:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.