Berachot — Blatt 11a
1GEMARA. Allerdings erklärt die Schule Hillels ihren Grund und [widerlegt] den Grund der Schule Šammajs, weshalb aber lehrt die Schule Šammajs nicht wie die Schule Hillels? –
2Die Schule Šammajs kann dir erwidern: demnach müßte die Schrift sagen: am Morgen und am Abend, es heißt aber: wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst; [dies bedeutet:] beim Niederlegen wirklich liegend, beim Aufstehen, wirklich stehend. –
3Wofür verwendet die Schule Šammajs [die Worte] wenn du auf dem Wege gehst? –
4Dieses verwendet sie für die folgende Lehre: Wenn du in deinem Hause sitzest, ausgenommen derjenige, der sich mit der Ausübung eines Gebotes befaßt; wenn du auf dem Wege gehst, ausgenommen der Bräutigam. Hieraus folgerten die Weisen: wer eine Jungfrau ehelicht, ist [vom Šema͑lesen] frei, wer eine Witwe, ist verpflichtet.
5Wieso ist dies erwiesen?
6R. Papa erwiderte: Aus [dem Worte] Weg; wie der Weg Freigestelltes ist, so auch bei allem anderen, was freigestellt. –
7Es kann ja auch vorkommen, daß einer zur Ausübung eines Gebotes geht, dennoch sagt der Allbarmherzige, daß er [das Šema͑] lese!? – Demnach sollte der Allbarmherzige schreiben: beim Sitzen und beim Gehen, wenn es aber heißt: wenn du sitzest und wenn du gehst, [so bedeutet dies:] wenn du für dich sitzest und für dich gehst, bist du verpflichtet, wenn aber zur Ausübung eines Gebotes, bist du befreit. –
8Denmach sollte das auch von dem gelten, der eine Witwe ehelicht!? –
9Jener ist zerstreut, dieser aber nicht. –
10Wenn dies von der Zerstreuung abhängt, sollte auch der [befreit sein], dessen Schiff im Meere unterging!? Wolltest du sagen, dem sei auch so, wieso sagte demnach R. Abba b. Zabda im Namen Rabhs, der Leidtragende sei zu allen in der Tora genannten Geboten verpflichtet, mit Ausnahme der Tephillin, weil es von ihnen Kopfschmuck heißt, denn es heißt: lege dir deinen Kopfschmuck an!? –
11Da ist er durch die Ausübung eines Gebotes zerstreut, hierbei aber durch Freigestelltes.
12(– Und die Schule Šammajs!? –
13Dies verwendet sie zur Ausschließung desjenigen, der zur Ausübung eines Gebotes geht.) –
14Und die Schule Hillels!? – Ich will dir sagen, es ist selbstverständlich, daß man es auch auf dem Wege lese.
15Die Rabbanan lehrten: Die Schule Hillels sagt, man lese stehend, man lese sitzend, man lese angelehnt, man lese auf dem Wege gehend, und man lese Arbeit verrichtend. Einst waren R. Jišma͑él und R. Elea͑zar b. A͑zarja an einem Orte (beim Essen) beisammen. R. Jišma͑él angelehnt und R. Elea͑zar b. A͑zarja stehend; als die Zeit des Šema͑lesens heranreichte, lehnte sich R. Elea͑zar an und R. Jišma͑él richtete sich auf. Da sprach R. Elea͑zar b. A͑zarja zu R. Jišma͑él: Bruder Jišma͑él, ich will dir ein Gleichnis sagen, womit dies zu vergleichen ist. Dies ist ebenso, als wenn man zu einem sagt: dein Bart ist schön gewachsen, und er erwidert: für die Rasierenden. So auch du. Solange ich stand, warst du angelehnt, jetzt aber, wo ich mich anlehne, richtest du dich auf.
16Dieser erwiderte: Ich handelte nach der Ansicht der Schule Hillels, und du nach der Ansicht der Schule Šammajs. Und außerdem könnten die Schüler dies bemerken und die Halakha für immer so festsetzen.
17Wozu das ‘außerdem’!? –
18Du könntest erwidern: auch nach der Schule Hillels kann dies lehnend erfolgen. Aber dies nur dann, wenn man bereits angelehnt war, du aber hast bis jetzt aufrecht gestanden und dich erst jetzt angelehnt, somit könnte man glauben, hieraus sei erwiesen, daß wir es mit der Schule Šammajs halten, und wenn die Schüler dies bemerken, könnten sie die Halakha für immer so festsetzen.
19R. Jeḥezqel rezitierte: Wer nach der Lehre der Schule Šammajs verfährt, tut recht, und wer nach der Lehre der Schule Hillels verfährt, tut recht.
20R. Joseph aber sagt, wer nach der Lehre der Schule Šammajs verfährt, tut nichts, denn wir haben gelernt: Wenn jemand sich mit dem Haupte und dem größeren Teile des Körpers in der Festhütte, sein Tisch aber sich in der Wohnung befindet, so ist [die Festhütte] nach der Schule Šammajs unbrauchbar und nach der Schule Hillels brauchbar.
21Die Schule Hillels sprach zu der Schule Šammajs: Einst besuchten ja die Ältesten der Schule Šammajs und die Ältesten der Schule Hillels den R. Joḥanan Ben-Heḥoranith, und als sie ihn mit dem Haupte und dem größeren Teile des Körpers in der Festhütte und den Tisch in der Wohnung trafen, sagten sie ihm nichts!?
22Diese erwiderten: Hieraus ein Beweis. Sie sagten auch zu ihm: Wenn du stets so verfährst, so hast du nie im Leben das Gebot des Hüttenfestes ausgeübt.
23R. Naḥman b. Jiçḥaq sagte: Wer nach der Lehre der Schule Šammajs verfährt, ist des Todes schuldig, denn wir haben gelernt: R. Tryphon erzählte: Einst befand ich mich unterwegs und lehnte mich an, um das Šema͑ nach der Schule Šammajs zu lesen, und setzte mich der Gefahr aus, wegen der Räuber. Man erwiderte ihm: Du hast es verdient, selber Schuld über dich zu bringen, weil du die Worte der Schule Hillels übertreten hast.
24AM MORGEN SPRECHE MAN ZWEI SEGENSSPRÜCHE VORHER UND EINEN NACHHER; AM ABEND SPRECHE MAN ZWEI VORHER UND ZWEI NACHHER, EINEN LÄNGEREN UND EINEN KÜRZEREN.
25WO SIE EINEN LANGEN SEGENSSPRUGH ANGEORDNET HABEN, DARF MAN NICHT KÜRZEN, UND WO SIE EINEN KURZEN ANGEORDNET HABEN, DARF MAN NICHT VERLÄNGERN; WO DIE SCHLUSSFORMEL ZU SPRECHEN, DARF MAN SIE NICHT FORTLASSEN, WO DIE SCHLUSSFORMEL NICHT ZU SPRECHEN, DARF MAN SIE NICHT HINZUFÜGEN.
26GEMARA. Welchen Segensspruch spreche man?
27R. Ja͑qob erwiderte im Namen R. Oša͑jas:
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.