Berachot — Blatt 10b

1R. Ḥanan sagte: Selbst wenn der Traumengel zu einem Menschen sagt, daß er morgen sterben werde, verzweifle er nicht an der Barmherzigkeit, denn es heißt: wo viele Träume, da Eitelkeit und viele Worte; vielmehr fürchte Gott.

2Hierauf: da kehrte Ḥizqijahu sein Antlitz zur Wand und betete zum Herrn. –

3Worauf deutet [das Wort] Wand? R. Šimo͑n b. Laqiš erwiderte: Daß er aus den Wänden seines Herzens [betete], wie es beißt: mein Eingeweide, mein Eingeweide, ich bete aus den Wänden meines Herzens.

4R. Levi erwiderte: In betreff der Wand. Er sprach nämlich vor ihm: Herr der Welt, wenn du den Sohn der Šunamith, die nur eine kleine Wand gemacht hatte, wiederbelebt hast, um wieviel mehr mich, wo doch mein Ahnherr den ganzen Tempel mit Silber und Gold bedeckt hat! Gedenke doch, daß ich vor dir gewandelt bin in Wahrheit und mit ganzem Herzen, und was recht ist in deinen Augen, habe ich getan. –

5Was bedeuten [die Worte]: und was recht ist in deinen Augen, habe ich getan? – R. Jehuda erwiderte im Namen Rabhs: Er hat den Erlösungssegen an das Gebet angeschlossen. R. Levi sagte, er habe das Heilmittelbuch versteckt.

6Die Rabbanan lehrten: Sechs Verfügungen traf der König Ḥizqijahu; in dreien stimmten sie ihm bei, in dreien stimmten sie ihm nicht bei.

7In dreien stimmten sie ihm bei: er versteckte das Heilmittelbuch, und sie stimmten ihm bei; er zertrümmerte die kupferne Schlange, und sie stimmten ihm bei; er schleifte die Gebeine seines Vaters auf einer Strickbahre, und sie stimmten ihm bei.

8In dreien stimmten sie ihm nicht bei: er sperrte das Wasser des Gihon ab, und sie stimmten ihm nicht bei; er zerschlug die Tempeltüren und schickte sie dem König von Ašur, und sie stimmten ihm nicht bei; er machte den Nisan im Nisan zum Schaltmonat, und sie stimmten ihm nicht bei. –

9Kannte denn Ḥizqijahu nicht [den Schriftvers]: dieser Monat sei euch der erste der Monate, nur dieser soll Nisan sein, nicht aber soll ein anderer Nisan sein? –

10Vielmehr, er irrte sich in [der Lehre] Šemuéls. Šemuél sagte nämlich: Man mache am dreißigsten Tage des Adar das Jahr nicht mehr zum Schaltjahre, weil es möglich ist, daß man ihn zum Nisan hinzuzieht. Er aber war der Ansicht, daß wir die Möglichkeit nicht berücksichtigen.

11R. Joḥanan sagte im Namen des R. Jose b. Zimra: Wer sich auf sein eigenes Verdienst beruft, bei dem berücksichtigt man das Verdienst anderer, und wer sich auf das Verdienst anderer beruft, bei dem berücksichtigt man sein eigenes Verdienst.

12Moše berief sich auf das Verdienst anderer, denn es heißt: gedenke doch deiner Knechte Abraham, Jiçḥaq und Jisraél, und man berücksichtigte sein eigenes Verdienst, denn es heißt: er gedachte sie zu vertilgen, wenn ihm nicht sein Aaserwählter, Moše, in den Riß getreten wäre, um seinen Grimm abzuwenden, daß er nicht verderbe.

13Ḥizqijahu hingegen berief sich auf sein eigenes Verdienst, denn es heißt: gedenke doch, daß ich vor dir gewandelt, und man berücksichtigte bei ihm das Verdienst anderer, denn es heißt: ich werde diese Stadt schützen, sie zu retten, um meinetwillen und um meines Knechtes David willen. Das ist es, was R. Jehošua͑ b. Levi gesagt hat; denn R. Jehošua͑ b. Levi sagte: Siehe, um den Frieden ist es mir bitter, o bitter; selbst zur Stunde, wo der Heilige, gepriesen sei er, ihm Frieden geschickt hatte, war es ihm bitter.

14Wir wollen ein kleines Wandobergemach errichten.

15Rabh und Šemuél [streiten hierüber]. Einer sagt, es war ein offenes Obergemach, und sie bedachten es, und einer sagt, es war eine große Halle, und sie teilten sie in zwei Teile. –

16Erklärlich ist es nach demjenigen, welcher sagt, es war eine Halle, daß es Wand heißt, was aber bedeutet Wand nach demjenigen, welcher sagt, es war ein offenes Obergemach!? –

17Daß sie es bedachten. –

18Erklärlich ist es nach demjenigen, welcher sagt, es war ein Obergemach, daß es Obergemach heißt, was aber bedeutet Obergemach nach demjenigen, welcher sagt, es war eine Halle!? –

19Das gemächlichste im Haus.

20Und wir wollen ihm dort Bett, Tisch, Stuhl und Lampe hineinsetzen.

21Abajje, nach anderen, R. Jiçḥaq, sagte: Wer [von Fremden] genießen will, genieße, wie Eliša͑, wer aber nicht genießen will, genieße nichts, wie Šemuél aus Rama, denn es heißt: und er pflegte nach Rama zurückzukehren, denn dort hatte er sein Haus, worüber R. Joḥanan sagte, wo er hinging, führte er sein Haus mit sich.

