Berachot — Blatt 12a
1wieso aber ist es erwiesen, daß die Segenssprüche voneinander unabhängig sind, wenn man sagt, sie lasen [das Gebet] ‘Mit großer Liebe’, vielleicht lasen sie [das Gebet] ‘Er schafft das Licht’ deshalb nicht, weil hierfür die Zeit noch nicht herangereicht war, jedoch lasen sie es später, wenn die Zeit hierfür heranreichte!?
2Was ist denn dabei, wenn aus einem Schlusse!? –
3Da nur aus einem Schlusse, so ist zu erwidern: tatsächlich lasen sie [das Gebet] ‘Mit großer Liebe’, und wenn die Zeit zum [Gebete] ‘Er schafft das Licht’ heranreichte, lasen sie auch dieses. – Wieso sind demnach die Segenssprüche voneinander unabhängig!? – die Reihenfolge der Segenssprüche.
4«Lasen das Zehngebot, das ‘Šema͑-vehaja-vajjomer’, ‘Wahr und feststehend’, den Tempeldienstsegen und den Priestersegen.»
5R. Jehuda sagte im Namen Šemuéls: Auch in der Provinz wollte man es lesen, wegen der Rederei der Minäer aber nahm man davon Abstand.
6Desgleichen wird gelehrt: R. Nathan sagte: In der Provinz wollte man es ebenfalls lesen, wegen der Rederei der Minäer aber nahm man davon Abstand.
7Rabba b. Bar Ḥana wollte es in Sura einführen, da sprach R. Ḥisda zu ihm: Längst hat man wegen der Rederei der Minäer davon Abstand genommen.
8Amemar wollte es in Nehardea͑ einführen, da sprach R. Aši zu ihm: Längst hat man wegen der Rederei der Minäer davon Abstand genommen.
9«Am Šabbath fügten sie einen Segensspruch für die abtretende Priesterwache hinzu.» Was war das für ein Segensspruch? R. Ḥelbo erwiderte: Die abtretende Priesterwache sprach zu der eintretenden (Priesterwache): ‘Der seinen Namen in diesem Hause wohnen läßt, lasse unter euch Liebe, Brüderschaft, Frieden und Freundschaft wohnen’.
10WO SIE EINEN LANGEN SEGENSSPRUCH ANGEORDNET HABEN. Selbstverständlich hat man sich seiner Pflicht entledigt, wenn man einen Becher Wein in der Hand hält und im Glauben, es sei Met, den Segensspruch in diesem Sinne begonnen, aber mit [der Formel] des Weines geschlossen hat, denn man genügt seiner Pflicht auch mit [der Formel] ‘Alles entsteht durch sein Wort’, wie wir gelernt haben: bei allen [Genüssen] genügt man seiner Pflicht, wenn man [die Formel] ‘Alles entsteht durch sein Wort’ gesagt hat;
11wie ist es aber, wenn man einen Becher Met in der Hand hält und im Glauben, es sei Wein, den Segensspruch in diesem Sinne begonnen, aber mit [der Formel] des Mets geschlossen hat:
12richten wir uns nach dem Hauptsegensspruche, oder richten wir uns nach dem Schlusse? –
13Komm und höre: Wenn man morgens mit [dem Gebete] ‘Er bildet das Licht’ begonnen und mit ‘Er läßt die Abende dämmern’ geschlossen hat, so hat man seiner Pflicht nicht genügt; wenn man aber mit [dem Gebete] ‘Er läßt die Abende dämmern’ begonnen und mit ‘Er bildet das Licht’ geschlossen hat, so hat man seiner Pflicht wohl genügt.
14Wenn man abends mit [dem Gebete] ‘Er läßt die Abende dämmern’ begonnen und mit ‘Er bildet das Licht’ geschlossen hat, so hat man seiner Pflicht nicht genügt; wenn man aber mit [dem Gebete] ‘Er bildet das Licht’ begonnen und mit ‘Er läßt die Abende dämmern’ geschlossen hat, so hat man seiner Pflicht wohl genügt.
15Die Regel hierbei ist: Man richte sich stets nach dem Schlusse. –
16Anders ist es hierbei, wo man [den Segen] ‘Gepriesen sei der Schöpfer des Lichtes’ gesagt hat. –
17Allerdings nach Rabh, welcher sagt, ein Segensspruch, in dem der Gottesname nicht erwähnt wird, sei kein Segensspruch, was ist aber nach R. Joḥanan einzuwenden, welcher sagt, ein Segensspruch, in dem das Königtum [Gottes] nicht erwähnt wird, sei kein Segensspruch!? –
18Vielmehr, da Rabba b. U͑la ja gesagt hat, dies geschehe, um das Kennzeichen des Tages bei Nacht und das Kennzeichen der Nacht bei Tage zu erwähnen, so bezieht sich der Segensspruch samt [der Erwähnung] des Königtumes von vornherein auf beides. –
19Komm und höre, aus dem Schlußsatze: Die Regel hierbei ist: Man richte sich stets nach dem Schlusse. Was schließt ‘die Regel hierbei’ ein? – sie schließt wohl den Fall ein, von dem wir sprechen. –
20Nein, sie schließt [den Fall von] Brot und Datteln ein. – In welchem Falle: wollte man sagen, wenn jemand Brot ißt und im Glauben, er esse Datteln, [den Segensspruch] in diesem Sinne begonnen, aber mit dem des Brotes geschlossen, so wäre es ja genau dasselbe!? –
21Nein, in dem Falle, wenn jemand Datteln ißt und im Glauben, er esse Brot, [den Segensspruch] in diesem Sinne begonnen, aber mit dem der Datteln geschlossen hat. Dieser hat seiner Pflicht genügt, denn er würde seiner Pflicht genügt haben, selbst wenn er mit dem des Brotes geschlossen hätte. –
22Aus welchem Grunde? – Weil Datteln ebenfalls nähren.
23Rabba, Sohn Ḥenana des Greisen, sagte im Namen Rabhs: Wer nicht morgens [das Gebet] ‘Wahr und feststehend’ und abends [das Gebet] ‘Wahr und treu’ liest, genügt nicht seiner Pflicht, denn es heißt: deine Gnade am Morgen zu verkünden und deine Treue in den Nächten.
24Ferner sagte Rabba, Sohn des Ḥenana, im Namen Rabhs: Wenn der Betende sich bückt, bücke er sich beim [Worte] ‘Gepriesen’, und wenn er sich aufrichtet, richte er sich [beim Aussprechen] des Gottesnamens auf.
25Šemuél sagte: Folgendes ist der Grund Rabhs, es heißt: der Herr richtet die Gebeugten auf.
26Man wandte ein: Und vor meinem Namen bückt er sich!? –
27Es heißt ja nicht ‘bei meinem Namen’, sondern ‘vor meinem Namen’.
28Šemuél sprach zu Ḥija b. Rabh: Gelehrtensohn, komm her, ich will dir etwas Schönes sagen, das dein Vater gesagt hat. Folgendes sagte dein Vater: Wenn man sich bückt, bücke man sich beim [Worte] ‘Gepriesen’, und wenn man sich aufrichtet, richte man sich beim [Aussprechen des] Gottesnamens auf.
Text: „Der Babylonische Talmud", übers. Lazarus Goldschmidt (1929, † 1950), gemeinfrei. Digitale Quelle: Sefaria.