Berachot — Blatt 11b

1‘Er bildet das Licht und schafft die Finsternis’. –

2Sage man doch: ‘Er bildet das Licht und schafft den Glanz’!? –

3Man spreche, wie es in der Schrift heißt.

4Sprechen wir etwa auch ‘Er stiftet Frieden und schafft Böses’, wie es in der Schrift heißt!? Vielmehr heißt es in der Schrift ‘Böses’, und wir sagen beschönigend ‘alles’, ebenso sollte man beschönigend ‘Glanz’ sagen!?

5Vielmehr, erwiderte Raba, um das Kennzeichen des Tages bei Nacht und das Kennzeichen der Nacht bei Tage zu erwähnen. –

6Allerdings das Kennzeichen der Nacht bei Tage, wie wir gesagt; ‘Er bildet das Licht und schafft die Finsternis’, wieso aber das Kennzeichen des Tages bei Nacht!?

7Abajje erwiderte: [Man sagt ja:] ‘Er rollt hinweg das Licht vor der Finsternis und die Finsternis vor dem Lichte’. –

8Welcher ist der andere? R. Jehuda erwiderte im Namen Šemuéls: [Das Gebet] ‘Mit großer Liebe’. So lehrte auch R. Elea͑zar seinen Sohn R. Pedath: ‘Mit großer Liebe’.

9Desgleichen wird gelehrt: Man sage nicht ‘Mit ewiger Liebe’, sondern ‘Mit großer Liebe’. Die Rabbanan aber sagen, man sage ‘Mit ewiger Liebe’, denn es heißt: ich liebte dich mit ewiger Liebe, daher zog ich dich mit Gnade heran.

10R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls: Wer früh aufsteht, um zu lernen, muß, wenn bevor er das Šema͑ gelesen hat, den Segensspruch sagen, und wenn nachdem er das Šema͑ gelesen hat, ihn nicht sagen, denn er ist bereits durch [das Gebet] ‘Mit großer Liebe’ davon befreit.

11R. Hona sagte: Zum Studium der Schrift und des Midraš muß man den Segensspruch sagen, zum Studium des Talmud braucht man keinen zu sagen.

12R. Elea͑zar sagte: Zum Studium der Schrift und des Talmud muß man den Segensspruch sagen, zum Studium der Mišna braucht man keinen zu sagen.

13R. Joḥanan sagte: Auch zum Studium der Mišna muß man den Segensspruch sagen.

14R. Ḥija b. Aši erzählte nämlich: Oft stand ich vor Rabh, um (Abschnitte) aus dem Siphra der Schule Rabhs zu lernen. Er wusch zuerst seine Hände, las den Segensspruch und dann erst lehrte er uns den Abschnitt. –

15Wie lautet der Segensspruch? R. Jehuda erwiderte im Namen Šemuéls: ‘Der uns geheiligt hat durch seine Gebote und uns befohlen hat, uns mit den Worten der Tora zu befassen’.

16R. Joḥanan beendete ihn also: ‘Laß angenehm sein, o Herr, unser Gott, die Worte deiner Tora in unserem Munde, sowie in dem Munde deines Volkes, des Hauses Jisraél. Mögen wir alle, unsere Nachkommen und die Nachkommen deines Volkes, des Hauses Jisraél, deinen Namen erkennen und uns mit deiner Tora befassen. Gepriesen seist du, o Herr, der sein Volk Jisraél die Tora lehrt’.

17R. Hamnuna sprach also: ‘Der uns von allen Völkern erwählt und uns seine Tora gegeben hat. Gepriesen seist du, o Herr, der du die Tora gegeben’. R. Hamnuna sagte: Dieser ist der beste unter den Segenssprüchen.

18Daher sage man sie alle.

19Dort haben wir gelernt: Der Vorgesetzte rief ihnen zu: ‘Sprechet den einen Segensspruch’. Sodann sprachen sie ihn, lasen das Zehngebot, das ‘Šema͑ -vehaja-vajjomer’, sprachen mit dem Volke drei Segenssprüche: ‘Wahr und feststehend’, den Tempeldienstsegen und den Priestersegen; am Šabbath fügten sie einen Segensspruch für die abtretende Priesterwache hinzu. –

20Welchen einen Segensspruch? – R. Abba und R. Jose b. Abba trafen einst in einem Orte ein, und man fragte sie, welcher dieser eine Segensspruch sei; sie wußten es aber nicht. Da gingen sie und fragten es R. Mathna, aber auch er wußte es nicht. Als sie endlich zu R. Jehuda kamen und ihn fragten, erwiderte er ihnen: Šemuél sagte, [das Gebet] ‘Mit großer Liebe’,

21R. Zeriqa aber sagte im Namen R. Amis im Namen des R. Šimo͑n b. Laqiš, [das Gebet] ‘Er schafft das Licht’. Als R. Jiçḥaq b. Joseph kam, sagte er: Das, was R. Zeriqa gesagt [haben soll], ist nicht ausdrücklich gesagt worden, sondern aus einem Schlüsse gefolgert. R. Zeriqa sagte im Namen R. Amis im Namen des R. Šimo͑n b. Laqiš: Dies besagt, daß die Segenssprüche voneinander unabhängig sind.

22Erklärlich ist [die Folgerung], die Segenssprüche seien voneinander nicht abhängig, wenn man sagt, daß sie [das Gebet] ‘Er schafft das Licht’ lasen, da sie ja [das Gebet] ‘Mit großer Liebe’ nicht lasen,

Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.