22Und sie sprach zu ihrem Manne: Siehe, ich weiß, daß er ein heiliger Gottesmann ist. R. Jose b. Ḥanina sagte: Hieraus, daß die Frau die Gäste besser erkennt als der Mann.

23Ein Heiliger. Woran merkte sie dies? – Rabh und Šemuél [streiten hierüber]. Einer sagt, sie bemerkte niemals eine Fliege über seinen Tisch fliegen, und einer sagt, sie hatte ein Linnentuch über sein Bett gebreitet und niemals daran Samenerguß bemerkt.

24Er ein Heiliger. R. Jose b. R. Ḥanina sagte: Er ist ein Heiliger, sein Diener ist kein Heiliger, denn es heißt: und Geḥazi trat hinzu, sie wegzustoßen, und R. Jose b. R. Ḥanina sagte, er faßte sie beim Herrlichsten ihrer Reize.

25Es zieht an uns beständig vorüber. R. Jose b. R. Ḥanina sagte im Namen des R. Elie͑zer b. Ja͑qob: Wer einen Schriftgelehrten in seinem Hause beherbergt und ihn von seinen Gütern genießen läßt, dem rechnet die Schrift es an, als hätte er das beständige Opfer dargebracht.

26Ferner sagte R. Jose b. R. Ḥanina im Namen des R. Elie͑zer b. Ja͑qob: Man stehe beim Beten nicht auf einem hohen Platze, sondern auf einem niedrigen (Platze), denn es heißt: aus den Tiefen rufe ich zu dir, o Herr.

27Desgleichen wird gelehrt: Man stehe beim Beten weder auf einem Stuhl, noch auf einem Schemel, noch auf sonst einem hohen Platze, sondern auf einem niedrigen (Platze), weil es vor Gott keine Erhöhung gibt, denn es heißt; aus den Tiefen rufe ich zu dir, o Herr; ferner: das Gebet eines Armen, der verschmachtet.

28Ferner sagte R. Jose b. R. Ḥanina im Namen des R. Elie͑zer b. Ja͑qob: Der Betende muß seine Füße gerade richten, denn es heißt: und ihre Füße waren grade.

29R. Jiçḥaq sagte im Namen R. Joḥanans im Namen des R. Jose b. R. Ḥanina im Namen des R. Elie͑zer b. Ja͑qob: Es heißt: esset nicht mit dem Blut: esset nicht, bevor ihr für euer Blut gebetet habt.

30Ferner sagte R. Jiçḥaq im Namen R. Joḥanans im Namen des R. Jose b. R. Ḥanina im Namen des R. Elie͑zer b. Ja͑qob: Wer vorher ißt und trinkt und nachher erst betet, über den sagt die Schrift: und mich hast du hinter deinen Rücken geschleudert, und man lese nicht gevekha [Rücken], sondern geékha [Übermut]. Der Heilige, gepriesen sei er, spricht: Nachdem sich dieser übermütig gemacht hat, unterwirft er sich der himmlischen Herrschaft.

31R. JEHOŠUA͑ SAGT, BIS DREI STUNDEN. R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls: Die Halakha ist, wie R. Jehošua͑.

32WER VON DA AB LIEST, HAT NICHTS VERLOREN.

33R. Ḥisda sagte im Namen Mar U͑qabas: Er darf dann aber [das Gebet] ‘Schöpfer des Lichtes’ nicht lesen.

34Man wandte ein: Wer von da ab liest, hat nichts verloren, als wenn jemand in der Tora liest; jedoch sage er zwei Segenssprüche vorher und einen nachher. Dies ist eine Widerlegung R. Ḥisdas. Eine Widerlegung.

35Manche sagen: R. Ḥisda sagte im Namen Mar U͑qabas: Unter ‘er hat nichts verloren’ ist zu verstehen, er habe die Segenssprüche nicht verloren. Desgleichen wird gelehrt: Wer von da ab liest, hat nichts verloren, als wenn jemand in der Tora liest; jedoch sage er zwei Segenssprüche vorher und einen nachher her.

36R. Mani sagte: Größer ist, wer das Šema͑ zur Zeit liest, als der, der sich mit der Tora befaßt. Er lehrt, wer von da ab liest, habe nichts verloren, [es sei] als wenn jemand in der Tora liest; demnach ist das rechtzeitige Šema͑lesen zu bevorzugen.

37DIE SCHULE ŠAMMAJS SAGT, AM ABEND LESE MAN [DAS ŠEMA͑] ANGELEHNT, UND AM MORGEN STEHE MAN, DENN ES HEISST: wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst;

38DIE SCHULE HILLELS SAGT, JEDER LESE AUF SEINE WEISE, DENN ES HEISST: wenn du auf dem Wege gehst.

39WIESO ABER HEISST ES DEMNACH: wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst? – ZUR STUNDE, DA DIE MENSCHEN SICH NIEDERLEGEN, UND ZUR STUNDE, DA DIE MENSCHEN AUFSTEHEN.

40R. TRYPHON ERZÄHLTE: EINST BEFAND ICH MICH UNTERWEGS UND LEHNTE MICH AN, UM DAS ŠEMA͑ NACH DER ANSICHT DER SCHULE ŠAMMAJS ZU LESEN; ICH SETZTE MICH DER GEFAHR AUS, WEGEN DER RÄUBER.

41MAN ERWIDERTE IHM: DU HAST ES VERDIENT, SELBER SCHULD ÜBER DICH ZU BRINGEN, WEIL DU DIE WORTE DER SCHULE HILLELS ÜBERTRETEN HAST.

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.